Kultur im eigenen Haus

Heute kommen sie alle, die Künstler, Musiker, Freunde. Vor zehn Jahren gründeten Sonja und Malte Koos die Zeller Scheune. Längst ist sie eine Institution.

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Haben den eigenen Dachboden zur gefragten Kleinkunstbühne gemacht: Sonja und Malte Koos in ihrer Zeller Scheune. Die beiden sind sich ihrer Verantwortung bewusst: „Viele Stammgäste verlassen sich auf unser Urteil.“  Foto: 

Auf dem Dachboden des eigenen Hauses eine Kleinkunstbühne für die Region einzurichten – auf diese Idee muss man erst mal kommen. Für Sonja und Malte Koos lag sie auf der Hand. Doch der Reihe nach.

Auch wenn die Zeller Scheune heute ihr Zehnjähriges feiert, liegen ihre Wurzeln viel tiefer. Vor gut 20 Jahren richtete Sonja Koos hier eine Bühne ein. Die Theaterbegeisterte hatte in der Waldorfschule an einer Eltern-Theater-AG mitgespielt, später  beim Theater im Bahnhof (TiB) Rechberghausen. Das TiB ist ein kleines, aber feines Kammertheater. Also warum nicht auf dem eigenen Dachboden eine Bühne einrichten? „Meine Frau hat sich ein Theaterstück zum 50. Geburtstag gewünscht“, erzählt Malte Koos schmunzelnd. Die ganze Familie erfüllte gemeinsam ihren Wunsch – ein unvergesslicher Abend.

Dabei blieb es nicht. Sonja Koos besuchte Theaterkurse, war Regieassistentin bei der Landesbühne in Esslingen und lernte unter anderem bei Günther Treptow. Richtig toll sei das gewesen. Das Gelernte konnte sie gleich bei ihrem eigenen kleinen Ensemble anwenden. Daneben gab es immer öfter Gastspiele aus unterschiedlichen Genres.

Anfangs war alles ziemlich improvisiert. Wo jetzt eine solide Wand den Dachboden trennt, hing erstmal ein dunkler Theatervorhang – imprägniert, wegen der Feuergefahr. Später wurde dann eine richtige Bühne eingerichtet.

Das Publikum kam, und längst nicht nur aus Zell. „Früher war die Scheune spätestens zehn Tage vor dem Termin ausverkauft“, weiß Malte Koos. Inzwischen entschieden sich leider viele erst kurzfristig. Doch noch immer sind die Plätze in den meisten Vorstellungen voll belegt.

Gerade mal 40 Sitzplätze hat die Zeller Scheune, und mehr als vier Musiker haben schwerlich Platz auf der kleinen Bühne, auf die man auch in der letzten Reihe eine Sicht hat wie anderswo nicht in Reihe eins.

Doch trotzdem oder gerade deshalb gab es denkwürdige Abende in der Scheune: etwa bei den Auftritten mit dem virtuosen Crossover-Ensemble Uwaga, den Gypsy-Swing-Abenden mit Mario Adler (Sonja Koos: „Ein ganz feiner Mensch“) oder bei Janne Waglers Verwandlung in Camille Claudel, wovon Malte Koos noch heute ebenso schwärmt wie Uwaga-Geiger Christoph König von Sonja Koos’ Nudelsalat.

Ja, es geht familiär zu in der Zeller Scheune, und das beginnt schon beim Betreten des Bauernhauses aus dem späten 19. Jahrhundert. Dort wird der Besucher persönlich begrüßt, bevor er die knarrenden Stiegen zum Dachboden des alten Gemäuers hinaufsteigt; wobei ihm auf dem Weg dorthin schon mal ein Künstler pfeifend oder summend entgegenkommen kann.

Auch das Schweizer Kabarett-Duo Knuth & Tucek, das 2011 den begehrten Salzburger Stier gewann, war hier zu Gast. „Für die beiden ist Zell ihre Heimat in Deutschland“, sagt die Kabarettistin Heike Sauer, besser bekannt als Marlies Blume. Sauer ist Vorsitzende des Vereins Zeller Scheune und begeistert von deren Ambiente. „Hier stehen die Türen weit offen für alle, die Neues ausprobieren wollen“ – sei es ein Literaturabend zum Tod, eine spritzige Performance oder Sauers Kitsch-Ausstellung.

Ob Theater, Kabarett oder Comedy, Konzert, Ausstellung oder Tanz, eines ist immer gleich geblieben: Wenn irgend möglich, buchen Sonja und Malte Koos die Künstler erst, wenn sie diese vorher persönlich in Augenschein genommen haben. So haben auch viele Neulinge im Lauf der Jahre ihre Chance erhalten.

Doch irgendwann wuchs dem Ehepaar Koos die Arbeit über den Kopf. So kam es vor zehn Jahren zur Gründung eines eingetragenen Vereins, die viele Arbeit wurde auf mehr Schultern verteilt. 23 Mitglieder hat der Verein inzwischen, aber Sonja Koos (71) und Malte Koos (76) sind noch immer mit Herzblut dabei. Wie lange noch, wissen sie nicht – die nervliche und körperliche Anstrengung ist manchmal doch groß.

Sonja Koos würde sich gerne einen Traum erfüllen und Karl Wittlingers Stück „Kinder des Schattens“ auf die Bühne bringen, Malte Koos gerne die mongolische Gruppe Sedaa in die Scheune holen. „Bei deren Musik sieht man förmlich die Nomaden durch die Steppe reiten.“

Also, Scheune-Fans, keine Angst: Es wird in Zell auch weiterhin große Kunst im kleinen Format geben.

Info Wer keine Karten für die Jubiläumsveranstaltung ergattern konnte, hat zwei Tage später erneut die Chance, Thornton Wilders  Einakter „Die Königinnen von Frankreich“ zu sehen. Am Sonntag wird das Stück beim Zeller Dorffest aufgeführt. Mit dem regulären Programm geht es weiter am 29. Oktober. Dann kommt der Kölner Kabarettist Aydin Isik mit dem Programm „Bevor der Messias kommt“ nach Zell.

Heute: Jubiläumsabend mit Theaterstück und bekannten Künstlern

Premiere Heute ab 20 Uhr feiert der Verein sein längst ausverkauftes Jubiläum. Das Ensemble hat den Einakter „Die Königinnen von Frankreich“ von Thornton Wilder einstudiert. Außerdem sind gute alte Bekannte zu hören und sehen: das Gesangsduo Martina Knoll und Angela Hack, kurz „Knack“, zeigt Ausschnitte aus ihrem allerersten Programm „Engelshaar und Höllenschweif“, das 2007 seine Premiere in Zell hatte. Kristin Art ist Sängerin, Songwriterin und Teil des Zeller Theaterensembles. Ihr Debütalbum „Into A World Of Gold“ wird bald in einem abendfüllenden Konzert in Zell vorgestellt, heute gibt es erstmal Kostproben zu hören.

Letzter Schliff Hanna Münch und Heike Sauer erhalten in der Zeller Scheune immer den letzten Schliff für ihre gesellschaftskritische Satire und nehmen die Festbesucher mit auf eine „kabarettistische Plattform mit Weitblick“.

Moderation Durch den Abend führt Marlies Blume, die schon häufig als Marlies Blume in Zell war.

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