Stille sitzen, Ohren spitzen!

Wie war es früher in den Süßener Schulen? Reporter der Klasse 4 der Hornwiesen-Grundschule in Süßen haben für"Zisch" bei Zeitzeugen und dem Stadtarchivar nachgefragt.

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  • Kürsat und Christina aus der Klasse 4 der Hornwiesen-Grundschule in Süßen beim Interview mit Brunhilde und Hans Otto Weidmann. Fotos: Stefanie Thierer 1/3
    Kürsat und Christina aus der Klasse 4 der Hornwiesen-Grundschule in Süßen beim Interview mit Brunhilde und Hans Otto Weidmann. Fotos: Stefanie Thierer
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    Stadtarchivar Werner Runschke hat viel zu erzählen.
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Die Blöcke sind aufgeklappt, Füller und Bleistifte sind einsatzbereit und auch der Fotoapparat liegt in Reichweite. Wie richtige Reporter sehen die Viertklässler der Hornwiesen-Grundschule aus. Aufgeregt sitzen sie im Mehrzweckraum in mehreren Reihen hintereinander und machen sich bereit für das bevorstehende Interview. Zu Gast sind das Ehepaar Brunhilde und Hans Otto Weidmann aus Süßen sowie Stadtarchivar Werner Runschke. Hans Otto Weidmann wurde 1932 eingeschult, als Süßen noch in Klein- und Großsüßen geteilt war. Er ging in die katholische Volksschule im damaligen Kleinsüßen, erst von 1936 an gab es statt der Bekenntnisschulen christliche Gemeinschaftsschulen. Brunhilde Weidmann besuchte ab 1938 die Johann-Georg-Fischer-Schule, in die von 1944 bis 1952 auch Werner Runschke ging.

Wo war das Schulgebäude?

BRUNHILDE WEIDMANN: Das Schulgebäude war dort, wo es noch heute ist. Neben der Filsbrücke.

HANS OTTO WEIDMANN: Meine Schule war bei der heutigen Realschule.

Woher kamen die Schüler?

WERNER RUNSCHKE: Die Schüler kamen nur aus Süßen.

HANS OTTO WEIDMANN: Alle katholischen Kinder aus beiden Ortsteilen Süßens gingen in meine Schule.

Gab es einen Rektor?

BRUNHILDE WEIDMANN: Ja. Er hieß Herr Schnitzler.

HANS OTTO WEIDMANN: Bei uns gab es gar keinen Rektor. Dafür gab es den Oberlehrer Herr Weber und den Unterlehrer Herr Brischar.

Wie viele Zimmer gab es?

BRUNHILDE WEIDMANN: Jede Klasse hatte ein eigenes Zimmer.

HANS OTTO WEIDMANN: Es gab zwei Klassenzimmer für jeweils vier Jahrgänge und einen Religionsraum für den Pfarrer.

Wie sah es in den Zimmern aus?

WERNER RUNSCHKE: Die Zimmer waren schlicht. Es gab eigentlich keinen Wandschmuck. Wir sind damals nicht auf Stühlen gesessen, sondern auf Holzbänken. Bei uns gab es drei Reihen von diesen Schulbänken, die fest im Boden verschraubt waren. Große Schüler saßen zu zweit in einer Bank, kleine Schüler saßen zu viert oder sogar zu sechst in einer Bank. Wollte ein Schüler raus, mussten alle anderen aufstehen.

Wurden die Zimmer im Winter beheizt?

BRUNHILDE WEIDMANN: Ja, sie waren beheizt. Es gab einen Ofen, für den wir Schüler Holz mitgebracht haben.

HANS OTTO WEIDMANN: Unser Kohleofen im Klassenzimmer wurde von der Schuldienerin beheizt (schmunzelt), im Unterricht ist also niemand erfroren.

Wurden Sie zur Schule gefahren?

