Liebeserklärung ans Klavier

Virtuose Klavierkunst, hohes kabarettistisches Niveau, großartige Gesangsstimmen sowie spritziger Esprit: Die Queenz of Piano haben ihr Publikum im Wiesensteiger Residenzschloss grandios unterhalten.

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Zwei Virtuosinnen am Flügel: Jennifer Rüth (links) und Anne Folger sind Allround-Entertainerinnen, die die klassische Musik auf ihre ganz eigene Weise interpretieren, sie mit kabarettistischen Elementen verbinden und so ihrem Publikum ganz neue Sichtweisen auf diese vermitteln.  Foto: 

Jennifer Rüth und Anne Folger sind weit mehr als virtuose Pianistinnen: Als verführerische Vamps flirten sie mit dem männlichen Publikum und selbst die Frauen im Saal verfallen ihrem sprühenden Charme. Hier im heiter-kabarettistischen Smalltalk, dort provokant herausfordernd, am Flügel oder singend entertainen sie ihre Gäste im voll besetzten Saal des Residenzschlosses in Wiesensteig. Sie sind Alleskönner und Multitasker. In furiosem Tempo werfen sie sich die musikalischen und verbalen Bälle zu, auf der Klaviatur bewegen sie sich mit schlafwandlerischer Sicherheit. Sie singen sich durch Liebesschwüre und Pop, scatten im Jazzgesang, holen sich zum "Typewriter" den Florian aus dem Publikum, der die Klingel bedient, bringen Uwe dazu, seine Muskeln spielen zu lassen, machen aus dem Publikum ihren Backgroundchor.

Sie verbiegen nicht nur ihre Körper in akrobatische Lagen, sondern auch die Musik. Lasziv auf dem Klavierstuhl liegend oder frech auf dem Flügel sitzend, entlocken sie den Instrumenten flirrende Tonläufe, etwa im feurigen Thema des Säbeltanzes von Aram Chatschaturjan. Und dann Mozarts Türkischer Marsch: Die berühmte Allegretto-Melodie aus Mozarts Klaviersonate Nr. 11 wird analysiert, zerpflückt, bis zur Essenz zerkleinert: "Daumen und Zeigefinger tun immer dasselbe - welche Ressourcenverschwendung", und "so viele Kreuze - diese christianisierte Symbolik fliegt raus". Ebenso dem Rotstift zum Opfer fallen Arpeggios, Modulationen, Pausen und Wiederholungen, es bleibt die Vollsparversion: vier Takte - aus! Genial, wie Jennifer Rüth und Anne Folger ihr Publikum durch die Hintertür einen Blick auf Kompositions- und Harmonielehre werfen lassen - auf höchstem Humor- und Musikniveau.

Die Musikakrobatinnen beweisen, dass Klassik gar nicht so steif sein muss und dass eine kammermusikalische Ankündigung sich anhören kann wie eine italienische Speisekarte. Längst beschränken sie sich nicht darauf, dem Flügel die klassischen Töne zu entlocken, sondern weiden ihr Instrument regelrecht aus. So erklingt ihre "große Liebe", wie sie das Klavier in einer Lobeshymne besingen, in einer nicht alltäglichen Vielfalt: Der Holzkörper wird zum Percussioninstrument und mit Gitarrenplektrum, Milchschäumer, Kamm oder Kette greifen sie direkt in die Saiten. Das Ergebnis: Im bayerischen Gstanzl wird der Flügel zur Zither, sie erzeugen klirrende Krimispannung und kopieren täuschend echt das Tremolo einer griechischen Bouzouki beim Sirtaki.

Beim Samba Tico Tico des Brasilianers Abreu heben sie in atemraubendem Tempo ab - und das mit einem den Klang dämpfenden Kamm zwischen den Saiten, den sie im selben Tempo, wie ihre Finger über die Tasten fliegen, an unterschiedlichen Stellen einsetzen. Körperliche Arbeit pur. Für den tosenden Applaus gab es zwei Zugaben.

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