Verkaufsverbot: Der Weg zum Alkoholiker ist schleichend

Alkoholkranke halten nichts von der Aufhebung. Zu Besuch beim Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe.

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Vom Verkaufsverbot sind vor allem Suchtkranke betroffen. Deren suchtspezifisches Verhalten ist es, ihre Alkoholvorräte gerade bei Nacht aufzufüllen“, sagen die Macher des Göppinger Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe – die wie alle anderen Betroffenen – hier nicht mit Namen genannt werden sollen. Durch das Wechseln der Tankstellen und Einkaufsmöglichkeiten wollten Alkoholkranke Auffälligkeiten vermeiden und verhindern, dass Angehörige etwas merken und möglicherweise einschreiten.

Der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe trifft sich jeden Dienstag in der Ziegelstraße, zuletzt diskutierten die Betroffenen über die Pläne der Landesregierung, das nächtliche Alkoholverkaufsverbot aufzuheben. „Gesunde Bürger benötigen keine nächtlichen Einkaufsmöglichkeiten, sie können ihr Trinkverhalten steuern und zu normalen Geschäftszeiten einkaufen“, sagt der Leiter der Runde, bevor er die Diskussion eröffnet. Dabei ist Allen im Raum klar, „dass es keinen Alkoholiker mehr oder weniger gibt, wenn das nächtliche Alkoholverkaufsverbot fällt“. Aber: „Die ständige Verfügbarkeit, die durch die Aufhebung noch verstärkt wird, steigt. Und die macht es vor allem Jugendlichen leicht, an das „Material zu kommen“, sagt ein Anderer. Denn der Weg zum Alkoholiker sei schleichend. „Ich bin da reingewachsen, mit Bier reingerutscht. Wenn Alkohol immer verfügbar ist, ist die Gefährdung höher. Er hat früher – vor dem Verkaufsverbot – zwei Jahre an einer Tankstelle gearbeitet. „Nachts war da viel los, auch um 3 Uhr wurde noch Bier gekauft und oft in der Nähe konsumiert.“ Manchmal sei die Polizei vor Ort gewesen. Besonders gefährlich sei es natürlich, wenn nach dem Konsum noch Auto gefahren werde.

Eine Frau in der Runde hat im Supermarkt in ihrer Nähe beobachtet, wer abends besonders viel Alkohol kauft: „Vor den Regalen mit Wein, Bier und Schnaps stehen dann viele Jugendliche. Die holen sich etwas zum ,Vorglühen’, bevor sie zu einer Party gehen.“ Allerdings seien Jugendliche „meist keine Alkoholiker, aber sie sind gefährdet“, sagt der Diskussionsleiter.

Im Blick haben müsse man vor allem die Kinder von Betroffenen, das ist allen im Raum sehr wichtig. „Kinder sind das schwächste Glied in der Kette. Ich schäme mich heute dafür, was ich getan habe, als ich nass war“, sagt einer. Seit 23 Jahren ist er trocken, aber es ist ihm immer noch arg. Er habe seine Kinder nicht geschlagen, aber in die Wirtschaft geschickt, um Bier zu holen. Alle hätten gelitten. Die Kinder eines anderen Teilnehmers wurden gehänselt, „dein Vater ist doch ein Suffkopp“, sei ihnen zugerufen worden. Die Kinder hätten sich von ihren Schulkameraden zurückgezogen. Und eine Frau weiß aus eigener Erfahrung: „Kinder versuchen, in der Familie so etwas wie Normalität aufrecht zu erhalten. Sie werden zu kleinen Erwachsenen und verlieren ihre Kindheit.“

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