Salacher Flüchtlinge hoffen auf Ausbildungsplätze

Junge Flüchtlinge, die vor eineinhalb Jahren als Minderjährige in Salach gestrandet sind, machen sich sehr gut in der Schule. Einige haben Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz.

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Den geben wir nicht mehr her“, sagt Regina Dambacher entschieden. Sie ist „die Frau vom Chef“ der gleichnamigen Schlater Baufirma und die Rede ist von Aly. Der 17-Jährige, der einmal in der Woche als Praktikant mit den Maurern auf die Baustellen geht, ist ein Mitarbeiter, wie ihn sich jeder Chef wünscht: „Geschickt, hilfsbereit, willig und er denkt mit“, so fasst Regina Dambacher die Erfahrungen mit dem jungen Flüchtling aus Westafrika zusammen. Nichts sei ihm zu viel, wenn es nach ihr und ihrem Mann gehe, könnte Aly sofort eine Ausbildung bei ihnen beginnen.

Nichts wäre ihm lieber, meint der 17-Jährige. Mit einem Ausbildungsplatz würde ein Traum für ihn in Erfüllung gehen. Aber noch gibt die Agentur für Arbeit kein grünes Licht, weil  sein Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Wie Aly träumen auch seine Mitschüler, die vor einem Jahr beim Internationalen Bund (IB) in Eislingen in ihre deutsche Schulkarriere mit dem Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf (Vabo) gestartet sind, von einer Zukunft in Deutschland. 20 junge Männer, die als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Salach gestrandet sind, bereiten sich hier auf die Deutschprüfung vor und und werden in Alltagskompetenz geschult. Alle hoffen, nach den Pfingstferien den A-2- oder B-1-Sprachtest zu bestehen.

Karin Janissek ist da sehr zuversichtlich. „Die meisten haben sehr gute Chancen, zu bestehen“, sagt die Lehrerin, die die Klasse seit einem Jahr unter ihren Fittichen hat. Janissek ist voll des Lobs über ihre hochmotivierten und fleißigen Schüler. „Die meisten sind sehr wissbegierig und lernen zusätzlich zu den Lerneinheiten hier noch nachmittags oder am Wochenende.“ Einige seien als Analphabeten gekommen und könnten sich nach eineinhalb Jahren in Deutschland gut verständigen, seien sogar in der Lage, einfache Briefe zu schreiben.

Diese Leistung sei angesichts der Geschichte der Schüler, die aus Gambia, Mali, Somalia, Af­ghanistan, Bangladesh und Syrien stammen, nicht hoch genug einzuschätzen, erklärt Svenja Windisch, Schulleiterin beim IB in Eislingen. Erschütternde Geschichten hat Karin Janissek von ihren Schülern, die öffentlich darüber nicht sprechen wollen, gehört. „Teilweise waren sie jahrelang auf der Flucht und stark traumatisiert.“ Einige kämen damit besser zurecht, andere seien suizidgefährdet. Auch das Leben in einer neuen, fremden Kultur falle nicht immer leicht, „manche gehen nicht aus dem Zimmer, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen“.

Schlafstörungen sind die Regel. Zum Verlust der Heimat  kommt die Furcht vor der Abschiebung. „Ich kann nicht zurück, das macht mir Angst“, erzählt ein 18-Jähriger aus Afghanistan, dessen Asylantrag schon einmal abgelehnt wurde und der jetzt auf den Bescheid über seinen Widerspruch wartet. Auch ein 19-Jähriger aus Gambia sitzt wie auf Kohlen. Er hatte bereits eine Anhörung, die wegen des sehr schlechten Dolmetschers zum Desaster geraten sei. Die verstünden oft die westafrikanischen Dialekte nicht und könnten deshalb die wahren Hintergründe der Flucht nicht rüberbringen. „Ängste und Emotionen in einer fremden Sprache auszudrücken, ist sehr sehr schwierig“, betont Karin Janissek.

Die engagierte Lehrerin leidet ein Stück weit mit ihren Schülern mit. „Sie sind noch so jung und müssen sich mit Dingen beschäftigen, die Gleichaltrige hier gar nicht kennen.“ Wer von Angst und Depressionen geplagt ist, kann sich eigentlich nicht aufs Lernen konzentrieren, „trotzdem fehlen die meisten ganz selten im Unterricht“, betont Janissek.

Was die Lebensumstände in Deutschland betrifft, haben es nicht alle so gut wie der 17 Jahre alte Saikou, der nach abenteuerlicher Flucht mit dem Boot übers Mittelmeer zunächst in Sizilien strandete und jetzt bei einem Ehepaar in Salach ein Zuhause gefunden hat. Vier inzwischen volljährige Flüchtlinge hausen in einer 14-Quadratmeter-Wohnung. Der Platz reiche nicht einmal für einen Schreibtisch zum Lernen, erzählt Karin Janissek. Die Jungs sind trotzdem zufrieden: „Wir kochen und lernen zusammen“, gegessen werde an einem kleinen Couchtisch, „alles ist gut“.

Saikou möchte nach dem Vabo auf jeden Fall den Hauptschulabschluss machen, wie Ibrahim, der ein Praktikum in der Küche des Gasthauses Lamm in Schlat absolviert. Auch dem 17-jährigen aus Mali sei ein Ausbildungsplatz fürs kommende Jahr in Aussicht gestellt worden. Den Schulabschluss brauche er aber, damit er die Berufsschule schaffe, sagt er. Wenn es mit dem Ausbildungsplatz dieses Jahr nicht klappt, will auch Aly, der noch im ehemaligen Hotel Klaus in Salach wohnt und inzwischen schwimmen gelernt hat, weiter zur Schule gehen. „Ich will hier bleiben und weiter nach vorne gehen.“

Bildungsträger Der Internationale Bund (IB) ist ein deutschlandweit tätiger Dienstleister in den Bereichen Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit. Am Standort Eislingen sind berufliche Schulen wie kaufmännische und technische Berufskollegs sowie VAB-Klassen (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf für Schüler mit und ohne Deutschkenntnisse) untergebracht.

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