Kampf gegen "Monte Scherbelino"

Die Arbeit ist getan. Nach 22 Jahren löst sich die Bürgerinitiative Deponie Stadler auf. 18 000 Euro Vermögen fließen als Spende an Kindergärten, gemeinnützige Einrichtungen und die NWZ-Aktion "Gute Taten".

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Die frühere Erddeponie Stadler (hinter dem landwirtschaftlichen Gebäude) ist zum grünen Hügel geworden. Geplant war eine Aufschüttung auf rund 45 Meter, sagt der Vorsitzende der Bürgerinitiative, Martin Hofmann. Er hat den früheren Zustand aus dem Flugzeug fotografiert und die Erweiterungsfläche eingezeichnet. Der südlich gelegene Wald wäre geopfert worden. Fotos: Staufenpress / Martin Hofmann  Foto: 

Martin Hofmann steht an dem Sträßchen nach Kitzen und deutet auf einen grünen Hügel, der sich sanft in das zu seinen Füßen liegende Bärenbachtal einfügt. Nichts deutet heute mehr darauf hin, dass darunter gewaltige Mengen Bauschutt und Erdaushub lagern. Bis 2003 befand sich hier die Deponie Stadler, die in den 1990er-Jahren im Landkreis heftig Staub aufwirbelte. Dass heute wieder Wanderer, Spaziergänger und Radler das Landschaftsschutzgebiet bei Bärenbach genießen können, schreibt Hofmann nicht zuletzt der Bürgerinitiative, deren Vorsitzender er ist, als Erfolg auf die Fahnen.

Seit 1983 wurde die Deponie im Bärenbachtal betrieben. Als der Landkreis Mitte der 1990er-Jahre plante, die bestehende Fläche von 14 Hektar praktisch zu verdoppeln und die Kapazität um 1,5 Millionen Kubikmeter zu erhöhen, platzte einigen Salachern der Kragen. "Am Anfang waren es knapp zehn", erinnert sich Hofmann. Obwohl schon der damalige Deponiebetrieb durch nonstop an- und abfahrende Lkw eine enorme Belastung für die umliegenden Gemeinden und vor allem für das winzige Bärenbach bedeutet habe, formierte sich der Protest nur schleppend.

Die Gründung der Bürgerinitiative (BI) habe nicht jedem geschmeckt, erinnert sich der Vorsitzende. Mit dem damaligen Bürgermeister Bernhard Ilg habe er manchen Strauß ausgefochten. Bei einer Informationsveranstaltung in der brechend vollen Salacher Turnhalle machten die Deponiegegner das ganze Ausmaß der Auswirkungen auf Landschaft und Umwelt deutlich. 40 Meter hoch wäre der "Monte Scherbelino" bei Ausnutzung der Gesamtkapazität geworden, der südlich gelegene Waldstreifen wäre der Deponie geopfert worden. Und eine gigantische Brecheranlage sollte errichtet werden.

"Mir zitterten die Knie, als ich vor so vielen Leuten sprechen sollte", erinnert sich Hofmann. Aber die BI verzeichnete einen durchschlagenden Erfolg und erlebte einen gewaltigen Zulauf.

"Mit 350 Mitgliedern gehören wir zu den größten in Deutschland", meint der Vorsitzende. Jahrelang dauerte der Kampf gegen den Ausbau der Deponie. "Heftige Jahre", vor allem für den rund zehn Aktive zählenden "harten Kern", sagt Hofmann. Er selbst sei angefeindet und bedroht worden. "Es war eine schlimme Zeit." Die Aktiven ließen sich nicht beeindrucken und der Protest nahm Fahrt auf. Unermüdlich wurden Flugblätter verfasst, gedruckt, verteilt. "Jedes Wochenende standen wir vor den Einkaufsmärkten." Die Mitglieder standen an den Zufahrtsstraßen zur Deponie und zählten Lastwagen, sie veranstalteten Grillfeste, Wanderungen - nicht nur um Geld zu sammeln, "es ging uns auch um den Zusammenhalt".

Der Feierabend oder freie Wochenenden waren gestrichen, erinnert sich Hofmanns Ehefrau Christina. Auch die Familien seien eingespannt gewesen und die Vorstandsmitglieder des Vereins arbeiteten sich tief in die Materie ein. Geologische Gutachten wurden eingeholt, Rechtsanwälte engagiert, um das Projekt zu stoppen. Auch eine Klage wurde erwogen. "Wir haben bestimmt 20 000 Euro für Juristen ausgegeben", schätzt Hofmann. Finanziert wurde dies durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.

Obwohl mittlerweile auch der Gemeindeverwaltungsverband Eislingen-Ottenbach-Salach rechtliche Schritte angekündigt hatte, beschloss der Kreistag 1997 mit knapper Mehrheit den Ausbau der Deponie, den schließlich das Regierungspräsidium stoppte. 1998 wurden die Ausbaupläne ad acta gelegt. Fünf Jahre später wurde der Deponiebetrieb eingestellt. Die Bürgerinitiative aber traute dem Frieden nicht. Obwohl inzwischen buchstäblich Gras über das Deponiegelände gewachsen ist - es wurde vor vier Jahren aufwendig rekultiviert - blieb der Verein bestehen. Erst als die Waage im Bärenbachtal abgebaut war, beschlossen die Mitglieder im vergangenen Jahr die Auflösung. Die soll jedoch nicht sang- und klanglos über die Bühne gehen, "dazu war das, was wir gemacht haben, zu wichtig", sagt der Vorsitzende. Heute sei solch ein Vorhaben in einem Landschaftsschutzgebiet nicht mehr denkbar, meint Hofmann. "Da haben die Bürgerinitiativen in Deutschland viel bewirkt."

Nun will sich die Bürgerinitiative noch einmal nachhaltig in Erinnerung bringen. Die in der Vereinskasse verbliebenen 18 000 Euro sollen Kindergärten in Salach, Ottenbach und Eislingen sowie dem Kreisverein Leben mit Behinderung und der NWZ-Aktion "Gute Taten" gespendet werden.

Schon immer ein Politikum

Diskussionen Seit ihrer Inbetriebnahme 1984 hat die Deponie Stadler, die in den ersten Jahren Schafhof hieß, für Diskussionen gesorgt. Im ersten Bauabschnitt wurden rund 1,4 Millionen Aushub und Schutt verfüllt.

Erweiterung Bereits Anfang der 1990er Jahre gab es beim Landkreis Pläne, die auf 13,6 Hektar angewachsene Deponiefläche nahezu zu verdoppeln.

Protest 1994 gründete sich eine Bürgerinitiative und machte gegen die geplante Erhöhung der Auffüllkapazität mobil. Auch das Regierungspräsidium spielte nicht mit, 1998 wurde das Erweiterungsverfahren eingestellt. Der Deponiebetrieb endete am 31. Oktober 2003.

SWP

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