WERNER RUNSCHKE: Gefahren? (lacht) Nein, das war völlig undenkbar. Ich habe in der Nähe der Schule gewohnt. Dort wohne ich übrigens noch heute. Mein Schulweg war deshalb ziemlich kurz. Aber Süßen war damals auch kleiner als heute, so dass auch für die anderen Schüler der Schulweg in einem vernünftigen Zeitraum machbar war.

BRUNHILDE und HANS OTTO WEIDMANN: Wir sind auch gelaufen. Autos und Fahrräder gab es noch sehr wenig. Vielleicht zwei oder drei Kinder hatten ein Rad. Laufen ist ja schließlich gesund!

Mussten Sie barfuß laufen?

HANS OTTO WEIDMANN: Nein. Ich hatte Schuhe und die meisten anderen auch. Im Sommer ist man in der Freizeit aber gern barfuß gelaufen.

WERNER RUNSCHKE: Also ich bin den ganzen Sommerüber barfuß gelaufen. Weil die Straßen damals sehr staubig waren, hatte ich oft schmutzige Füße und Beine bis zu den Knien hoch. Aber das war normal.

Welche Kleider trugen Sie damals in der Schule?

HANS OTTO WEIDMANN: Die Kleidung war sehr unterschiedlich und natürlich abhängig von der sozialen Herkunft. Im Sommer trugen die Jungs aber immer kurze Hosen. Im Winter zogen sie unter diese Hosen einfach lange Strümpfe an und trugen Stiefel mit Nägeln an den Sohlen und einem genagelten Hufeisen am Absatz.

WERNER RUNSCHKE: Lange Hosen waren ganz selten. Im Winter hat man die Socken in Sockenhalter eingehängt, damit sie nicht runterhingen.

BRUNHILDE WEIDMANN: Die Mädchen trugen Röcke und gestrickte Strümpfe. Die haben furchtbar gejuckt. Manchmal trugen sie auch Schürzen. Ich hatte lange, aber ganz dünne Haare. Die hat meine Mama morgens ganz schnell zu einem dünnen Zopf gebunden.

Hatten Sie einen Schulranzen? Was war drin?

BRUNHILDE WEIDMANN: Ja, ich hatte einen Ranzen aus Leder.

HANS OTTO WEIDMANN: Da war eine Fibel drin und eine Schiefertafel. In den ersten beiden Klassen hatten die Kinder einen Griffelkasten, ab Klasse 3 dann Feder, Tinte und ein Heft. Für Religion gab es biblische Geschichten. Aber im Ranzen war nicht so viel drin wie heute.

WERNER RUNSCHKE: Ich hatte einen Behelfsschulranzen. Das war ursprünglich mal eine Aktentasche mit Griff und zwei Verschlüssen, an den der Sattler zwei Riemen drangemacht hat. Nach meiner Ausbildung habe ich ihn wieder rückarbeiten lassen und habe mein Vesper für die Arbeit darin verpackt. Einen richtigen Ranzen konnten sich nur wenige leisten. Ich erinnere mich noch an den schweren Atlas, den ich immer wieder in meinem Ranzen rumschleppen musste. Aber ein schwerer Ranzen war eigentlich eine tolle Sache. Das war damals ein Prestigeobjekt. Ich hatte natürlich auch eine Schiefertafel. Auf der habe ich fast bis in Klasse 3 geschrieben. Wir hatten aber keine weichen Bleigriffel, sondern harte Metallgriffel von der Firma Strassacker. Wenn man mit denen geschrieben hat, haben die auf der weichen Tafel auch nach dem Wegwischen richtige Kratzer hinterlassen.

Um wie viel Uhr fing der Unterricht an? Wie lang dauerte er?

BRUNHILDE WEIDMANN: Der Unterricht ging von 7 bis 12 Uhr.

HANS OTTO WEIDMANN:Übrigens war auch samstags Schule.

Wie groß waren die Klassen?

BRUNHILDE WEIDMANN: Bei der Einschulung waren wir ungefähr 50 Kinder. Damals gab es noch keinen Klassenteiler.

