Stetiger Kampf gegen Hochwassergefahr

Die Fluten von Braunsbach haben das Land geschockt. Sie waren unberechenbar.  Gegen vorhersehbares Hochwasser wird im Kreis viel getan. <i>Mit Kommentar.</i>

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Grundlage für Hochwasserschutz: Stefan Kraft (rechts) und Markus Müller mit einem Ausschnitt der Hochwassergefahrenkarte für den Kreis.  Foto: 

Treffelhausen hat kein Gewässer. Trotzdem war im Februar 1955 Land unter. Markus Müller, der Mann für die fachtechnische Beurteilung von Hochwasserschutz im Landratsamt, nimmt das als Beispiel, „dass sich Hochwasser nie ganz vermeiden lässt.“ Das haben in diesem Sommer die Sturzfluten von Braunsbach und Simbach in Niederbayern gezeigt. Und anderswo, sagt Müller. „Das war landesweit wie Bombeneinschläge. Der Kreis Göppingen hat Glück gehabt – auch wenn es im Raum Ebersbach und Uhingen zu überfluteten Kellern und Straßen gekommen ist.“

Es gab nicht nur Treffelhausen. Müller zählt die Flut am Teufelsklingenbach in Eckwälden 1993 zu den unberechenbaren Starkregenereignissen. Oder die am 31. August 2002, als das Schlater Unterdorf geflutet wurde und der Barbarabach in Gingen ein Schaufenster  eindrückte.

Was diese Fälle so tückisch macht: Sie werden nicht vom Radarschirm erfasst, den die Behörden für die Städte und Gemeinden aufgespannt haben. Nämlich Hochwassergefahrenkarten, die die Überschwemmungsgebiete der Gewässer bei einem hundertjährlichen Hochwasser aufzeigen – aber in der Regel nur für Flüsse und Bäche bis zu zehn Quadratkilometer Einzugsgebiet. Was kleiner ist, wird nur in Ausnahmefällen betrachtet, sagt Müller. Ebensowenig Überschwemmungen durch Starkregen, die von  Steilhängen oder durch Überlastungen der Mischwasserkanalisation verursacht werden. Auch nicht, ob sich dort ein See bilden kann, der sich schlagartig entleert. Müller kann sich vorstellen, dass so ein Phänomen zu dem historischen Hochwasserunglück von anno 1853 am Marbach beitrug, als 37 Menschen in Rechberghausen und Zell ertranken.

Erste Entwürfe der Gefahrenkarte seit sieben Jahren

Aber der Radarschirm bringt viel. Der Kreis hat die ersten Entwürfe der Gefahrenkarte seit 2009. Gegenüber anderen Gebieten sehr früh, da das Einzugsgebiet der Fils mit zu den Pilotgebieten gehörte.   Die Kommunen haben immer etwas getan, vorher schon und seither systematisch.  „Fast jede Gemeinde ist am Hochwasserschutz dran“, sagt Müller, „das ist ein ständiger Prozess.“ Ausnahmen: Adelberg, Böhmenkirch, Hohenstadt und Drackenstein – Gemeinden, die hoch liegen. Ebersbach fühlte sich schon um das Jahr 2000 vor einem hundertjährlichen Hochwasserschutz sicher. Aber dann zeigte sich: Zuwenig Freibord am Filsdamm.

Beim letzten Hochwasser an Pfingsten 2013 ging das noch gut, da kam nur etwa ein 25-jährliches Hochwasser an. In Wiesensteig war es  fast ein 100-jährliches. Es hat sich dann filsabwärts abgeschwächt. Und entzerrt. In einer ersten Welle rollten große Wassermassen von Seitenbächen im Eislinger und Süßener Raum durch.

Kreisgemeinden tun sich etwas Gutes

Ebersbach bleibt am Ball. Eben jetzt wird eine Studie für Hochwasserschutz erstellt, weil erhebliche Teile des Stadtgebiets gefährdet sind. Uhingen ebenso. Faurndau hat schon viel Hochwasserschutz, aber zwischen Fils und Marbach fehlt er noch. Ebenso an der Jahnstraße in Göppingen. Müller lobt die Kreisstadt. Sie habe in Faurndau, Bartenbach, Holzheim und Jebenhausen  viel gemacht, es gehe eben nur Zug um Zug. So wie die Haushaltslage es zulässt und auch die Zuschüsse fließen. Müller lobt auch die anderen, filsaufwärts tun sie alle was. Salach kam mit einem Eingriff am Schweinbach aus.

