Schlechte Perspektive für Vertriebene

Eine düstere Prognose für den Vertriebenenverband: Viele Gruppen im Kreis haben kaum noch aktive Mitglieder, was das Vereinsleben erschwert.

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Im vergangenen Jahr feierte die Heimatgruppe Göppingen im Deutschen Böhmerwaldbund ihr 60-jähriges Bestehen.  Foto: 

"Es ist schwierig, heute noch junge Leute für die Sache der Vertriebenen zu gewinnen", konstatiert Rainer Hasert, Leiter der Sing- und Tanzleute im Böhmerwaldbund für den Landkreis Göppingen.

Wie viele Vertriebenenverbände bundesweit sieht sich auch die Heimatgruppe Göppingen mit einem rapiden Wandel konfrontiert: von 114 Mitgliedern sind 91 älter als 65 Jahre. Junge Mitglieder indessen existieren nicht - unter 35 Jahren verzeichnet die Gruppe keine Beitritte. Von allen Mitgliedern engagiert sich nur etwa ein Drittel aktiv am Vereinsleben, das im Böhmerwaldbund Göppingen aus den Sing- und Tanzleuten und einer Frauengruppe besteht.

Die Heimatgruppe des Vertriebenenverbandes im Kreis wurde im Jahre 1954 gegründet, damals mit einigen hundert aktiven Mitgliedern. Seit 1963 engagiert sich Hedwig Wipf, Kreisvorsitzende des Vereins, für die Sache ihrer Gruppe. Sie erlebte als Kind die Vertreibung ihrer Familie in den letzten Kriegsmonaten und gehört damit zu den letzten Zeitzeugen im Verein. Die Aufgabe der Böhmerwäldler sieht sie heute darin, "dass man das kulturelle Erbe dieser Region erhält, pflegt und an die folgenden Generationen weitergibt".

Dazu unternehmen die Böhmerwald-Gruppen im Land regelmäßige Ausfahrten in die alte Heimat und besuchen dort jene Orte, wo einst ihre Familien lebten. Zudem findet alle zwei Jahre in Passau das Bundestreffen der Böhmerwäldler statt - ein Höhepunkt im Vereinsleben der Gruppe im Kreis Göppingen. Zur Stadt Passau, der Patenstadt der Vertriebenen aus dem Böhmerwald, haben die Verbände ein besonderes Verhältnis - der Freistaat Bayern finanziert die Treffen dort und die CSU sieht sich bis heute als natürliche politische Vertretung der Vertriebenenverbände.

Rainer Hasert unterdessen betont mit Blick auf die politische Arbeit des Verbandes, dass die Agenda des Böhmerwaldbundes bis in die heutige Zeit hinein immer unpolitischer wurde. Lange seien Vertriebene als "Ewiggestrige" diskreditiert worden, die "in alten, verkrusteten Strukturen stecken geblieben wären", erläutert der 48-Jährige. Solchen Vorwürfen sieht sich die Gruppe zu Unrecht ausgesetzt. "Uns ist vor allem wichtig, dass so ein Unrecht wie die Vertreibung nie wieder geschieht", bekräftigt Rainer Hasert das Anliegen der Böhmerwäldler.

Mit Blick auf die Situation von Flüchtlingen im Europa der Gegenwart betont er überdies: "Nicht anders erging es diesen Leuten damals, die genau so flüchten mussten, wie es heute die Menschen aus Syrien tun."

Bei der jüngsten Hauptversammlung des Vereins im März dieses Jahres stellte sich Hedwig Wipf zur Wiederwahl als Kreisvorsitzende. Eine Perspektive, wie es mit dem Verband im Landkreis weitergehen soll, wenn sie sich nicht mehr für das Amt zur Verfügung stellt, sieht die 71-Jährige derweil nicht - dem Verein fehlen schlicht Ehrenamtliche, die sich für seine Belange einsetzen. "Wenn man sich nicht mehr erinnert, geht ganz viel verloren", sagt Hedwig Wipf mit Blick auf die Zukunft ihrer Heimatgruppe.

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