Streuobst erobert Schulen

Um unsere einzigartige Landschaft zu erhalten, muss ein Bewusstseinswandel her. Der Verein Schwäbisches Streuobstparadies fängt damit schon in den Grundschulen an - mit aktivem Unterricht auf den Wiesen.

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Kinder ernten die Äpfel auf einer Streuobstwiese ab. Der regelmäßige Streuobstunterricht für Drittklässler, wie hier in Riederich im Landkreis Reutlingen, soll sich nun auch im Landkreis Göppingen etablieren. Im Febraur geht es los.  Foto: 

Raus aus dem Klassenzimmer, hinein in die Natur. Genauer gesagt: in den Lebensraum Obstwiese. Das ist das Konzept, das hinter dem "Streuobstunterricht" steckt. Der wird jetzt auch in den Grundschulen im Landkreis Göppingen zu einem festen Bestandteil werden. Die Drittklässler von bis zu 54 Schulen sollen den Lebensraum und die Kulturlandschaft erkunden, die so prägend sind für die Region.

Möglich wird das durch ein groß angelegtes Projekt des Vereins "Schwäbisches Streuobstparadies", der sich in sechs Landkreisen etabliert hat. Auf vielen Obstbaum-Grundstücken zwischen Albershausen und Treffelhausen werden deshalb die Schulklassen anzutreffen sein. Unter der Begleitung ihrer Lehrer und eigens ausgebildeter Streuobstpädagogen werden die Kinder immer wieder ausschwärmen in ihr Klassenzimmer im Grünen, erklärt Maria Schropp, die Geschäftsführerin des Vereins.

Das grüne Klassenzimmer ist in diesem Fall eine Wiese in der Nähe der Schule. Was passiert auf einer solchen Obstwiese im Winter, im Frühjahr, im Sommer, im Herbst? Welche Tiere leben hier? Im Frühjahr werden Bäume gepflanzt, die Bestäubung wird beobachtet, die Blüte mitverfolgt. Im Sommer werden Nisthilfen gebaut. Im Herbst wird natürlich geerntet, Apfelkuchen gebacken und Saft gepresst. Denn thematisiert werden auch die Streuobstwiesen als Wirtschaftsraum. Hier können die Kinder lernen, was es bedeutet, eine Wiese zu bewirtschaften und wie wertvoll diese Arbeit für die Allgemeinheit ist. "Es geht um den gesamten Lebensraum", erklärt Maria Schropp. Die Kinder sollen die Obstwiesen erleben, riechen, schmecken.

Es ist eine Pädagogik der Heimatliebe. Ziel ist es, gerade bei den Jüngsten die Einsicht und die Begeisterung zu wecken, die langfristig nötig ist, um die ebenso einzigartige wie bedrohte Kulturlandschaft für nachfolgende Generationen zu erhalten. In den vergangenen 50 Jahren sind die Streuobstbestände um die Hälfte zurückgegangen. Die Bedrohungen sind vielfältig: Bautätigkeit, fehlende Bereitschaft zur Bewirtschaftung, Überalterung der Bäume. Schon heute, hat das Paradies viele Lücken. Zu spät für die Rettung ist es aber nicht.

Die Tatsache, dass es hier eine Streuobstlandschaft der Superlative gibt, ist aber in der Bevölkerung und bei Gästen kaum bekannt. Das soll sich ändern. In den Landkreisen Böblingen und Zollernalb ist das pädagogische Projekt auf den Streuobstwiesen schon sehr erfolgreich angelaufen. Kürzlich hat auch der Verwaltungsausschuss des Göpppinger Kreistags die nötige Unterstützung locker gemacht. 6000 Euro pro Jahr reichen dafür zunächst aus, denn die elf für den Landkreis Göppingen ausgebildeten Streuobstpädagogen bekommen lediglich eine Aufwandsentschädigung. Los geht es im Februar 2016.

Zunächst sind im Landkreis Göppingen knapp 20 Klassen dabei. Später sollen jedoch jährlich etwa 2250 Kinder in den Genuss des Streuobstunterrichts kommen - bei einer angenommenen Beteiligung von 50 Prozent aller Grundschulen. Etwa 24.000 Euro wird das jährlich kosten. Die Hälfte übernehmen die Schulen als Eigenleistung. Mit 6000 Euro beteiligt sich der Landkreis für fünf Jahre, 3000 Euro steuert die Kreissparkasse Göppingen, die als Sponsor gewonnen werden konnte, für zunächst zwei Jahre bei.

Das Schwäbische Streuobstparadies

Das Gebiet: Die Streuobstwiesen zwischen Alb und Neckar bilden mit rund 26.000 Hektar eine der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas mit 1,5 Millionen Obstbäumen.

Der Schatz: Diese jahrhundertealte Landschaft ist Lebensraum für 5000 Tier- und Pflanzenarten und ein besonderer Kulturschatz mit Brennereien und Mostereien, Lehrpfaden, Obstfesten, Museen, Hochschulen, Hersteller für speziellen Streuobstfachbedarf und enormer Sortenvielfalt.

Der Verein: Schwäbisches Streuobstparadies e.V. wurde im Mai 2012 in Weilheim/Teck gegründet und zählt über 240 Mitglieder. Die Landkreise Böblingen, Esslingen, Göppingen, Reutlingen, Tübingen und Zollernalbkreis, die Regierungspräsidien Stuttgart und Tübingen, zahlreiche Städte und Gemeinden, sowie Vereine, Initiativen, Bildungseinrichtungen und Betriebe sind Mitglied.

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