Eislingen ist zur Fils hin gut geschützt, hat dafür aber der Krumm und dem Weilerbach mehr Raum gegeben.  Für den Ziegelbach läuft gerade eine Untersuchung.  Gingen kann das Problem mit dem Barbarabach dank der neuen B 10 lösen – der Bach wird  um den Ort herumgeführt. Donzdorf hat im Ortsteil Reichenbach immens viel gemacht. Bad Ditzenbach konnte sich innerorts nur für ein 50-jährliches Hochwasser schützen, weil die Brücke der B 466 eine Engstelle darstellt. Der Schurwald: Rechberghausen hat sein Hochwasserproblem im Zuge der kleinen Landesgartenschau weitestgehend beseitigt. Birenbach und Wäschenbeuren tun auch etwas an ihren Bächen.

Die Gemeinden tun sich damit etwas Gutes. Sie halten die gefährdeten, meist alten Siedlungsgebiete vital. Wo ein 100-jährliches Hochwasser auftreten kann, herrscht erst Mal Bauverbot. Kein Neubau, kein Anbau, kein Wintergarten, keine Garage. Ein neues Baugebiet schon gar nicht. Ausnahmen sind möglich, aber nicht einfach. Der Bauherr muss für den Raum, den er verbaut, anderswo Ersatz an Überschwemmungsfläche finden, sagt der stellvertretende Leiter des Umweltschutzamts, Stefan Kraft. Die Gemeinde kann dabei behilflich sein. Es gelingt auch, pro Jahr in mehr als zehn Fällen, sagt Müller. Aber wenn die Gemeinde solches Überschwemmungsgebiet durch einen Damm oder besser durch mehr Raum für das Gewässers beseitigt, wird es wieder bebaubar.

Info Die Hochwassergefahrenkarte für den Kreis ist im Internet parzellenscharf einzusehen, www.hochwasserbw.de unter „Interaktive Hochwassergefahrenkarte“

Ein Kommentar von Jürgen Schäfer: Ein gutes Gefühl

Der Kreis Göppingen tut sich manchmal schwer, den Zeichen der Zeit zu folgen. Aber beim Hochwasserschutz war er vorne dran. Die Kreisgemeinden gingen nicht zur Tagesordnung über, als im August 2002 kleine Bäche ganze Dörfer unter Wasser setzten. Sie riefen nach einer hydrologischen Studie für den Kreis. Mit der Folge, dass das Land ihm das Pilotprojekt Hochwassergefahrenkartierung gab. Der Kreis erkannte die Alarmzeichen: Fluten in Schlat und sieben weiteren Orten – das war so etwas wie Braunsbach im Kleinen. Im Kreis hat man natürlich immer schon das Hochwasser fürchten gelernt. 1956 konnte man im Filstal in den Straßen paddeln, 100 Jahre zuvor kostete ein Hochwasser in Rechberghausen und Zell 37 Menschen das Leben. Mit ihrem hellwachen Bewusstsein haben die Städte und Gemeinden recht behalten. Seit den 80er-Jahren kommen die Fluten immer häufiger. Das Bewusstsein trägt Früchte. Fast alle Gemeinden betreiben Hochwasserschutz, viele seit langem, und manche sind schon durch. Dann fällt für die Bewohner in den innerörtlichen „Überschwemmungsgebieten“ auch wieder die Einschränkung, ihr Haus zu vergrößern oder ein zweites aufs Grundstück zu setzen. Das dauert alles seine Zeit. Hochwasserschutz geht langsam, weil die Kommunen noch anderes zu tun haben und Zuschüsse brauchen. Trotzdem: Es gibt ein gutes Gefühl. Sicherheit allerdings nicht. Die Natur ist immer stärker als der Mensch.

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