Mangel an Kinderärzten: „Es fehlt hinten und vorne“

Ein Viertel der Kinder- und Jugendärzte im Landkreis ist über 60. Nachfolger sind schwer zu finden. Und schon jetzt klagen Eltern über volle Praxen und lange Wartezeiten.

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Eine Kinderärztin untersucht einen kleinen Jungen mit einem Stethoskop. Bei Kinder- und Jugendärzten im Kreis droht ein akuter Notstand. Nachfolger zu finden, gestaltet sich sehr schwierig.  Foto: 

Es fehlt hinten und vorne“, sagt Dr. Emil Frick. „Wie sich die Politik das vorstellt, ist mir ein Rätsel“, fügt der stellvertretende Vorsitzende der Kreisärzteschaft Göppingen hinzu. Frick spricht über die medizinische Versorgung von großen und kleinen Patienten. Es gebe schlichtweg zu wenig Ärzte, weshalb sich die Nachfolge oft schwierig gestalte – auch bei den Kinder- und Jugendärzten. Immer wieder klagen Eltern über teilweise lange Wartezeiten in vollen Praxen oder Probleme, überhaupt einen Arzt für ihren Nachwuchs zu finden, bestätigt Kai Sonntag, Leiter der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV).

Aktuell gibt es 22 Kinderärzte im Kreis Göppingen, davon arbeiten zwei im Krankenhaus und sind im Rahmen einer Ermächtigung tätig, erklärt Sonntag. Das bedeutet, dass sie zusätzlich zu ihrer Arbeit in der Klinik auch ambulant tätig sein dürfen. Bei den genannten 22 Medizinern handele es sich um Köpfe. Die Zahl könne daher auch Ärzte beinhalten, die nur in Teilzeit tätig sind. Ebenfalls könnten natürlich auch mehrere Ärzte in einer Praxis tätig sein.

Wie die Zukunft aussehen wird, da wagt Kai Sonntag keine Prognose: „Da es für Ärzte keine gesetzliche Altersgrenze gibt, haben wir keine genauen Erkenntnisse“, sagt der Pressesprecher. Fest steht aber: Zu Beginn dieses Jahres waren 26 Prozent der Kinder- und Jugendärzte im Landkreis älter als 60 Jahre. Das sei etwas mehr als der Landesdurchschnitt, der bei 24 Prozent liegt. Was passiert, wenn ein Arzt in den Ruhestand geht, ist ungewiss. Sonntag: „Je ländlicher der Raum und kleiner die Praxis, desto schwieriger die Nachfolge.“

In Deggingen zum Beispiel gab es keinen Nachfolger. Als Andreas Krebs sich kürzlich zur Ruhe setzte, sprangen die Alb-Fils-Kliniken ein: Sie haben zum 17. Juli Krebs’ Kinder- und Jugendarztpraxis übernommen. Sie wurde in das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) der Alb-Fils-Kliniken GmbH in Räume der Klinik am Eichert in Göppingen integriert. Geleitet wird die Praxis von Dr. Katja Bauer, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. „Für die kleinen Patienten und deren Eltern ändert sich in Bezug auf die  medizinische Betreuung nichts. Die Praxis bietet das gesamte allgemeinpädiatrische Spektrum von der Geburt bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres an“, sagt Britta Käppeler, Leiterin der Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit der Alb-Fils-Kliniken. Behandelt werden alle Privat- und Kassenpatienten.

Da es für die Praxis in Deggingen keinen Nachfolger gab, haben die Kliniken den Kassenarztsitz gekauft, erklärt Käppeler. Durch die Integration der Praxis in das MVZ trügen die Alb-Fils-Kliniken dazu bei, die kinder- und jugendärztliche Grundversorgung im Landkreis sicherzustellen, fügt die Pressesprecherin hinzu. Ob die Eltern mit ihren Kindern tatsächlich aus Deggingen nach Göppingen fahren oder sich einen neuen Arzt in der Nähe suchen, kann sie nicht sagen: „Das Ganze ist ja erst angelaufen, das muss man dann sehen.“ Schule machen soll dieses Modell aber nicht: „Aktuell werden keine weiteren Gespräche in diese Richtung geführt“, unterstreicht Käppeler.

