Stets mit Schwung bei der Sache

Einst eine Jugendgaudi, schrauben und fachsimpeln die Bad Boller Schwungradfreunde mittlerweile seit drei Jahrzehnten. Am Sonntag wird auch das groß gefeiert.

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Ein Schmuckstück: Die Schwungradfreunde Bad Boll mit ihrem alten Lanz Bulldog. Links der langjährige Vorsitzende Gerold Mikschy, der im März aufgehört hat.  Foto: 

Einfach gigantisch“, freuten sich die Schwungradfreunde, als sie fast auf den Tag genau vor 16 Jahren mit dem mit 5000 Mark dotierten Seminaris-Tourismus-Förderpreis ausgezeichnet wurden. Es war eine unerwartete Finanzspritze, die der Verein gut gebrauchen konnte.

Mitbegründer Gerold Mikschy erinnert sich: „Geld, das wir 2001 in eine Halle für unsere Traktoren und Motoren investieren wollten“. Der Vereinsvorstand seit der ersten Stunde, reichte im März dieses Jahres seinen Führungsstab an Sebastian Schinzel weiter. „Ich dachte mir, 30 Jahre sind genug, jetzt ist Schluss“, verrät der 54-Jährige lachend, der seit 2008 außerdem das Amt des stellvertretenden Feuerwehrkommandanten in Bad Boll inne hat.

Gerne erinnert er sich an die Anfänge zurück. Wie seinerzeit mit dem „Gaudi-Kauf“ des alten Kramers alles begann, an die bis heute andauernde gute Kameradschaft, die oft mit Verzweiflung und Feierabendbier einhergehenden „Schrauber-Stunden“ und freilich auch die glückseligen Momente, wenn der Motor endlich tuckerte, ratterte oder der Dampf die zufrieden dreinblickenden Gesichter umnebelte.

Auslöser für die Gründung der Schwungradfreunde Bad Boll war eben dieser funktionsuntüchtige Schlepper, für den die Jungs je hundert Mark auf den Tisch blätterten. Fortan knieten Peter Groeneweg, die Brüder Gerhard und Michael Gölz, Gerold Mikschy, Horst Ruf, Jochen Seeg und der inzwischen verstorbene Peter Zinser in jeder freien Minute unter dem Modell K12V, zerlegten, feilten, schliffen, hämmerten, schraubten, schweißten und lackierten und brachten somit doch tatsächlich das gute Stück aus dem Jahr 1951 wieder in Gang. „Damit sollte eine Baumwiese bewirtschaftet werden und das ginge am besten mit einem alten Schlepper, der ein Schwungrad besitzt“, erklärt Gerold Mikschy, warum überhaupt nach einem solchen Gefährt gesucht wurde.

Schließlich wurden die sieben wackeren Schwaben im Winter 1986/87 in einer Gruibinger Garage fündig. Ein Nebenerwerbslandwirt hatte dort jahrelang einen alten Kramer stehen, welcher den Freunden wie gerufen kam. Nach dem Motto „gekauft wie gesehen“ überprüften sie erst später den Zustand ihres neu erworbenen „Traumwagens“. Einige mechanische Teile sowie die gesamte Elektrik mussten ausgetauscht werden. Für die Erneuerung der elektrischen Anlage schien Harald Polony der richtige Mann zu sein.

Auf der Suche nach einer tragbaren rechtlichen Lösung für das gemeinsame Eigentum reifte im Sommer 1987 der Gedanke einer Vereinsgründung, am 26. September war es dann soweit. 

Aus den ersten sieben sind mittlerweile rund hundert Vereinsmitglieder geworden, alles Freunde schwungradbetriebener Dampf- und Verbrennungsmaschinen „zur Pflege und Erhaltung von Kulturwerten“, wie es in der Satzung heißt. Gesammelt und wieder in Gang gesetzt werden seitdem Landmaschinen oder Motoren nach dem Motto: je älter, desto besser.

Mittlerweile können die Schwungradfreunde auf einen stattlichen eigenen Fuhrpark blicken, darunter ein Lanz Bulldog mit dem stolzen Alter von 78 Jahren, ein weiterer Kramer K22 aus dem Jahr 1950 und diverse landwirtschaftlichen Geräte, eine selbstfahrende Bandsäge oder ein schwungradbetriebener Kompressor.

„Im Privatbesitz unserer Mitglieder befinden sich Traktoren von Allgaier, Bautz, Kramer und Lanz sowie mehrere Unimogs, Motorräder, einige Stationärmotoren, eine Dampfmaschine sowie weitere Landmaschinen vergangener Epochen, die sich bei Vorführungen großer Beliebtheit erfreuen“, macht Sebastian Schinzel schon mal Appetit auf den Sonntag.

Mit Blick zurück auf die bisherigen Festivitäten ist jetzt schon gewiss, die rührigen Schrauber dürfen sich wieder auf mehrere hundert Besucher freuen. Ach, und was ist eigentlich aus dem überraschenden Geldsegen geworden? Nun, eine Halle wurde es zwar nicht, aber dafür ein in schweißtreibender Eigenleistung errichtetes Schmuckstück. Quasi in einer „Hauruck-Aktion“ krempelten die schaffigsten Mitglieder ihre Ärmel hoch, um mit Hilfe eines ortsansässigen Bauunternehmers den hinter der bisherigen Werkstatt liegenden Gebäudeteil einer Scheune nutzbar zu machen. Der Sinn dahinter: die zentrale und auch ansprechende Unterbringung der bisher recht verstreut eingelagerten Traktoren, Maschinen oder Standmotoren.

Auch über das Schwerlastregal mit den zahlreichen Werkzeugen und Ersatzteilen freuen sich die Schwungradfreunde, so verrät Sebastian Schinzel: „Alles ist nun in greifbarer Nähe, das vereinfacht auch die Wartung und Pflege unserer liebevoll gesammelten Ausstellungsstücke. Zudem zieren viele kleine Dekorationsgegenstände aus alter Zeit die Wände und es gibt immer etwas Neues zu entdecken“.

Geburtstag: Die Schwungradfreunde feiern morgen runden Geburtstag ab 10.30 Uhr auf dem Schulgelände Bad Boll. Neben ihrem Fuhrpark sind auch viele alte Schlepper und Standmotoren von befreundeten Vereinen zu sehen. Es gibt Musik und Bewirtung. Bei jedem Wetter.

Öffnungstage: Museum und Werkstatt in Eckwälden sind fünf Mal im Jahr sonntags geöffnet. Am 3. Oktober, dem Bertatag, gibt’s wieder eine Ausstellung Oldtimerschlepper und Geräte.  Man kann auch samstags ab 18 Uhr reinschauen, wenn die Technikfreunde  am Schrauben sind.

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