Rasenmäher auf vier Beinen

Seit 13 Jahren sorgt die Weidegemeinschaft Goißatäle mit ihren 400 Schafen und Ziegen dafür, dass die einzigartigen Wacholderheiden im oberen Filstal erhalten bleiben.

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Die Weidegemeinschaft Goißatäle und ihre Tiere helfen, die reizvolle Landschaft im Täle zu erhalten.  Foto: 

Seit 13 Jahren ist die „Weidegemeinschaft Goißatäle“ nicht nur eine feste Größe im Goißatäle, sondern eine sichtbare. Selbst die steilsten Hänge links und rechts der Landesstraße zwischen Gruibingen, Mühlhausen und Wiesensteig sind abgeweidet. Wie sauber mit dem Rechen gezogen schimmern die Grasflächen zwischen Wacholdersträuchern und Obstbäumen. Landschaftspflege so natürlich, wie möglich, das nehmen sich die acht Mitglieder der Gemeinschaft zu Herzen. Die Arbeit erledigen hauptsächlich Heidschnucken und Coburger Fuchsschafe. Ziegen, also Goißa, nehmen sich das dornige Gestrüpp vor, das Schafe verschmähen.

Angefangen hat alles vor rund 40 Jahren. Guido Jakob, von Beruf Metzger, hat sich mit Heidschnucken, einer damals im Täle noch unbekannten Schafrasse, einen Lebenstraum erfüllt. Aufgewachsen auf dem Bauernhof hat er als Kind täglich die Geißen auf die Heideflächen geführt. „Wir haben die Tiere auch an der Bahnlinie weiden lassen“, erinnert sich Jakob. Dazu wurden die Tiere angebunden, zum Teil an den Schienen, der Einfachheit halber. „Da mussten wir aber auf Zack sein und springen, wenn die Täleskätter kam.“ Täleskätter nannte man den Zug, der seinerzeit noch fuhr. Manchmal, so berichtet Jakob schmunzelnd, habe man es nicht rechtzeitig zu den Ziegen geschafft und der Lokführer musste seinen Zug anhalten. „Das war aber nicht weiter schlimm, weil der ab und zu von uns mit Fleisch versorgt worden ist.“

Jakobs Heidschnucken mit ihrem guten Fleisch waren rasch „der Renner“ bei den Kunden. Bald schon hatte Schäfer Jakob 400 Tiere, für die er Weidefläche zupachten musste. „Bis das Landratsamt und das Regierungspräsidium mir klar machten, dass ich eigentlich für meine Landschaftserhaltung sogar Geld bekommen sollte.“ Jakob baute einen Schafstall und der Nebenerwerb nahm immer mehr Raum ein.

Allein war das nicht mehr zu bewältigen, weshalb der Mühlhausener vor 25 Jahren mit weiteren zehn Gleichgesinnten eine Weidegemeinschaft gründete. Vor einigen Jahren stand das Projekt knapp vor dem Aus. Da die Mitglieder schwanden, sollte eine Schäferin eingestellt werden. Nach einer Absage wurde die Weidegemeinschaft doch noch fündig. Christine Sigel, Verkäuferin in einer Metzgerei und aufgewachsen in einer Schäferfamilie, übernahm den Job. Zunächst nebenberuflich halfen Sigels Kinder Tanja und Andreas mit und fanden in den  Brüdern Henry und Erik, jüngste Mitglieder der Gemeinschaft, weitere „Jungschäfer“. Die Jugendlichen haben mit der Betreuung von „Schoppenlämmern“ ihre Liebe zur Schäferei entdeckt. „Die sind so zutraulich und folgen einem wie kleine Hunde“, erzählt Henry.

Seit Januar ist Christine Sigel hauptberuflich Schäferin bei der Weidegemeinschaft. „Wir sind ein tolles Team und alles läuft miteinander super“, lobt sie die Mitglieder. Die wiederum halten sie als Chefin hoch: „Wir sind nur noch ihre Knechte“, bemerkt Jakob augenzwinkernd. Um ihre Angestellte zu finanzieren, verkauft die Gemeinschaft Fleisch- und Wurstprodukte von ihren Tieren. Ein weiteres finanzielles Standbein sind  Zuschüsse im Rahmen der Landschaftserhaltung und -pflege. Die Weidegemeinschaft Goißatäle beweidet heute rund 40 Hektar im Landschaftserhaltungsverband. Das ist ein Drittel der gesamten Fläche des Verbands. Weitere 30 Hektar beweidet die Gemeinschaft von privaten Besitzern und der Bahn.

Im Frühjahr und Sommer sind nun 400 Schafe auf den Weiden. Alle drei bis vier Wochen, wenn alles abgegrast ist, geht es zur nächsten Weide. Das dauert mal fünf Minuten, mal eine Viertelstunde. Willig folgen die vierbeinigen Rasenmäher den Menschen – bisher dient ein gefüllter Futtereimer als Lockmittel. Doch bald soll der altdeutsche Schäferhund „Bär“ seinen Dienst aufnehmen. Derzeit muss der einjährige Junghund noch lernen.

Demnächst wird die Weidegemeinschaft auch einen neuen, größeren Schafstall bekommen. Mühlhausen, Wiesensteig und Gruibingen bauen den lange angestrebten interkommunalen Schafstall (siehe Kasten). Die Erweiterung ist dringend notwendig. Am alten Stall verhindert das Wasserschutzgebiet einen Anbau.

Info Im Rahmen der Exkursionen beim Sommer der Ver-Führungen lädt die Weidegemeinschaft morgen zu einer Weideführung ein. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Mühlhausener Rathaus. Die Wanderung dauert knapp zwei Stunden. Anschließend kann im Schafstall der Weidegemeinschaft eingekehrt werden.

Ausgleichszahlungen, etwa der  Bahn für ihren Flächenverbrauch beim Bau der ICE-Trasse, landen im Naturschutzfond der Landesstiftung.

Die Gemeinden Gruibingen, Mühlhausen und Wiesensteig wollen mit der Fördersumme von 400 000 Euro einen interkommunalen Schafstall für Tiere bauen, die Flächen im Landschaftserhaltungsverband beweiden. Ein von den Kommunen favorisierter Standort auf Gruibinger Gemarkung wurde vom Land zunächst abgelehnt, weil das Land dort selbst  Ausgleichsmaßnahmen im Naturschutz plante.

Mittlerweile hat man sich geeinigt: Das Land akzeptiert den von den Gemeinden gewünschten Standort für den  Stall. Dafür realisieren die Kommunen  die Ausgleichsmaßnahmen des Bundes.

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