 Warum herrscht nicht nur bei Kinderärzten, sondern bei Medizinern überhaupt akuter Notstand? „Die Frage ist schwierig zu beantworten“, räumt Kai Sonntag von der KV ein. Es gebe insgesamt zu wenig Ärzte, hinzu komme, „dass die jungen Ärzte heute in anderen Strukturen arbeiten wollen, die nicht überall vorhanden sind“. Die Kassenärztliche Vereinigung beobachtet einen eindeutigen Trend, wonach immer mehr junge Ärzte nur noch als Angestellte tätig sein wollen – oft auch in Verbindung mit dem Wunsch nach Teilzeit. Bis Mitte der 90er Jahre gab es im ambulanten Bereich gar keine angestellten Ärzte, „heute sind es bereits mehr als zehn Prozent unserer Mitglieder“, verdeutlicht Kai Sonntag die Entwicklung. „Mehr als die Hälfte aller neuen Mitglieder, die wir jedes Jahr bekommen, ist bereits angestellt.“

Die Kliniklandschaft, insbesondere im ambulanten Bereich, ist also im Wandel. „In zehn Jahren wird das ganz anders aussehen als heute“, ist Emil Frick überzeugt. Es werde deutlich weniger niedergelassene Ärzte geben, dafür mehr Versorgungszentren. „Die DDR lässt grüßen“, sagt Frick und meint damit die Polikliniken, in denen dort die Menschen von stets wechselnden Medizinern versorgt wurden. „Es wird nicht besser“, fasst der stellvertretende Vorsitzende der Kreis­ärzteschaft zusammen. Nur mit Runden Tischen, die die Politiker regelmäßig veranstalteten, sei es nicht getan. Für Emil Frick gibt es nur eine Lösung des Problems: „Unser Beruf muss wieder attraktiver werden.“

Akten: Durch den Kauf des Kassenarztsitzes einer Kinderarztpraxis in Deggingen haben die Alb-Fils-Kliniken  auch die Pflicht erworben, die Patientenakten zu übernehmen, erklärt Britta Käppeler, Pressesprecherin der Kliniken. Hintergrund sei die Aufbewahrungspflicht für die medizinische Dokumentation über einen gewissen Zeitraum hinweg. „Daher dürfen wir die Originalakte auch nicht an die Patienten beziehungsweise die Eltern herausgeben, gerne können diese aber auf Wunsch eine Kopie der Akte erhalten, wenn sie zum Beispiel zu einem anderen (Kinder-) Arzt gehen möchten.“

Arztsitze: Trotz bisweilen langer Wartezeiten oder schwieriger Suche nach einem Kinderarzt: „Wir haben derzeit nur einen freien Arztsitz für Kinderärzte in ganz Baden-Württemberg“, sagt Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassen­ärztlichen Vereinigung (KV). Die einzige Möglichkeit, eine eigene neue kinderärztliche Praxis zu gründen oder die eigene Praxis zu erweitern, bestehe aktuell im Landkreis Biberach. „Das ist den Regelungen des Gesetzgebers geschuldet, keine Entscheidung der KVBW.“

Abweisung: Ist eine Abweisung eines Patienten zulässig? „Vertragsärzte sind grundsätzlich verpflichtet, an der medizinischen Versorgung von Kassenpatienten teilzunehmen“, erklärt Swantje Middeldorff, Pressereferentin bei der KV. Daher dürften sie Patienten nicht so ohne weiteres ablehnen. „Aber natürlich gibt es dafür Ausnahmen“, betont Middeldorff: zum einen ein zerrüttetes Arzt-Patienten-Verhältnis, zum anderen eine hohe Arbeitsbelastung und zu viele Patienten, die eine qualitätsgerechte Behandlung eines neuen Patienten nicht mehr gewährleisten könnte. Bei einem Notfall müsse der Arzt jedoch auf jeden Fall tätig werden.

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