Künstler Fritz Schwegler ist tot

Drei Jahrzehnte lang war er Professor an der bekannten Kunstakademie Düsseldorf, er prägte Kunstströmungen wie den Fluxus mit und blieb doch immer singulär. Am 3. Juni ist Fritz Schwegler in Breech gestorben.

|
Fritz Schwegler führte ein Leben zwischen der berühmten Kunstakademie Düsseldorf, wo er als Professor in intensivem Kontakt mit Joseph Beuys stand, und der schwäbischen Provinz, dem heimischen Breech. Im Jahr 2001 gestaltete Schwegler die Tafeln im oberen Foyer des Göppinger Rathauses. Foto: Aljosa Osmanovic

Er war ein kreativer Kauz im besten Wortsinn. Wer einmal erlebte, wie er in seinem kunstbestückten Wasserturm die alte Schiffsglocke schlug oder sein munteres Flötenspiel anstimmte, wird dies kaum vergessen - und vielleicht zweifeln, ob dies wirklich der Mann war, der 30 Jahre an der Kunstakademie Düsseldorf dozierte.

Nach Günther C. Kirchberger (2010) und Klaus Heider (2013) ist mit Fritz Schwegler nun der letzte der "alten Garde" von Kunstprofessoren gestorben - alle drei waren sie Persönlichkeiten, die längst über den Landkreis hinausgewachsen und doch immer ihrer Heimat zugewandt und ihr als Kreative treu geblieben waren.

Fritz Schwegler wurde 1935 in Breech bei Börtlingen geboren, wo er bis zuletzt lebte. Nach Lehrjahren als Schreinergeselle studierte er an der Kunstakademie Stuttgart, bevor er als Maler und Bildhauer auf Wanderschaft ging: nach London, New York, Paris, Kairo und Tokio.

Von 1972 bis 2001 war Schwegler Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. In seiner Klasse inspirierte er Künstler wie Katharina Fritsch, Thomas Huber, Judith Samen, Martin Honert und Gregor Schneider, letzterer bekannt durch sein preisgekröntes "Totes Haus ur" auf der Biennale in Venedig.

Auch Schwegler selbst erhielt viele Auszeichnungen: 1972 gehörte er zu den Künstlern der legendären, von Harald Szeemann kuratierten documenta 5, das Land Baden-Württemberg ehrte ihn 1999 mit dem Hans-Thoma-Preis.

Alle seine Werke haben ihren Ausgangspunkt in den "Urnotizen", spontanen Einfällen, die er penibel nummerierte. Werkgruppen wie seine "Moritafeln" oder "1000 Notwandlungsstücke", die vertraute Dinge durch ihre eigensinnige Form in geheimnisvolle Bilder verwandeln, verbinden Bildhaftes mit poetischen Texten, in vielen Ausstellungen gezeigt und oft vom Künstler in seiner ganz eigenen Weise gesprochen - oder auch gesungen.

"In der spielerischen Leichtigkeit der Werke von Fritz Schwegler, in ihrem zugleich einfach erscheinenden und vieldeutig sich eröffnenden Sinn offenbart sich sein tiefgründiger Humor, sein Witz, der den unermesslichen Schatz seines Bilderkosmos erahnen lässt", schreibt der Göppinger Kunsthallenleiter Werner Meyer.

Zu den jüngsten Arbeiten Schweglers gehörte die Herstellung von 1000 Kleinskulpturen als einer Art "Enzyklopädie des Plastischen". Aus diesem Werk wählte sich die Stadt Eislingen 2011 drei Exemplare für ihren Kreisverkehr an Osttangente und Ulmer Straße. Als Betrugsvorwürfe gegen den Eislinger Finanzdezernenten Herbert Fitterling im Zusammenhang mit den Kosten für das Ensemble laut wurden, wurde schnell auch das Kunstwerk selber in Frage gestellt - eine Diskussion, die Schwegler zunehmend verstörte und ihn veranlasste, die Öffentlichkeit weitgehend zu meiden.

In seinem Geburtsort Breech ist über Jahrzehnte ein ureigener Kosmos entstanden, bestehend aus seinen Werken sowie Sammlungen, die sich an besonderen Orten und in Räumen ausbreiten. Diese haben seine Frau Hildegard Schöneck-Schwegler und er unter dem Titel "Das unbewegliche Theater" mit liebevoller Hingabe als Gesamtkunstwerk eingerichtet. Ein ausgedientes Bauernhaus am Ortsrand mit Obstbaumwiese ist dabei zum Sammlungshaus nicht nur für eigene Arbeiten, sondern auch für die vielen von überall her zusammengetragenen, nicht mehr gebrauchten Dinge eines vergangenen Alltags geworden; ausgediente Wasser- und Trafotürme rund um Breech wurden in Kunsttürme verwandelt, die über tausend Kleinplastiken des Künstlers in sich bergen. "Eine Enzyklopädie des Plastischen, die ohne Vergleich dasteht" , so urteilte der Tübinger Kunsthistoriker Werner Spies über die Sammlung. Protegiert von Werner Meyer und im Zusammenwirken mit den Architekten Thomas Zoller und Peter-Michael Dauner entstand eine einzigartige Raumkombination.

Um dieses Gesamtkunstwerk für die Nachwelt zu erhalten, wurde eine Stiftung in die Wege geleitet. 2012 überreichte Regierungsvizepräsident Christian Schneider dem Ehepaar in Breech die Stiftungsurkunde.

Am 7. Mai diesen Jahres feierte Fritz Schwegler, von schwerer Krankheit gezeichnet, noch seinen 79. Geburtstag. Am Dienstag starb er in seiner Heimat Breech.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Täter von Eislingen entschuldigt sich in Abschiedsbrief

Drei Tote in Eislinger Tiefgarage: Der mutmaßliche Täter hat seiner Noch-Ehefrau und deren Freund mit einem Küchenmesser die Kehle durchgeschnitten und sich offenbar durch einen Kopfschuss selbst getötet. Er entschuldigt sich für die Tat in einem Abschiedsbrief. weiter lesen