Urlaub mit Freunden am Nortel

Die Weltmeisterschaft bei Gruibingen bringt für eine Woche Hobbykollegen aus zwölf Nationen zusammen. Ein Besuch im Fliegercamp, wo die Uhrentafel den Takt vorgibt.

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Der Flugplatz Nortel im Zeichen einer WM: Großsegler-Modellflugzeuge reihen sich auf der Wiese, den ganzen Tag über ist Betrieb. Abends sitzt man zusammen.  Foto: 

Der Tag ist noch jung, als Kaj und Benthe Nielsen ihr Flugzeug für den Wettbewerb vorbereiten. 8 Uhr, das Frühstück ist schon vorbei. Seit halb sieben sind sie auf den Beinen. Von der Sonne geweckt, wie so viele in dem Camp, das sich am Flugplatz Nortel gebildet hat. Es zieht sich mit Zelten, Wohnmobilen und Autos hinter dem großen Festzelt, das sich am Rand des Flugplatzes erhebt. Die Nielsens sind die ersten, die ihr Flugzeug hinter der Absperrung im taufeuchten Gras aufrüsten. Aber der Eindruck täuscht. „Die anderen machen das im Camp“, sagt der 74-Jährige.

Vor zwei Jahren hat sich der Däne so einen Superflieger zugelegt. Modellflugzeuge hat er freilich schon immer geflogen. Jetzt also auch ein großes mit 6,60 Meter Spannweite. Er witzelt: Als alter Mann brauche er einen großen Flieger, damit er ihn noch sehe. Richtig ist: Er ist mit sich zufrieden. „Ich liege gut im Rennen, bis jetzt.“ Seine Frau teilt seine Begeisterung fürs Modellfliegen. Beide haben 1100 Kilometer Anreise auf sich genommen. Aus Billund kommen sie, der Heimat der Lego-Steine.

„Good morning, this is the first announce“. Über Lautsprecher schallt die erste Durchsage von Wettbewerbsleiter Bernhard Prade. Er steht nahe der Uhrentafel auf der Wiese, die sich bald mit Großsegler-Modellen füllen wird. 30, 40 sind das dann, und zum Startplatz werden sie im Dutzend getragen oder gerollt. So ein Defilee der Flugmodelle gab es am Nortel noch nie, sagt Organisator Jörg Etzler. Das ist auch Rekord bei einer GPS-Triangle-Weltmeisterschaft. 55 Teilnehmer sind am Start, die meisten fliegen in beiden Klassen.

Was man dem Wettbewerbsleiter nicht ansieht: Eigentlich würde er lieber fliegen. Der Mann mit dem Strohhut aus Donauwörth gehört zu einem Team von sieben Flugzeugbauern in Burgau, die ein eigenes Modell konstruiert haben und es hier bei der WM testen. Mit vier Maschinen sind sie angerückt. Und einer liegt nach den ersten Durchgängen auf Platz 4. „Sehr ermutigend“, nickt Prade. Er ist der Avioniker im Team, Spezialist für die Elektronik, und als Pilot noch nicht so weit. Aber das kommt noch. Nur: Weil er nicht mitfliegt, muss er den Wettbewerbsleiter machen. „Verdonnert“ haben sie ihn  dazu. Er weiß freilich, was Sache ist, er fliegt in der Klasse F5J, mit kleineren Maschinen. Eine Assistentin hat er in Anna Schütz (11), Tochter eines der Flugzeugbauer. Sie hat schon Platz drei bei den Deutschen Meisterschaften in der Jugendwertung geholt. Mit „Free Willy“, einem Eigenbau des Vaters. Sie findet es klasse, bei dieser WM mitten im Geschehen zu sein. Prade lobt sie. „Sie hat ein sehr wachsames Auge.“

Jens Buchert ist der einzige Teilnehmer aus dem Kreis. Dies aber nicht als Mitglied des Aero-Clubs Göppingen-Salach, dem Gastgeber. Der hat soviele Modellflieger nicht, sagt Etzler, und er selber könnte, wenn er wollte, gar nicht mitmachen – er ist als Organisator und Moderator von früh bis spät gefragt. Jens Buchert, ein Eislinger, gehört zu einem Team von sechs Leuten und fliegt normalerweise eine andere Klasse. Mit einem Mitstreiter aus Kulmbach ist er jetzt bei seiner ersten Großsegler-WM. Für ihn ein Heimspiel. Und großartig. Er genießt es, auf dem Nortel zu fliegen und zu campen. „Einfach Spaß haben“ sei das.  „Urlaub mit Freunden.“

Am Nortel „alles super“

Andrej Vrecer hatte auch schon ein Heimspiel. Das war bei der WM vor zwei Jahren in Slowenien. Heiß war es da, sagt er, um die 40 Grad. Jetzt ist er für zwölf Tage mit Frau und den kleinen Kindern hier. Die 700 Kilometer seien okay. Nach Spanien, wo auch schon eine WM war, wäre es ihm zu weit. Auf dem Nortel gefällt es ihm: der Platz, die Organisation, die Atmosphäre. „Alles super.“ Tagsüber fliegen, abends im Camp – was will man mehr. Der Slowene hat Ehrgeiz. In der oberen Tabellenhälfte will er schon landen.

Ein 62-Jähriger aus München stuft sich anders ein: Er sei nicht gut genug für die vorderen Plätze. Dabei ist er ein alter Hase. Kaum einer fliege Modellflugzeuge länger als er. Mit dem Großsegler mache es Spaß, und da kann er auch Ungemach wegstecken. Seine erste Maschine, so erzählt er locker, kollidierte mit einem Dach-Funkmast bei der Messe München. „Haben Sie vielleicht gehört.“ Jetzt ist er mit seiner zweiten hier, und sitzt ganz entspannt im Stuhl, zehn Minuten vor dem Start. Erst wenn’s losgeht, „schlägt der Puls schon etwas schneller“.

Unfälle – sie sind auch am Nortel ein Thema. Es gab schon einen Zusammenstoß in der Luft, sagt der Wettbewerbsleiter. Eine der beschädigten Maschinen sei wieder flott gemacht worden und dann aus anderem Grund, ohne Vorschaden, im Wald gelandet. Daraufhin hat Prade die Sicherheitsbestimmungen verschärft.

Helfer Vereinsleute müssen anpacken für die WM: 15 bis 20 Helfer braucht man an einem Wochentag, 20 bis 30 am Wochenende. Manche opfern dafür eine Woche Urlaub. Nötig war das bisher noch nie, sagen Vereinsschaffer. Was vorkam, war ein angehängter Tag an ein Wochenende.

Linienrichter Was das Reglement mit sich bringt: Man braucht drei Linienrichter, die das korrekte Landen im vorgegebenen Feld überwachen. Etwa jeder zwölfte patzt, stellt Wolfgang Jester aus Uhingen fest. Diese Aufgabe ist auch für ihn, einen altgedienten Fluglehrer, neu. Er steht den ganzen Tag bereit. Es gibt auch Schichten.

Programm Der Wettbewerb läuft noch bis Samstag, heute und morgen jeweils von 9 bis 19 Uhr. Siegerehrung am Samstag gegen 16 oder 17 Uhr, dann Galadinner und Musik mit open end. Rudi Hartl aus Gruibingen spielt Rock und Pop.

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