HANS OTTO WEIDMANN: Also in der katholischen Volksschule gab es in der Unterklasse etwa 50 Kinder, in der Oberklasse etwa 40.

WERNER RUNSCHKE: Die Klassen waren sehr groß. Oft waren es 40 und mehr Kinder.

Waren Jungen und Mädchen getrennt?

WERNER RUNSCHKE: Ja, zu meiner Zeit waren Jungen und Mädchen in getrennten Klassen. Die Mädchen wurden immer vom Rektor unterrichtet.

BRUNHILDE und HANS OTTO WEIDMANN: Bei uns waren die Klassen gemischt.

Hatten Sie einen oder mehrere Lehrer?

BRUNHILDE WEIDMANN: Ich hatte in den ersten vier Jahren in fast allen Fächern denselben Lehrer, den Herrn Mayer. Bei dem habe ich viel gelernt. Außer im Turnen und in Handarbeit, da hatte ich das Fräulein Pfeifer (lacht). Das war eine ganz kleine Person.

WERNER RUNSCHKE: Am Anfang hatte ich auch das Fräulein Pfeifer. Die war gerade mal so groß (zeigt mit der Hand) aber sehr streng. Die hat oben drin in der Schule gewohnt. Wir haben sie heimlich"Die Pfeiferin" genannt. Ab der 3., 4. Klasse hatte ich zum Teil Fachlehrer. Mein Gemeinschaftskundelehrer hieß Herr Pulvermüller. Religion wurde immer vom Pfarrer oder von Religionslehrerinnen unterrichtet.

HANS OTTO WEIDMANN: Ich hatte in der Grundschule in allen Fächern denselben Lehrer. Und in Religion natürlich den Pfarrer. Religion war immer am Montag in der ersten Stunde. Da wurde abgefragt, was am Sonntag in der Kirche gepredigt worden war.

Hatten Sie Angst vor Ihren Lehrern? Warum?

BRUNHILDE WEIDMANN: Au ja! Ich hatte sehr viel Angst. Die Lehrer waren sehr sehr streng. Also wenn man beim Herrn Mayer eine Antwort nicht gewusst hat, gab es gleich eine Backpfeife. Oder man musste um die Tafel herumrennen und währenddessen Fragen beantworten. Aber die Mädchen wurden meistens geschont (lacht). Vielleicht waren sie braver?

HANS OTTO WEIDMANN: Es gab hauptsächlich drei Arten von Strafen. Die einfachste Strafe waren die Backpfeifen, dann die Tatzen und die schlimmste Strafe waren die Hosenspanner. Da haute einem der Lehrer mit dem Haselnusszweig auf den Hintern (schmunzelt). Manche Buben haben schon geheult, bevor es losging. Ich bin mal mit einem Klassenkamerad auf der Kirchenmauer rumgetanzt und wurde verpfiffen. Da bekam am nächsten Tag jeder von uns zwei Tatzen.

WERNER RUNSCHKE: Ja, die Lehrer waren streng. Alle Lehrer hatten einen Stock, schwäbisch"Tatsaschtecka". Das war damalsüblich. Es hat sehr weh getan, wenn der Lehrer einem damit auf die Finger gehauen hat. Ich weiß noch, dass es vorn an den Knöcheln mehr weh tat als weiter hinten. Und manchmal gab es damit auf den Hintern - Hosenspanner. Aber durch die Lederhosen hat man die Schläge nicht so stark gespürt. Besondere Schlawiner haben sich auch Papier in die Hose gesteckt. Wenn der Lehrer das bemerkt hat, hat er es aber sofort wieder rausgeholt. Manche Lehrer bestraften einen auch mit einer Kopfnuss oder zogen einen am Ohrzipfele hoch.

Erinnern Sie sich noch an Klassenregeln?

HANS OTTO WEIDMANN: Man musste pünktlich, ordentlich und sauber sein.

BRUNHILDE WEIDMANN: Wir mussten aufstehen, wenn wir aufgerufen wurden. Und die Tafel mussten wir putzen. Andere Dienste gab es aber nicht.

