Protest gegen mehr Müll

Gegen die vorgeschlagene Erhöhung des Durchsatzes beim Müllheizkraftwerk gibt es in Bad Boll eine Unterschriftenliste. In Heiningen fragte der Gemeinderat nach.

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Übergabe der Unterschriften in Bad Boll.  Foto: 

Sie erinnert sich noch gut an die Messstellen für die Luftqualität, die vor zehn Jahren in Bad Boll standen. Diese waren notwendig, um die Eignung als Kurort nachzuweisen. Agnes Hammerstein hat sich darüber gefreut. Seit 23 Jahren lebt sie in Bad Boll und will nicht, dass sich die Luft verschlechtert. „Hier gibt’s ja auch Heilkräutergärten“, sagt die Heilpädagogin. Das Müllheizkraftwerk sei nur acht Kilometer entfernt.  Aber sie würde sich auch wehren, wenn sie nicht im gesundheitsbewussten Bad Boll wohnen würde. Agnes Hammerstein hat eine Unterschriftenaktion gestartet und innerhalb einer Woche 140 Unterschriften bekommen. Ohne aktive Werbung, sagt sie. Ohne die Wala. Ohne Evangelische Akademie. Einfach durch Auslegen der Listen in zwei Geschäften im Hauptort und in Eckwälden.  Da hätten auch Dürnauer und Gammelshäuser unterschrieben. Die fühlten sich noch näher dran.

Die Liste übergab die Beschwerdeführerin den drei Kreisräten aus Bad Boll, Bürgermeister Hans-Rudi Bührle (Freie Wähler), Dorothee Kraus-Prause (Grüne) und Rainer Staib (CDU). Mit dem Appell: Nein von 140 Bürgern zur Erhöhung der jährlichen Verbrennungsmenge im Göppinger Müllofen. Dort werde bereits zu 60 Prozent Müll aus anderen Landkreisen verheizt. Das verursache Emissionen, das verschmutze die Luft. Die Erhöhung schade der Bevölkerung.

Die Kreisräte versprachen, dies weiterzugeben und sprachen lange mit der Beschwerdeführerin. Dass man abwägen müsse zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen der Erhöhung der Müllverbrennung und der Gesundheit der Menschen. Sie sähen es auch kritisch, was da vorgelegt werde: der Wunsch des Betreibers nach einer Erhöhung der Müllverbrennung, verbunden mit dem Entgegenkommen in einem Rechtsstreit mit dem Landkreis. „Die Verknüpfung halte ich nicht für richtig“, sagt Kreisrätin Dorothee Kraus-Prause. Sie glaubt, dass alle Fraktionen dies so sehen.

Ein Interesse des Landkreises gebe es auch: Dieser müsse für 50 000 Tonnen Müllverbrennung im Jahr bezahlen, egal ob er sie brauche, und davon wolle man runter. In den Mülltonnen, so habe ein Untersuchung vor Jahren gezeigt, befänden sich ein Drittel Wertstoffe und ein Drittel Bioabfälle. Deswegen die Bemühen um Mülltrennung, Biomüll. Fakt sei auch: Das Müllaufkommen im Kreis sei deutlich höher als anderswo. In Heiningen sieht man mit anderen Augen auf das Müllheizkraftwerk: Es liegt nah, es liegt größtenteils auf der eigenen Markung. „Die Diskussion um die Erhöhung geht komplett an uns vorbei“, stellte Gemeinderat Oliver Grässle in der Sitzung am Montagabend fest. Bürgermeister Norbert Aufrecht sieht sich auch nicht eingebunden in Entscheidungen. „Wir wurden nicht um Stellungnahme gebeten“. Der Grenzwert der Emissionen, so höre er jedes Jahr im Beirat des Müllheizkraftwerks, werde weit unterschritten.

Was sich Aufrecht erhofft: Dass das Müllheizkraftwerk auch wieder Gewerbesteuer für Heiningen bringt. Die Chronik: Einst habe es in guten Jahren viele 100.000 Euro gebracht. Unter dem Betreiber EON „gar nichts mehr.“  Aufrecht zu den Erhöhungsplänen: Wenn der zusätzliche Müll über die B 10 angefahren werde, „läuft nichts durch Göppingen und Heiningen“. Globaler sei: Ob es sinnvoller sei, den Müll nach Italien oder in die Schweiz zu karren und ob die italiensiche Mafia daran verdiene?

„Die Bevölkerung hat immer noch Angst vor dem Müllheizwerk“, weiß Gemeinderätin Dr. Christel Großmann (Frauenliste). Als frühere Betriebsärztin für das Müllheizkraftwerk wisse sie jedoch: „Kein Haus und keine Firma hat so gute Abgaswerte.“ Wenn jemand in Holzheim klage, wie schwarz seine Fenstersimsen seien und dass dies vom Müllheizkraftwerk komme – „das kann gewiss nicht sein.“ Das komme vom Lkw-Verkehr.

Für Agnes Hammerstein ist es unerheblich, ob die Abgaswerte so sind wie beschrieben. „Mehr Verbrennung erzeugt mehr Emissionen“, sagt die Bad Bollerin.

Sitzung: Die Kreisräte kommen am Mittwoch um 16.30 Uhr im Göppinger Landratsamt zu einer öffentlichen Sondersitzung zusammen. Zunächst geht es um die Kosten des Klinikneubaus, danach um die umstrittene Erhöhung der Verbrennungsmenge im Müllofen.

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