Tatzen für einen Tintenklecks

Das alte Westerheimer Schulgebäude wird 100 Jahre alt. Das wird morgen ab 14 Uhr gebührend gefeiert. Wie ist es gebaut worden? Wie war Schule früher? Alte Westerheimer und der Schulleiter erzählen.

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Das Schulhaus wurde 1914 nach den Plänen von Architekt Walter aus Leutkirch gebaut, der aus Westerheim stammte.

Wie war Schule vor 100 Jahren? Das kann sich heute wohl kaum jemand vorstellen. Woher kamen die Baustoffe, die für den wunderschönen Prachtbau in Westerheim benötigt wurden? Damals gab es noch kein Baustoffgeschäft, wo man Steine, Träger, Mörtel und dergleichen bestellen konnte. Eugen Walter aus Westerheim weiß Näheres über den Bau des Schulhauses, das 1914 erbaut wurde. Es sei ein richtiges Westerheimer Urgestein. "Die Steine der Schule wurden in Westerheim Richtung Hohenstadt gebrochen und verbaut", erzählt er. Morgen soll das 100-jährige Bestehen gebührend gefeiert werden.

Das Schulhaus wurde für 70 000 Mark erbaut und hatte drei Klassenräume, ein Lehrerzimmer und zwei integrierte Lehrerwohnungen. Das Mobiliar war für damalige Zeiten mit zweisitzigen Schulbänken mit aufklappbarer Tischplatte und zwei Tintenfässchen sehr modern. Mädchen und Buben trugen damals Röcke, einen Schulranzen hatten die wenigsten. Die Familien waren zu arm und die Kinder hatten außer dem hölzernen Griffelkasten nicht viel mitzunehmen. Am Ende des Griffels war meist ein Hasenschwänzchen angebracht, damit die Spitze des Griffels nicht abbrach. Die Schiefertafel mit Schwamm und Lappen trugen die Kinder in selbst angefertigten Täschchen, in die noch das karge Vesper, oft nur trockenes Brot, hineinpasste.

1918 gab es neben den "normalen" Ferien wie etwa zur Heuernte, zur Getreideernte und zum Kartoffelstecken zusätzlich Vakanzen zum Bucheckernsammeln, zum Laubheusammeln und zur Unkrautbekämpfung. So kamen die Kinder statt auf 65 auf insgesamt 101 Ferientage. Die freien Tage dienten allerdings nicht dem Faulenzen, sondern dem Arbeiten. Im Schuljahr 1919/20 unterrichteten vier Lehrer 271 Schüler, was eine Klassenstärke von zirka 67 Schülern bedeutet - heutzutage wäre dies undenkbar. 1940 wurden wegen des Mangels an Kohle nur noch zwei Schulräume geheizt. Der Unterricht fand in Schichten statt. Im Jahr 1973 ging Westerheim die "Schulehe" mit der Gemeinde Hohenstadt ein.

Das Schulgebäude blieb im Krieg wie die Sankt-Stephanus-Kirche und das alte Rathaus unversehrt. 1973 jedoch brannte der Dachstuhl der Schule lichterloh. Es entstand damals ein Schaden von zirka 400 000 Mark. 1975/76 waren die Schülerzahlen bundesweit auf Talfahrt - in Westerheim wurden 383 Schüler in acht Grund- und fünf Hauptschulklassen unterrichtet.

In früheren Zeiten war Angst der tägliche Begleiter der Schüler. Tatzen und Hosenspanner mit dem "Meerrohr" waren die Strafen für geringe "Vergehen" wie ein Tintenklecks. Heute ist das undenkbar.

Als im Jahr 1984 die Albhalle gebaut wurde, durften die Schüler zwischen "Steine lesen" und "Hausaufgaben machen" wählen, erinnert sich eine Mutter aus Westerheim. "Da mein Sohn nicht sehr gerne lernte, war es keine Frage, dass er lieber an der Albhalle beim Stoi- glauba half", erzählt sie und lacht.

2007 wurde das alte Schulgebäude energetisch saniert und eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach installiert. Damals erhielt das Gebäude seine heutige leuchtend gelbe Fassade. "Die damaligen Schüler hatten die Farbe ausgewählt und in der Gemeinderatssitzung die Ratsmitglieder überzeugt", erzählt der langjährige Schulleiter Günter Knaupp. 2012 wurden im Keller Toiletten eingebaut und 2013 wurde der Eingang neu gestaltet.

Morgen wird gefeiert

Geburtstagsfeier Das alte Schulhaus in Westerheim wird 100 Jahre alt, das wird morgen ab 14 Uhr mit einem Schulfest gefeiert. Es gibt einen Bücherflohmarkt, eine Schminkecke, einen Streichelzoo, Witzfotos, eine Slackline, eine Hüpfburg und natürlich Kaffee und Kuchen. Zu Beginn halten Bürgermeister Hartmut Walz und Schulleiter Günter Knaupp Reden.

SWP

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