Uhinger Oberdorfkindergarten wird 125 Jahre

Er zählt zu den ältesten Kindergärten im Land: Auf eine 125-jährige Geschichte kann der evangelische Oberdorfkindergarten in Uhingen zurückblicken. Am Sonntag wird der Geburtstag gefeiert.

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Auch heute haben die Kinder im Oberdorfkindergarten noch jede Menge Spaß. Foto: Privat

Vor wenigen Wochen besuchten die vier- bis sechsjährigen Kinder der Bärengruppe des Oberdorfkindergartens die Kunstausstellung von Anton Stankowski im Schloss Filseck. Dort wurden sie schon von einer Kunstführerin speziell für Kinder erwartet. Diese brachte die Kinder spielerisch zur intensiven Betrachtung der dargestellten Fotos, die spielende Kinder aus den Jahren 1930 bis 1950 zeigten. Die Ausstellungsführerin erklärte den Kindern, dass es zu dieser Zeit noch keine Kindergärten gab. Doch das stimmt nachweislich nicht: Der evangelische Oberdorfkindergarten wird in diesem Jahr 125 Jahre alt, ein stolzes Alter für einen Kindergarten.Er gehört sicher zu den ältesten Kindergärten im Land. Im Jahr 1887 wurde der älteste Teil des Gebäudes des heutigen Oberdorfkindergartens erbaut.

Die Uhinger"Kleinkinderschule" war ein echtes Gemeinschaftswerk: Finanziell unterstützt durch die damals florierende Bleicherei Uhingen und die Gemeinde, hat die damalige Uhinger Kirchenstiftung das Gebäude errichtet und das"Schüle" an der damaligen Lindenstraße betrieben. Der Kirchenstiftungsrat, der das Vermögen der evangelischen Uhinger Kirchgenossen verwaltete, war der Vorläufer des Kirchengemeinderats, der in Uhingen ab 1889 von den Gemeindegliedern direkt gewählt wurde. Dem Kirchenstiftungsrat gehörte auch der gesamte damalige Gemeinderat an.Er traute ganz offenkundig dem diakonischen Engagement der evangelischen Kirche die beste Betreuung und Begleitung der bald 80 bis 100 Kinder ab drei Jahren zu.

Für die Bleicherei, die Spinnwebereien und die anderen aufstrebenden Uhinger Industriebetriebe war das"Kinderschüle" ein wichtiger Standortfaktor: Wenn die Kinder versorgt waren, konnten die Mütter als Arbeitskräfte gewonnen werden - ein entscheidender Vorteil für das Wachstum der Uhinger Industrie. Aber auch für das kirchliche Leben war das Gebäude von großem Vorteil. Manche Gruppe des 1902 gegründeten Uhinger Jünglingsvereins (heute CVJM) war dort ebenso beheimatet wie viele andere kirchliche Gruppen und Kreise. Immer wieder erinnern sich ältere Uhinger, dass auch die Bibelstunde und der Konfirmandenunterricht dort stattgefunden haben.

Eine schwierige Phase durchlief die Kleinkinderschule nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflationszeit. Das Geld warüberall knapp und so bat die Kirchengemeinde die Gemeindeverwaltung, die Betreuung der Kinder zu übernehmen. Doch auch die Gemeinde war dazu nicht ohne weiteres in der Lage. So zogen sich die Überlegungen zur Zukunft der Kleinkinderschule jahrelang hin. Diese Situation suchte die Uhinger NSDAP ab1933 auszunutzen und die Kinderarbeit gleichzuschalten. Das"Schüle" sollte in die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) eingegliedert und entsprechend geführt werden. Bis 1943 konnte dies noch verhindert werden, doch in den letzten beiden Kriegsjahren unterstand der Kindergarten ganz der NSV.

1946 wurde erneut die Evangelische Kirchengemeinde mit der Kindergartenarbeit im Oberdorf beauftragt. Durch einen Tausch von Grundstücken und die Zahlung eines Ausgleichbetrags ging das Gebäude endgültig in das Eigentum der Kirchengemeinde über. Die Stadt Uhingen unterstützt seither die evangelische Kindergartenarbeit durch finanzielle Beiträge.

Im Kindergarten Oberdorfstraße prägten nach dem Krieg jahrzehntelang Schwestern der Großheppacher Diakonissen aus Beutelsbach die Arbeit. Lange Zeit wohnten sie auch im Obergeschoss des Kindergartens. Immer wieder wurde das Gebäude aus- und umgebaut. Eine der größeren Erweiterungen war der Anbau des Sanitärbereichs 1952. Seit 1986 wird auch die gesamte ehemalige Schwestern-Wohnung für den Kindergartenbetrieb genutzt. Den beiden Gruppen stehen seither jeweils ein großer Gruppenraum im Erdgeschoss und mehrere Räume für kleinere Gruppen im Obergeschoss zur Verfügung.

Auch konzeptionell hat sich seit der Gründung der Kleinkinderschule sehr viel verändert, ganz besonders in den vergangenen Jahren. Heute gibt es im Oberdorfkindergarten auch Betreuungsplätze für zweijährige Kinder. Ein Schwerpunkt ist die Sprachförderung. Sie umfasst die Kinder ab zwei Jahren bis zum Schuleintritt. Sie findet in speziellen Fördergruppen statt und spielt auch im Kindergartenalltag eine große Rolle. Seit Juni 2012 gehört der Oberdorfkindergarten zu den Kindergärten in Deutschland, die am Projekt"Frühe Chancen" des Bundesfamilienministeriums teilnehmen, dass die Intensivierung der Sprachförderung und der Integration als Ziele verfolgt.

Eine andere Besonderheit ist der Wald- und Wiesentag. Mit Rucksack und wetterfester Kleidung ziehen die Kinder und ihre Mitarbeiterinnen immer montags bei fast jedem Wetter los. So können die Kinder die Natur mit allen Sinnen erleben. Im kommenden Jahr steht die nächste Veränderung an: Ab dem 1. September 2013 soll es auch im Oberdorfkindergarten eine Ganztagesbetreuung geben. Dazu wird das Gebäude erneut umgebaut und teilweise renoviert.

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