"Ich habe nichts mehr zu verlieren"

Die Krankenkasse von Marcus Jäck aus Wangen wollte die Kosten für eine Psychotherapie nicht übernehmen. Deswegen möchte er sie jetzt verklagen - wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung.

CHRISTINE BÖHM |

Marcus Jäck ist nicht mehr verzweifelt. "Mir geht es inzwischen wieder richtig gut", sagt der Wangener. Er litt mehrere Monate lang unter dem Burnout-Syndrom. Nach einer Reha im Allgäu hatte er versucht, im gesamten Kreis Göppingen einen Therapieplatz zu bekommen - ein schwieriges Unterfangen. Weil er keinen Platz bei einem von der Kasse zugelassenen Therapeuten bekam, fragte er bei seiner Krankenkasse nach, ob sie die Kosten dann auch übernehmen könnten, wenn er zu einem nicht zugelassenen Therapeuten gehe. Die MH-Plus in Ludwigsburg verweigerte das zu Beginn. Erst als Jäck einem Mitarbeiter mit Selbstmord drohte, wurden die Kosten übernommen.

Inzwischen spricht der Wangener fast täglich mit seinem Rechtsanwalt. Er hat bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Stafantrag gegen die MH-Plus gestellt - wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung. Jäck hat vor einigen Monaten begonnen, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben. Er verstand nicht, warum ihm die Kostenübernahme verweigert wurde. "In diesem Zusammenhang wollte ich wissen, was ich hätte besser machen können, wie ich meine Therapie schneller hätte bekommen können und warum der Medizinische Dienst (MDK) die beantragte Therapie nicht befürwortet hatte", sagt der 36-Jährige.

Der MDK ist der organisatorisch selbstständige und fachlich unabhängige Beratungs- und Begutachtungsdienst der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen. Die sogenannte Leistungsentscheidung kann die jeweilige Kasse, bei der der Betroffene versichert ist, aber selbst treffen. Die Kassen sind nicht an Beratungsempfehlungen gebunden, erklärt Michael Pfeiffer, Pressesprecher der MH-Plus in Ludwigsburg.

Jäck recherchierte also für sein Buch beim MDK: "Ich war wirklich sprachlos. Der Dienst hatte gar keine Gutachten in den beschriebenen Zeiträumen erstellt, beziehungsweise keine Unterlagen von mir zur Begutachtung vorgelegt bekommen", erzählt Jäck. Er erfuhr, dass eine Begutachtung erstmals am 28. Oktober 2011 stattgefunden hatte - "komischerweise eine Woche nach meinem Besuch beim Beschwerdemanager der MH-Plus".

Auch der Rechtsanwalt des Wangeners hakte nach. Ende Juli erhielt er mehrere Gutachten. "Woher diese auf einmal kamen, ist mir ein Rätsel. Der Leiter des Fachreferates Psychiatrie hatte mir geschrieben, dass das erste Gutachten am 28. Oktober vom MDK erstellt worden war", sagt Jäck. Die vorliegenden Dokumente seien aber datiert auf Juli, August, September und Oktober 2011. "Auf allen eingesendeten Gutachten fehlen die Unterschriften der Ärzte, die diese erstellt haben sollen", erzählt der Wangener. Das sei jedoch kein Problem, sagt Pfeiffer von der MH-Plus. Die Dokumente seien beglaubigte Kopien und auch ohne Unterschrift gültig.

"Die Krankenkasse hatte mir über vier Monate lang nicht die Wahrheit gesagt und mich mit meiner Meinung nach falschen Aussagen konfrontiert. Man hat mir vorgegaukelt, der MDK hätte die Schuld", klagt Jäck. "Ich habe nichts mehr zu verlieren, keine Angst mehr und lasse mich nicht mehr einschüchtern", sagt der Wangener. "Im Moment denke ich, dass ich etwas dazu beitragen kann, damit sich die Lage für Patienten verbessert."

Für Jäck ist inzwischen klar, dass er nicht der Einzige ist, der so behandelt wurde: Bei Gesprächen mit weiteren Betroffenen habe er bemerkt, dass es zahlreiche Hürden gebe, die die Krankenkassen den Kranken in den Weg lege. "Ich möchte den Betroffenen ein wenig Mut machen, sich nicht zu beugen und sich auch in so einer Situation nicht alles gefallen zu lassen."

Von der Strafanzeige weiß die MH-Plus bisher noch nichts, sagt Pressesprecher Pfeiffer. "Die sozialmedizinischen Fallberatungen durch den MDK sind in unserem Haus aber ordnungsgemäß dokumentiert und Kopien davon liegen Herrn Jäck vor. Der nun geäußerte Vorwurf, dass diese gefälscht sein könnten, ist abwegig", sagt der Sprecher der Krankenkasse. Die Staatsanwaltschaft gehe der Sache sicherlich nur nach, wenn der Verdacht auf eine Straftat gut begründet sei. Pfeiffer: "Ich wüsste nicht, welche Gründe Herr Jäck haben könnte."

Der Wangener hingegen will weiter kämpfen. In seinem Buch hat er alles aufgeschrieben. Derzeit verhandelt er mit vier Verlagen, die seine Geschichte verlegen wollen.

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