Überversorgt trotz Ärztemangel Nur wenige Orte im Alb-Donau-Kreis profitieren vom Landärzte-Programm

Das Landärzte-Programm soll die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern. Davon profitieren aber nur wenige Kommunen im Kreis: Weil die meisten zum überversorgten "Mittelbereich Ulm" zählen.

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"Akutes Fördergebiet" sind nur Nellingen und Heroldstatt. Diese Gemeinden sind medizinisch unterversorgt. Agenturfoto

Letztlich hat es in Lonsee doch geklappt: Mit Dr. Peter Zwerg wurde ein Nachfolger für die Praxis von Dr. Armin Fabian gefunden. Und darüber ist Jochen Ogger froh, sind Ärzte auf dem Land doch ein "ungemein wichtiger Standortfaktor". Das Thema hat den Lonseer Bürgermeister einiges an Zeit und Nerven gekostet. "Wir haben alles versucht, um für den Nachfolger einen Zuschuss aus dem Landärzte-Programm des Landes zu bekommen", sagt er. Er habe Briefe geschrieben ans Sozialministerium, die Kassenärztliche Vereinigung, ans Landratsamt. Geholfen hat es nicht, denn Lonsee gehört wie der ganze nördliche Alb-Donau-Kreis bei der Versorgung mit Ärzten zum "Mittelbereich Ulm". Und der ist zu 121,5 Prozent versorgt. Ab 110 Prozent gilt ein Gebiet aber als überversorgt, es dürfen sich keine neuen Ärzte niederlassen und es gibt keinen Zuschuss aus dem Landärzte-Programm. Die Bedarfsplanung erstellt der Landesausschuss für Ärzte und Krankenkassen.

Über diese Zuordnung ärgert sich Bürgermeister Ogger mächtig. Denn es sei nur logisch, dass es in Ulm als Oberzentrum sehr viele Ärzte gibt, aber Gemeinden weiter weg, etwa Lonsee oder Altheim/Alb, hätten mit denselben Problemen zu kämpfen wie andere ländliche Gemeinden auch: Dass nämlich junge Ärzte sich dort nicht niederlassen wollen. Dass Dr. Zwerg die Praxis in Lonsee auch ohne Zuschuss aus dem Programm übernommen hat, freut Jochen Ogger daher doppelt.

Das Landärzte-Programm ist ein Pilotprojekt, das mit zwei Millionen Euro ausgestattet ist. Damit will Baden-Württemberg die hausärztliche Versorgung auf dem Land sichern. Junge Ärzte, die sich dort niederlassen oder eine Praxis übernehmen, können Zuschüsse zwischen 10 000 und 30 000 Euro erhalten. Wie Helmut Zorell, Pressesprecher des baden-württembergischen Sozialministeriums, sagt, sind im vergangenen Jahr 32 Anträge für das Programm eingegangen und 700 000 Euro ausbezahlt worden. Geld erhält nur, wer mit seiner Praxis in einem "akuten Fördergebiet" liegt. Im Alb-Donau-Kreis sind dies nur Heroldstatt und Nellingen. Als "perspektivisches Fördergebiet" ist Schelklingen aufgelistet. Diese Fördergebiete habe das Sozialministerium festgelegt, unter anderem auf Basis von Daten der Kassenärztlichen Vereinigung. Eine Rolle spielen dabei der Versorgungsgrad mit Ärzten und auch die Altersstruktur. Dass die Einteilung vom Juni 2013 stammt und daher nicht mehr aktuell ist, sei kein Problem, meint Zorell: "Die Liste ist nur ein Aufhänger, wenn sich in einer Kommune etwas geändert hat, kann sich ein Arzt direkt beim Ministerium melden."

Er verweist auf ein weiteres Element, mit dem das Land die medizinische Versorgung verbessern will: Es unterstützt auf Kreisebene die Einrichtung sogenannter "Kommunaler Gesundheitskonferenzen". Mithilfe dieser Plattform sollen möglichst viele Beteiligte aus dem Bereich Gesundheit unter Mitwirkung der Bürger die Versorgungsstrukturen weiterentwickeln. Gesundheitskonferenzen werden vom Ministerium bereits in 28 Land- und sechs Stadtkreisen gefördert. "Sie bringen unheimlich viel", sagt Zorell. Um eine solche Konferenz zu etablieren, müsse der entsprechende Kreis selbst aktiv werden.

Laut Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, gibt es im Alb-Donau-Kreis derzeit 145 niedergelassene Hausärzte. Der Mittelbereich Blaubeuren/Laichingen ist lediglich zu 101,7 Prozent versorgt. Dort können sich also neue Mediziner niederlassen. Tatsächlich wird derzeit in dem Bereich ein Praxis-Nachfolger gesucht, im Mittelbereich Ulm sind es übrigens zwei, einer davon in Langenau. Der Mittelbereich Ehingen ist dagegen mit 126,2 Prozent überversorgt und liegt damit bei der Zahl der Ärzte pro Einwohner noch vor Ulm und Biberach.

Medizinische Versorgungszentren als Alternative

Alternative Viele Ärzte in der Region gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand, darauf wies die CDU-Fraktion im Kreistag des Alb-Donau-Kreises hin: "Nachfolger zu finden, ist oft sehr schwierig, manchmal schon unmöglich", schreibt der Fraktionsvorsitzende Karl Traub in einer Mitteilung. Die kreiseigene Krankenhaus GmbH sei damit beauftragt, Lösungen für das Problem zu finden. Traub schlägt vor, in Gegenden, in denen sich kein selbstständiger Arzt niederlassen will, medizinische Versorgungszentren zu gründen, wie sie bereits in Langenau und Munderkingen bestehen. Dort sind jüngere Allgemeinmediziner angestellt, die von geregelten Dienst- und Bereitschaftzeiten profitieren. "Das böte sich auf der Alb oder im Raum Ehingen-Erbach an", sagte Traub auf Nachfrage. Es gebe diesbezüglich bereits Gespräche, Genaueres könne er aber nicht sagen, nur so viel: "Die Verwaltung der Krankenhaus GmbH ist dran."

SWP

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