Integration: Flüchtlingen helfen - aber effektiv

Vor gut einem Jahr begann die große Flüchtlingswelle. Viele Ehrenamtliche leisten in Ebersbach engagierte Hilfe. Kevin Reyer hat überlegt, wie man ihren Einsatz besser organisieren kann.

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Kevin Reyer hat die Ebersbacher Flüchtlingshilfe neu organisiert und viele junge Unterstützer gewonnen.  Foto: 

Wir schaffen das!“ Dass dieser Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel keine bloße Beschwörungsformel blieb, ist zahllosen Ehrenamtlichen zu verdanken, die sich um die alltäglichen Probleme der Flüchtlinge vor Ort kümmern. Einer, der Ideen hatte, wie diese Hilfe möglichst effektiv geleistet werden kann, ist Kevin Reyer. Der blonde 28-Jährige  ist  Ingenieur bei Bosch, hat in Esslingen Maschinenbau studiert und  macht parallel noch seinen MBA (Master of Business Administration) an der ESB Business School in Reutlingen.

Das ist nicht unbedingt eine Biografie, hinter der man den ehrenamtlichen Koordinator einer Flüchtlingshilfe mit 150 Ehrenamtlichen vermuten würde. Und doch:  Der Bünzwangener hat großen Anteil daran, dass die Dinge hier so gut laufen.

„Als im Oktober 2015 der Druck immer größer wurde, waren wir sehr froh, ihn und all die anderen Helfer zu haben“, sagt Dietmar Vogl von der Ebersbacher Stadtverwaltung. „Er händelt das richtig gut. Unsere Ehrenamtlichen sind eine kunterbunte Truppe von Menschen aller möglichen Charaktere und unterschiedlichsten Alters. Die Flüchtlingshilfe leistet eine Riesenarbeit.“ Der Leiter des Geschäftsteils Kultur, Vereine, Integration und bürgerschaftliches Engagement, ist voll des Lobes.

Mit Schwimmkursen fing es an

Reyer ging auf die Raichberg-Realschule, später aufs Technische Gymnasium. Vor anderthalb Jahren stieß er zum damaligen Freundeskreis Asyl, im Sommer 2015, noch vor der großen Welle. Mit Schwimmkursen für Flüchtlingskinder fing es an.

Warum macht er das? „Ich bin sehr  glücklich in meinem Job“, verrät er. „Aber ich suchte etwas, wo ich mich in meiner Freizeit sinnvoll engagieren konnte.“ Der Freundeskreis kümmerte sich zwar sehr, doch Kevin Reyer fiel auf, dass sehr wenig Absprachen getroffen wurden, obwohl die Ehrenamtlichen es immer wieder mit denselben Problemen zu tun hatten. Den Flüchtlingen könnte viel besser geholfen werden, wenn man dem Ehrenamt eine bessere Organisationsstruktur geben würde, dachte er sich. Bei einem Urlaub mit dem Rucksack durch Südostasien entstand auf Schmierpapier eine Skizze, wie es funktionieren könnte. Nach seiner Rückkehr stellte er seine Ideen der Stadtverwaltung vor. Dort war man überrascht und erfreut.

Dietmar Vogl: „Dass ein engagierter junger Mann damals auf uns zukam, war absolut die Ausnahme. Im Ehrenamt sind ja häufig Ruheständler tätig.“ Als der Druck groß war, konnte man so die in der Bevölkerung vorhandene Hilfsbereitschaft aufgreifen und viele neue Ehrenamtliche gewinnen. „Wir konnten in kurzer Zeit zahlreiche Deutschkurse realisieren“, blickt Vogl zurück. Die Helfer haben erfragt, welche Schulbildung die Flüchtlinge haben, und geschaut, wie können wir homogene Lerngruppen zusammenstellen. Das hätten wir als Stadtverwaltung  niemals geschafft.“  Sieben Lehrer meldeten sich, so konnten  offizielle Deutschkurse angeboten werden, für die man sonst kein Personal gehabt hätte – und dazu ehrenamtliche Konversationskurse.

