Süßen baut neue Unterkunft für bis zu 80 Flüchtlinge

Süßen wird an der Querstraße eine weitere Unterkunft für 60 bis 80 Flüchtlinge errichten. Dort soll ein Gebäude mit ordentlichen Wohnungen entstehen, das auch später noch genutzt werden kann. Mit einem Kommentar von Daniel Grupp.

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Neben der bestehenden Flüchtlingsunterkunft (im Hintergrund) in Süßen an der Bizetstraße wird eine weitere Unterkunft für bis zu 80 Menschen gebaut.  Foto: 

Derzeit sind in der Gemeinschaftsunterkunft an der Bizetstraße in Süßen 90 Asylbewerber untergebracht. Die Stadt erwartet, dass die Plätze nicht reichen werden. Bis Ende 2016 werden Süßen vermutlich 166 Personen zugewiesen. Darauf möchte die Verwaltung vorbereitet sein und errichtet neben der bestehenden Gemeinschaftsunterkunft parallel zur Querstraße ein weiteres Gebäude, das vermutlich im Mai 2016 bezogen werden kann. Der Gemeinderat hat dies am Montagabend einstimmig gebilligt.

Der Neubau wird aus Holz gefertigt. Dafür wurden Angebote eingeholt. Den Zuschlag erhielt die Firma Holzbau Göser aus Rechberghausen. Das zweigeschossige Haus, das ans Fernwärmenetz des Bizetbads angeschlossen wird, kostet etwa eine Million Euro, berichtete Bauamtsleiterin Andrea Just. Sie sprach von einem „relativ qualitätsvollen“ Gebäude. Damit will die Stadt eine Nachnutzung möglich machen, wenn einmal weniger Sammelunterkünfte benötigt werden. Im Neubau könnten dann Flüchtlingsfamilien oder andere sozial schwächer gestellte Menschen wohnen.

Weil die Verfahren gestrafft wurden, würden die Erstaufnahmelager schneller geräumt, erläuterte Bürgermeister Marc Kersting. Die Flüchtlinge kämen daher rascher in den Kreisen und Kommunen an. Turnhallen oder Zelte hält Kersting für falsch: „Wir wollen, dass sich alle Menschen in Süßen wohlfühlen.“ Es sei ein christliches Gebot, sie ordentlich unterzubringen.

Vorteile überwiegen

Dem Bürgermeister ist auch klar, dass die Anwohner nicht alle Hurra rufen werden. Unter den rund 30 Personen, die die Sitzung verfolgten, war ein Teil Anlieger. Sie hörten ruhig zu, Zwischenrufe waren nicht zu hören. Als die Tagesordnung abgeschlossen war, nutzten die Süßener die Gelegenheit, um mit ihrem Bürgermeister ins Gespräch zu kommen und Kersting nahm sich die Zeit. Er zeigte, dass er, wie zugesagt, die Belange der Nachbarn ernst nimmt. „Ich weiß, dass es Ängste bei den Anwohnern gibt.“ Es sei schon überlegt worden, ob neben der bestehenden Unterkunft eine weitere eingerichtet werden soll. „Eine größere Zahl Menschen an einem Ort kann ein Problem sein.“

Aus Kerstings Sicht überwiegen aber die Vorteile gegenüber einer Verteilung aufs ganze Stadtgebiet. In der Bizetstraße seien schon Hausmeister, Heimleitung und Sozialbetreuung präsent. Zudem setzt er auf die Hilfe der etwa 80 ehrenamtlichen Helfer in Süßen, die von seinem persönlichen Referenten, Ignazio Ceffalia, koordiniert werden.

Den Dank an die Hilfe der Ehrenamtlichen betonten auch die Sprecher der Gemeinderatsfraktionen. Die Betreuung vor Ort sei gut, nannte Udo Rössler (SPD) einen Vorteil der Verdichtung. „Wir hatten bisher in dem Quartier keine größeren Probleme.“ Rössler findet es gut, dass Unterkünfte geschaffen werden, in denen sich die Menschen Wohl fühlen.

„Süßen ist eine freundliche Aufnahmestadt für Flüchtlinge“, sagte Armin Kuhn (Grüne). Das Konzept sei pragmatisch und vorausschauend, „auch für den späteren sozialen Wohnungsbau“. 170 Flüchtlinge auf 10.000 Einwohner sei nicht beängstigend, findet Kuhn.

Michael Keller (FDP-AFW) sieht eine Chance für wirtschaftliche Wohnformen: „Günstig mit Qualität.“ Es sei gut, von den Containern weg zu kommen. Die Menschen sollten sich wohl fühlen. Der nächste Schritt müsse ein qualitätsvoller Wohnungsbau sein, so dass keine Ghettos entstehen.

Es sei nicht das erste Mal, dass viele Flüchtlinge untergebracht werden müssten, sagte Albrecht Finckh (CDU). Er erinnerte an die Wiedervereinigung. Auch damals habe es in Süßen viel ehrenamtliche Betreuung gegeben. „Das Basisengagement greift.“ Er unterstrich die Leitlinie des Gemeinderats: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch für die Flüchtlinge.“

Ein Kommentar von Daniel Grupp: Charaktertest bestanden

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch bei den Flüchtlingen." Albrecht Finckh brachte es auf den Punkt, was Verwaltung sowie Parteien und Gruppierungen im Süßener Gemeinderat eint: Da kommen Menschen, die Hilfe benötigen. Sie sollen möglichst menschenwürdig behandelt werden.

Schon früh hat die Stadt dem Kreis Hilfe bei der Flüchtlingsunterbringung angeboten und jetzt weist auch der Neubau in die richtige Richtung. Damit kann Süßen anderen Kreisgemeinden als Beispiel dienen. Kommunen, die sich noch schwer tun mit der Unterbringung von Flüchtlingen, die nicht bereit sind, auf die Hilfesuchenden mit offenem Herzen zuzugehen. Allzu viele lassen sich von Ängsten und Vorurteilen leiten, anstatt sich über die Chancen zu freuen, die eine neue Vielfalt und eine dringend erforderliche Verjüngung der Gesellschaft mit sich bringen.

Wenn viele Neuankömmlinge auf engem Raum zusammen leben, kann und wird nicht alles gelingen. Die Sorgen der Anwohner waren im Gemeinderat zu spüren, von den Nachbarn waren dennoch keine bösen Worte zu hören. Die Süßener setzen darauf, dass dank des großen Einsatzes der Ehrenamtlichen Konflikte schnell beruhigt werden können.

Vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris versuchen jetzt viele, zu Lasten der Flüchtlinge politisch zu punkten. Die Süßener Parteien haben dies nicht versucht. Sie haben den Charaktertest bestanden.

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