Smartphone - der tödliche "Beifahrer"

Waren es zunächst die "Disco-Unfälle" unter Alkohol und Drogen gepaart mit männlichem Imponiergehabe, haben junge Leute am Steuer inzwischen einen weiteren tödlichen Beifahrer: das Smartphone.

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Am 14. Mai prallt eine 18-Jährige mit ihrem Polo auf der B 10 bei Amstetten frontal auf einen Toyota, weil sie auf ihr Smartphone statt auf den Verkehr schaute. Tragische Bilanz: drei Schwerverletzte.  Foto: 

Am 14. Mai gerät eine 18-Jährige auf der B 10 zwischen Amstetten und Urspring auf die Gegenfahrbahn und prallt mit ihrem VW Polo frontal auf einen entgegenkommenden Toyota Corolla: Sowohl die 18-Jährige als auch das ältere Ehepaar im Toyota werden schwer verletzt. Gegenüber der Polizei gibt die junge Frau später an, dass sie auf ihr Handy geschaut hat, statt auf den Verkehr zu achten.

Früher sorgten die typischen "Disco-Unfälle" für Schlagzeilen, wenn junge Männer mit Alkohol im Blut, übermüdet oder aus Imponiergehabe am Baum landeten. Inzwischen haben junge Fahrzeuglenker einen weiteren gefährlichen Beifahrer: das Smartphone. Die Multimedia-Geräte sind längst ständiger Begleiter im Alltag. Soziale Netzwerke wie Facebook, WhatsApp oder Twitter ermöglichen es den jungen Leuten, sich fast rund um die Uhr miteinander auszutauschen. Was auch ausgiebig genutzt wird. Soziologen reden bereits von der "Blick-nach- unten-Generation".

"Blindflug" am Steuer

Am Steuer eines Autos kann das, wie das Beispiel eingangs zeigt, allerdings fatale Folgen haben. Schon Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung ist problematisch, weil dafür zwangsläufig eine Hand vom Lenkrad genommen werden muss. Textmitteilungen lesen und tippen ist sogar extrem gefährlich, weil der Blick von der Fahrbahn aufs Smartphone gelenkt wird. Untersuchungen zufolge fährt ein Auto bei Tempo 50 binnen zwei Sekunden 28 Meter unkontrolliert durch die Gegend. Mit 100 auf der Landstraße sind es 60 Meter, bei Tempo 130 auf der Autobahn ist der Fahrer sogar 74 Meter im "Blindflug" unterwegs. Der Polizei ist das Problem bekannt. "Das nimmt inzwischen dramatische Ausmaße an", klagt Polizeisprecher Wolfgang Jürgens vom Präsidium in Ulm.

Die regelmäßigen Gurt- und Handykontrollen der Polizei bestätigen den Trend: Wurden 2005 bei rund 1400 Kontrollen landesweit noch rund 1000 Autofahrer wegen Telefonierens am Steuer verwarnt, waren es im März 2014 bereits 1882 Verstöße (bei nur 1172 Kontrollen). Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Verstöße gegen die Gurtpflicht von 13 881 auf 8619 zurückgegangen.

Bei der Polizei ist man sich bewusst, das die ertappten Handy-Sünder nur die Spitze des Eisbergs bilden und die Dunkelziffer viel höher liegt: Ein Handy am Ohr sei noch gut zu erkennen. Das Smartphone auf den Knien dagegen weitaus schwerer, räumt Jürgens ein. So ist es wohl auch bei Unfällen. Vermutlich lassen die Fahrer das Corpus Delicti noch schnell verschwinden, wenns gekracht hat.

 Zu viel Ablenkung im Auto

Erwischt werden somit nur die wenigsten - oder wenn es zu spät ist. "Bislang werden Handys nur nach tödlichen Unfällen regelmäßig gecheckt, um Rückschlüsse auf die Unfallursache ziehen zu können", erläutert ein Sprecher des Innenministeriums auf Anfrage unserer Zeitung.

Ob das zum 1. Mai von 40 auf 60 Euro und einen Punkt in Flensburg angehobene Strafmaß die gewünschte Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten. Fachleute haben wenig Hoffnung. In Spanien kostet es mindestens 200 Euro, wenn man mit dem Handy erwischt wird, in Italien können sogar bis zu 595 Euro fällig werden. "Da haben wir in Deutschland noch einen Sozialtarif", heißt es im Ministerium. Polizeisprecher Jürgen kritisiert, dass es mittlerweile allgemein viel zu viel Ablenkung im Auto gibt: Mit Navi und Multimedia-Infotainment werde die Bedienung im Fahrzeug immer komplexer.

Info: Für alle Fahrer mit Smartphone gibt es hier einen "Blindflugsimulator".

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