Schicksalsberg der Flieger

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    Beim steilen Anstieg zum Boßler kommen alle ins Schwitzen. Foto: 
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    Ein Gedenkstein erinnert an den Absturz von zwei US-Düsenjägern im Jahr 1958, bei dem neben den beiden Piloten auch drei Zivilisten am Boden ­umkamen. Foto: 
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Der Anstieg nagt an der Kondition. Schweiß fließt. Doch keiner der 20 Gäste mitsamt Hundedame Pia macht schlapp. Alle folgen auf schmalem und steilem Pfad Wanderführer Willi Eberhard vom Schwäbischen Albverein der Ortsgruppe Gruibingen. „Boßler – Schicksalsberg der  Flieger“ heißt das traurige und zugleich interessante Thema, das der Gruibinger Wanderführer im Rahmen der Veranstaltungsreihe Sommer der Ver-Führungen ausgeschrieben hat.

In den vergangenen 75 Jahren gab es am Boßler 23 Tote bei neun Hubschrauber- und Flugzeugabstürzen. Der 8,5 Kilometer lange Fußmarsch am Albtrauf und auf den Schicksalsberg führt an einigen Absturzstellen und an drei Gedenksteinen vorbei. Nach einer halben Stunde und knapp 200 Höhenmeter ist das Gruibinger Wiesle, der höchste Punkt der dreistündigen Wanderung, erreicht. Von dort geht’s weiter zum Jahrhundertstein und vorbei am Aussichtspunkt Boßlerkreuz. Fast überall wird man mit den tragischen Flugzeugabstürzen konfrontiert. Wie Willi Eberhard erläuterte, ist vermutlich erstmals am 22. Juni 1940 eine zweimotorige Militärmaschine von Typ JU 88 am Boßler zerschellt. Fünf Jahre später, im Frühjahr 1945, sei ein nicht näher benanntes Flugzeug in der Nähe der Franzosenbrücke verunglückt, wobei es keine Angaben über Opfer gibt.

Anders dagegen die Abstürze von zwei amerikanischen Düsenjägern vom Typ F 100 D Super Sabre am 8. Januar 1958, fünf Minuten vor 11 Uhr. Nicht nur die beiden Piloten Lawrence C. Herdmann und John Reeder kamen dabei ums Leben. Auch Revierförster Hermann Drexler, Haumeister Karl Bachofer und Holzhauer Fritz Bachofer, die sich an der Unglücksstelle aufhielten, wurden durch herumfliegende Trümmer und eine gewaltige Explosion getötet. Forstmeister Dr. Max Zeyher überlebte schwer verletzt. Zeitzeugen berichten, dass es an jenem Mittwochmorgen zehn Zentimeter Schnee und starken Nebel hatte. Die Sichtweite betrug höchstens 100 Meter. Wahrscheinlich war das die Ursache des Unglücks, an das ein Gedenkstein aus dem Jahr 1964 erinnert.

Nur eineinhalb Jahre später, am 17. August 1959, stürzte ein Schulungsflugzeug der Bundeswehr vom Typ Piaggio am Nordwesthang ab. Beide Insassen kamen um. Danach war sechs Jahre lang Ruhe. Doch am 9. April 1965 verunglückte im dichten Nebel ein mit zwei Mann besetzter US Hubschrauber vom Typ Bell Iroquois. Nur zwei Tage später, am 11. April, stürzte eine mit vier Personen besetzte private Sportmaschine vom Typ Piper PA 22 oberhalb der Franzosenbrücke ab, 600 Meter entfernt von den Trümmern des zuvor abgestürzten US Hubschraubers. Ein Aufklärungsflugzeug der Bundeswehr vom Typ Fiat G91 verunglückte am 14. Juni 1966 am Bautzenbühl und am 17. Juli 1979 stürzte eine Cessna ­F 172 auf der Hochfläche in ein ­Gerstenfeld.

Das bisher letzte Unglück ereignete sich vor zwölf Jahren, als am 28. September 2005 der Rettungshubschrauber Christoph 51 der Deutschen Rettungsflugwacht mit vier Menschen an Bord am Steilhang beim Gruibinger Wiesle zerschellte. Alle vier Insassen kamen ums Leben. Es war schönes Wetter und klare Sicht, als der Heli vom Krankenhaus Schillerhöhe in Stuttgart-Gerlingen auf dem Weg ins Klinikum Großhadern in München war. Um 11.15 Uhr zerschellte die Maschine in 794 Meter Höhe am Berg. Trotz zahlreicher Spekulationen über mögliche Unglücksursachen bleiben nach wie vor viele Fragen offen. Eine Theorie besagt, dass die Piloten der Autobahn A 8 gefolgt sind und dem Berg nicht mehr ausweichen konnten. Auch Nebel und Wind sollen zu der Katastrophe geführt haben. Und manche glauben, dass auf dem Berg ein Fluch laste.

Bei aller Tragik um den Schicksalsberg ist er dennoch ein beliebtes Ausflugsziel, von dem sich auch die Wandergruppe um ­Willi Eberhard überzeugen konnte. Der Boßler bietet nicht nur eine bemerkenswerte Aussicht Richtung Westen. Im Boßler-Haus der Naturfreunde Göppingen kann man auch neue Kraft tanken. Bevor es wieder zurück zum Ausgangspunkt ging, legten die Teilnehmer dort eine Pause bei Kaffee und Kuchen ein.

Tote gab es in den vergangenen 75 Jahren am Boßler bei neun Hubschrauber- und Flugzeugabstürzen. Das letzte Unglück ereignete sich vor zwölf Jahren.

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