Keine traumatische Kindheit

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg erzählt in Donzdorf, wie er die Zeit vor und nach dem gescheiterten Attentat seines Vaters Claus von Stauffenberg auf Hitler am 20. Juli 1944 als Kind erlebt hat.

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  • Viel Interesse an einem Zeitzeugen der NS-Diktatur: Oben Berthold Graf von Stauffenberg (rechts), Sohn des Hitler-Attentäters, mit Gastgeber Gero Hummel in Donzdorf, unten ein gebannt lauschendes Publikum. Fotos: Annerose Fischer-Bucher 1/2
    Viel Interesse an einem Zeitzeugen der NS-Diktatur: Oben Berthold Graf von Stauffenberg (rechts), Sohn des Hitler-Attentäters, mit Gastgeber Gero Hummel in Donzdorf, unten ein gebannt lauschendes Publikum. Fotos: Annerose Fischer-Bucher
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"Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es nicht beurteilen. - Das war halt damals so. - Uns Kindern ging es nach dem Attentat nicht schlechter als vielen anderen auch. - Meine Brüder und ich haben kein Trauma davongetragen. - Die wenigsten Menschen sind Helden, die meisten wollen nur durchkommen. - Es bleibt mir nur die Erinnerung an einen wunderbaren Vater." So könnte man die Hauptaussagen des fast 80-jährigen Generalmajors a. D. der Bundeswehr zusammenfassen, der auf Einladung der Stadt Donzdorf und von Gero Hummel vor einem proppenvollen Saal - sogar im Foyer mussten noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden - erzählte, wie er die Zeit um das Attentat seines Vaters als Neunjähriger Junge erlebt hat. "Ich werde nicht über den Widerstand reden, weil wir ja selbst dem Widerstand nicht angehörten." Es gebe viele Quellen, die jedermann zugänglich seien, Spielfilme und auch das Buch seiner jüngsten Schwester Constanze.

Aber obwohl das Interesse an den Ereignissen in jüngster Zeit gewachsen sei, könnten sich Historiker nicht in die Menschen hineinversetzen, die in einer Diktatur gelebt hätten. Eine Medienschelte bezüglich Gedenktagen schloss sich an. "Am 22. Juli hat die Mutter uns vier Kinder informiert und gesagt, der Vater habe geglaubt, es tun zu müssen." Gehört habe er von dem Anschlag auf Hitler am 21. Juli im Radio, und die Erwachsenen hätten ab da versucht, die Kinder vom Radio fernzuhalten, wohl um sie zu schützen. Für ihn und seinen Bruder sei eine Welt zusammengebrochen, da sie keine Ahnung gehabt hätten, was der Vater geplant habe. Seine entscheidende Erfahrung sei gewesen, dass sogar die Jüngsten durch die Nazi-Propaganda in die Maschinerie eingebunden gewesen seien und an den Endsieg geglaubt hätten. Schon als kleiner Junge habe er regelmäßig die Zeitung gelesen und nun seien ihre Väter "Verräter" gewesen. Graf von Stauffenberg beschrieb die Sippenhaft für die Familie, das Leben im Kinderheim Bad Sachsa, in das sie unter dem Namen "Meister" gebracht wurden, und die Odyssee bis zur Befreiung. Seine Mutter Nina, die 2006 starb, wurde ins KZ Ravensbrück gebracht und strandete dann 1945 in Hof. Die Großmutter kam im KZ um. Dass der Kindertransport am Ostermontag 1945 wegen Bomben nicht ins KZ Buchenwald gelangen konnte und zurück ins Kinderheim fahren musste, dem schreibt Berthold Graf von Stauffenberg zu, dass er und seine vier Geschwister überlebten. Die Nazis hätten viel befohlen, aber es sei oft widersprüchlich gewesen und nicht so planvoll, wie man sich das heute vorstelle.

In einer Tour dHorizon beschrieb er die Situation der Familie nach dem Krieg und seinen eigenen Werdegang bis heute. Er sei dankbar, dass die Familie zu großen Teilen überlebt habe. Er habe den Vater wenig gekannt und sich gefragt, wie sich das Verhältnis zu ihm, wäre das Attentat gelungen und er nicht in Plötzensee hingerichtet worden, wohl entwickelt hätte. Der Vater sei empathisch, musisch und literarisch begabt gewesen, währenddessen er selbst eher technisch interessiert sei und so trocken, dass man Wäsche an ihm aufhängen könne. "Wir hätten vielleicht viele Konflikte gehabt, aber so bleibt mir nur die Erinnerung an einen wunderbaren Vater."

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch ein Trio der Musikschule Donzdorf. Gero Hummel, der den Abend initiiert hatte, besprach ausführlich die Zeit bis zum Attentatsjahr 1944 mit den verschiedenen Gruppen und Formen des Widerstandes in Deutschland, deren Anliegen die Freiheit gewesen sei, sowie die "Chronik des Grauens" danach. Er stellte die Frage, was gewesen wäre, wenn der Anschlag geglückt wäre, und schloss mit dem Zitat: "Was fortwirkt, ist ihr Gewissen, nicht die Tat."

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