Rekordgewinn im Böhmenkircher Gemeindewald

Frohe Gesichter im Böhmenkircher Gemeinderat: Mit 264.147 Euro hat der Wald 2012 einen Rekordgewinn abgeworfen. Es wurde aber auch gekrittelt: Einigen stößt das geplante Alt- und Totholzkonzept sauer auf.

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  • Vor 150 Jahren war der gesamte "Ochsenhau" noch Buchenwald. Heute gibt es in der 220 Hektar großen Fichten-Monokultur nur noch vereinzelte "Laubholz-Inseln", die jetzt nach dem Alt- und Totholzkonzept der Gemeinde als Rückzugsgebiete für gefährdete Tier- und Pflanzenarten erhalten werden sollen. Foto: Wolfgang Mangold 1/2
    Vor 150 Jahren war der gesamte "Ochsenhau" noch Buchenwald. Heute gibt es in der 220 Hektar großen Fichten-Monokultur nur noch vereinzelte "Laubholz-Inseln", die jetzt nach dem Alt- und Totholzkonzept der Gemeinde als Rückzugsgebiete für gefährdete Tier- und Pflanzenarten erhalten werden sollen. Foto: Wolfgang Mangold
  • Seltener Gast im "Ochsenhau": Den Raufußkauz gibt es sonst nirgends mehr in der Region Stuttgart. Foto: Erwin Lang 2/2
    Seltener Gast im "Ochsenhau": Den Raufußkauz gibt es sonst nirgends mehr in der Region Stuttgart. Foto: Erwin Lang
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Auch wenn die Gewerbesteuer als Haupteinnahmequelle zuletzt schwächelte - auf ihren Wald können sich die Böhmenkircher verlassen: Im vergangenen Jahr warf das 510 Hektar große "Sparkässle" der Gemeinde satte 264 147 Euro Gewinn ab. Das ist neuer Rekord.

Böhmenkirch hat zwar schon mehr Geld aus seinem Gemeindewald geholt, aber da lagen auch 20 000 Festmeter Sturmholz am Boden, wie Revierförster Wolfgang Mangold anhand einer Grafik zeigte, als er dem Gemeinderat am Mittwoch den Jahresabschluss des Forstwirtschaftsjahres 2012 präsentierte. Im vergangenen Jahr reichten für das Rekordergebnis 5010 eingeschlagene Festmeter, das entspricht auch dem im Zehnjahresplan festgelegten jährlichen Soll.

Dass es in den Böhmenkircher Kassen so kräftig klingelte, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist der Höhenflug der Holzpreise: Stattliche 91 Euro wurden 2012 im Schnitt pro Festmeter erzielt. Was unter anderem auch daran liegt, dass im vergangenen Jahr mehr Stammholz verkauft werden konnte als erwartet. Das wertvolle Bauholz wurde entsprechend gut vergütet. Abzüglich der Aufwendungen konnte Mangold somit stolze 53 Euro Gewinn pro Festmeter verbuchen. 2011  betrug der Überschuss nur 39 Euro pro Festmeter.        

In diesem Jahr will Mangold mit 5000 Festmetern etwas weniger als geplant fällen lassen. Mit 1,1 Hektar fällt dafür die Walderneuerung deutlich höher aus als üblich: Während die Fichte in der Regel durch "Naturverjüngung" von alleine nachwächst, will der Revierförster 6320 junge Laubbäume pflanzen lassen, um die im Gemeindewald dominierende Fichten-Monokultur etwas aufzulockern. Mit 5000 Stück bildet die Rotbuche den Schwerpunkt, gefolgt von Spitz-/Bergahorn (650), Douglasie (400), Lärche (100) sowie sonstigem Laubholz (170). Unterm Strich erwartet Mangold am Jahresende  einen Gewinn in Höhe von 171 000 Euro. Da der Böhmenkircher Revierförster stets immer vorsichtig kalkuliert (2012 hatte er 164 500 Euro eingeplant), wird das Ergebnis wohl auch in diesem Jahr höher liegen. Allerdings warnte Mangold schon am Mittwoch, dass sich inzwischen eine gewisse Sättigung am Markt abzeichnet und die Preise zumindest nicht weiter steigen werden. Angesichts des Rekordgewinns war die Billigung der Forstwirtschaftspläne 2012 und 2013 reine Formsache und erfolgte auch jeweils einstimmig.

Umso kontroverser diskutiert wurde, als Mangold und der stellvertretende Forstamtsleiter Tobias Volg im Anschluss ein für den Gemeindewald geplantes Alt- und Totholzkonzept vorstellten. Volg zufolge ist der Wald nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch Lebensraum für 11 000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Rund ein Drittel der Pilze, Flechten, Moose, Käfer, Vögel und Kleinsäuger ist von Totholz abhängig. Um diese zum Teil schon vom Aussterben bedrohten Arten zu erhalten, werden im Staatswald bereits seit Jahren entweder kleinere Baumgruppen als "Habitate" oder mehrere Hektar große Areale als sogenannte Waldrefugien sich selbst überlassen.

Auf den Böhmenkircher Wald ist das Alt- und Totholzkonzept des Landes nur beschränkt übertragbar. Im von Fichten dominierten Ochsenhau könnten große Totholzflächen zu einer unkontrollierbaren Vermehrung des gefährlichen Borkenkäfers führen. Volg und Mangold schlugen dem Gemeinderat stattdessen vor, zumindest einige im Ochsenhau noch vorhandene alte Buchengruppen sowie Solitärbäume aus der Nutzung zu nehmen und stehen zu lassen. Die "letzten Relikte im Fichtenmeer des Ochsenhau" böten nicht nur ein Refugium für bedrohte Tiere und Pflanzen, sondern würden mit ihrer Laubstreu auch der im Ochsenhau durch Fichten und Feuersteinlehm verursachten Übersäuerung des Bodens entgegenwirken. Den wirtschaftlichen Verlust durch den Nutzungsverzicht bewerten die Forstleute als nahezu unbedeutend, da die alten Buchen bestenfalls als Brennholz vermarktet werden könnten.

Gerhard Michalka sah das anders: Er protestierte vehement gegen die Artenschutzpläne. "Uns werden damit drei bis vier Hektar bei der Bewirtschaftung fehlen", hatte der pensionierte Kriminalkommissar für den 220 Hektar großen Ochsenhau ermittelt. Mangold kam hingegen auf maximal ein Hektar. "Im Grunde wird mit dem Konzept nur das festgeschrieben, was wir eh schon seit Jahren praktizieren", betonte Bürgermeister Matthias Nägele. "Wir haben auch die Verpflichtung, der Nachwelt die Artenvielfalt im Wald zu erhalten und nicht nur die lukrativen Fichtenbestände", verwies Gemeinderat und Hobby-Ornithologe Erwin Lang darauf, dass gerade im Ochsenhau mit Schwarzspecht sowie Sperlings- und Raufußkauz Vogelarten vorkommen, die es sonst in der ganzen Region Stuttgart nicht mehr gibt. Das überzeugte die meisten: Mit überwältigender Mehrheit wurde das Alt- und Totholzkonzept beschlossen. Nur Michalka und Walter Aubele stimmten dagegen.

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