Gehörten Sie zu den Lausbuben der Klasse?

WERNER RUNSCHKE (lacht): Das ist eine Gewissensfrage, die ich nicht so richtig beantworten kann. Ich halte mich nicht dafür. Ich war so in der Mitte. Kein richtiger Lausbub und auch kein Musterschüler.

Haben Sie einmal Streiche gemacht?

WERNER RUNSCHKE: Schulstreiche gab es eigentlich selten. Wir haben aber einmal in den Bambusstock eine Kerbe reingeritzt und Tinte reingetan. Als der Lehrer dann zugehauen hat, ist die Tinte herausgespritzt. Natürlich hat man auch immer wieder versucht, in der Pause heimlich auf die Seite der Mädchen zu kommen. Da kam der Hausmeister aber sofort angesaust und hat einen zurückgejagt.

Welche Fächer hatten Sie damals?

HANS OTTO WEIDMANN: Es gab Rechnen, Schreiben, Lesen, Religion und Musik. Da haben wir Lieder gesungen, das wurde so nebenher unterrichtet. Schwimmunterricht gab es nicht. Ich habe das Schwimmen in der Lauter gelernt.

BRUNHILDE WEIDMANN: Die Mädchen hatten noch Handarbeit. Da wurde gestickt und gehäkelt, das war eines meiner Lieblingsfächer.

WERNER RUNSCHKE: Zu meiner Zeit hatten die Mädchen Nähunterricht bei den Ordensschwestern und Kochen. Die Schulküche war im Rathaus. Auch Singen stand bei uns auf dem Stundenplan. Einer meiner Mitschüler hatte eine glockenreine Stimme. Andere konnten Tenorhorn und Klarinette spielen und die anderen haben gesungen. Wir haben immer dasselbeLied gesungen. Es hieß: Im Wald. Ein Schüler saß unter dem Pult und sang von dort aus das Echo.

Schrieben Sie in Sütterlinschrift?

HANS OTTO WEIDMANN: Ich wurde 1932 eingeschult. Das war der erste Jahrgang, der mit der Sütterlinschrift begonnen hat. Ich habe sie vier Jahre lang geschrieben, danach aber die lateinische Schrift wie ihr heute.

WERNER RUNSCHKE: Nein, ich habe die Sütterlinschrift nicht mehr gelernt. Das war eine mühsame Sache, die ich in einem Zusatzunterricht hätte lernen können. Aber das habe ich mir lieber verkniffen.

Erinnern Sie sich noch an die Pausen?

BRUNHILDE WEIDMANN: Ja, es gab kleine Pausen und eine große Pause. Die dauerte 15 Minuten. Es gab zwei Schulhöfe: einen für Mädchen und einen für Jungen. Wir haben Fangen, Himmel und Hölle, Bockspringen und Gummitwist gespielt. Der Hausmeister hatte Pausenaufsicht und läutete mit einer Glocke, wenn die Pause zu Ende war. Wir durften dann aber nichtin einem Haufen reinrennen, sondern mussten uns klassenweise je zu zweit aufstellen.

WERNER RUNSCHKE: Getränke mitzunehmen war verboten, außerdem gab es damals keine passenden Behälter so wie heute. Daher hat der Hausmeister in der Pause Kakao verkauft, den man aber nicht ins Schulhaus mitnehmen durfte. Im Winter haben wir uns manchmal heimlich mit der Gießkanne eine Eislaufbahn gemacht. Das war eine schöne Sache. Wir haben dazu immer"Schleiteze" gesagt. Aber wehe, wenn uns der Hausmeister erwischt hat, dann mussten wir eine Strafarbeit schreiben.

Am Ende gab es noch eine kleineÜberraschung. Der Reporterchor gab das Lied"Das kleine Dorfschulmeisterlein" zum Besten. Brunhilde Weidmann schmunzelte und bestätigte:"Ja, genau so wars!"

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