Deutschunterricht in Kleingruppen

Das D2, die Räume der Flüchtlingshilfe, liegen in der Daimlerstraße hinter den Fabrikgebäuden von Südrad. Früher waren dort Werkswohnungen, doch aus Lärmschutzgründen darf dort niemand mehr wohnen. Deshalb stand das Haus 20 Jahre lang leer. Ehrenamtliche und Flüchtlinge haben das Erdgeschoss monatelang renoviert, das Material stellte das Landratsamt, das auch die Miete übernimmt. Jetzt findet hier Deutschunterricht in Kleingruppen statt, man kann sich zwanglos treffen und vielleicht bald auch Computerkurse anbieten. Die ganze Ausstattung wurde gespendet. „Wir haben ein super Sachspenden-Team“, lacht Reyer. „Die können wirklich alles besorgen.“

Nicht jeder im Freundeskreis Asyl  fand es gut, dass plötzlich jemand von außen die jahrelangen Strukturen in Frage stellte, und dann auch noch so ein junger Typ. Es gab Zweifel und Kritik, erinnert sich Reyer. Doch seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus: „Heute sind gerade die größten Kritiker von damals meine größten Unterstützer“, freut er sich. Der inzwischen in „Flüchtlingshilfe Ebersbach“ umbenannte Helferkreis wuchs auf 150 Ehrenamtliche an: „Damals war ich der Jüngste in der Gruppe und suchte auch über Facebook Unterstützung. Es meldeten sich viele junge Leute, die heute vor allem in der Jugendarbeit mitmachen.“

Reyer ist sehr stolz auf das, was in Ebersbach auf die Beine gestellt wurde: „Ohne unser Super-Team wäre das nicht möglich. Wir haben hier viel Fachwissen versammelt. Frühere Manager, ein IT-Spezialist, viele Lehrer.“ Er sagt: „Ich bin unheimlich dankbar für die Unterstützung, die ich bekommen habe, von meiner Familie, Freunden, den Helfern selbst oder auch durch meinen Arbeitgeber. Eine große Hilfe war meine Freundin, die auf mich aufpasst, wenn ich mich mal wieder in zu viel Arbeit gestürzt habe.“ Auch von der Stadt Ebersbach gibt es Unterstützung, Kevin Reyer koordiniert inzwischen mit Andrea Schiller die Flüchtlingshilfe.

"Die Kinder waren reihenweise krank"

Es gab auch harte Zeiten. Etwa als die „Ebercamp“ genannte Erstaufnahmeunterkunft Ende 2015 mit 160 Flüchtlingen voll belegt wurde. Trotz der Ankündigungen, nach sechs Wochen in eine feste Unterkunft wechseln zu können, mussten die Bewohner bis in den Frühsommer in den Leichtbauhallen ausharren: „Menschen unterschiedlichster Kulturen und Bildungsniveaus auf engstem Raum im Winter, ohne Privatsphäre, dazu die vielen Kinder und der Lärm von der Bahnlinie gleich daneben“, erinnert er sich. „Die Kinder waren reihenweise krank. Auch Sprachkurse gab es erst einmal nicht.“

Der Bau der Anschlussunterkünfte war damals ins Stocken geraten. Da lagen nicht nur die Nerven der Bewohner blank, auch die ehrenamtlichen Betreuer kamen an ihre Grenzen. Erst nachdem Anfang Juni in Uhingen neue Gemeinschaftsunterkünfte fertig wurden und die Bewohner umziehen konnten, entspannte sich die Lage. Eine Weile stand das „Ebercamp“ leer. Vor zwei Monaten zogen wieder Bewohner ein: 55 junge Männer, die zuvor in der Öde untergebracht waren. Probleme gebe es keine, alles laufe ganz gut.

Reyers Wunsch für die Zukunft: „Wieder mehr Zeit für Sport und alte Freunde haben.“ Er hofft, dass das klappt, denn künftig wird eher an langfristigen Projekten gearbeitet, um die Flüchtlinge zu integrieren und ihnen nicht mehr hauptsächlich beim Ankommen zu helfen: „Da müssen die Flüchtlinge dann verstärkt selbst mit anpacken.“

Ebersbach sucht dringend Räume für Sprachkurse

Voraussetzungen: Die Stadt Ebersbach sucht händeringend Räume, um weitere Sprachkurse anbieten zu können. Voraussetzung ist, dass in dem Raum 20 Personen unterrichtet werden können. Ein zweiter Raum, in dem parallel Kinderbetreuung stattfinden kann, sollte ebenfalls vorhanden sein. Die Räume werden zwischen 8.30 und 12.15 Uhr benötigt.

Kontakt: Wer einen Raum hat, sollte sich bei Andrea Schiller melden, (07163) 161-292, schiller@stadt.ebersbach.de oder bei Dietmar Vogl, (07163) 161-130, vogl@stadt.ebersbach.de.

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