Informativer Abstieg in die Unterwelt

Stadtarchivar Uwe Geiger nahm zwei Dutzend Besucher mit auf eine Entdeckungstour durch die Keller und Gewölbe von Ebersbach.

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Im Schein der Handlampe wurden Ebersbacher Gewölbe erkundet, die sonst verschlossen sind.  Foto: 

Der Weg in die Ebersbacher Unterwelt ist oft steil. Meist auch noch steinig und man sollte den Kopf einziehen. Gut zwei Dutzend Interessierte gaben sich unter Leitung des Ebersbacher Archivars Uwe Geiger dem „Sommer der Verführungen“ hin und folgten ihm in die Keller und Gewölbe der Stadt.

Viele der Jahrhunderte alten Gewölbe befinden sich in privatem Besitz – und nicht alle konnten daher besucht werden. Aber im Ebersbacher Heimatmuseum an der Martinstraße 10 ist der Zutritt sehr wohl gestattet, wenn die Keller auch eng sind und die Besucher sie deshalb nur gruppenweise betreten können. Noch heute werden sie genutzt. In einem hängt eine duftende Räucherwurst von der Decke. Äpfel liegen im Korb auf dem Regal. Was aber macht man mit den uralten, eisernen Handschellen, die auf einem hölzernen Schemel liegen? Es gibt viele Mutmaßungen, aber das Rätsel wird an diesem Tag nicht gelöst werden.

Die meisten alten Keller sind auf dem Kirchberg zu finden – und das hat seinen Grund: „Auf dem Kirchberg bestand keine Gefahr durch Hochwasser. Bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es Überschwemmungen durch die Fils“, erklärt Geiger. Und so waren es vor allem Bauern, Gastwirte und Betriebe, die hier früher ihre Waren und Erzeugnisse wie Getreide, Obst, Lebensmittel, Most oder Bier hochwassersicher unterbrachten.

Manche dieser kunstvoll gemauerten Gewölbe werden noch immer genutzt, andere stehen seit langem leer. Wie die Keller an der Martinstraße 28. Oben ist der Waldorfkindergarten, unten ein großes schwarzes Portal. Nur einen einzigen Schlüssel gibt es, der das etwas schief in den Angeln hängende Tor leichtgängig öffnet und auch wieder schließt.

Um den Keller im 1815 erbauten „Haus Rössling“ ranken sich Sagen und Mythen. So soll von hier angeblich ein geheimer Gang zum Kloster Lorch führen, den bisher aber noch niemand fand.

Dieser wie auch viele andere Keller mussten während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzkeller herhalten. Es sei eine Auflistung aller Keller gefunden worden, die 1943 aufgestellt worden sei, berichtet Geiger. Im Mühlenwäldle sei ein Luftschutzbunker für 1200 Menschen geplant gewesen, aber nie fertiggestellt worden: „Dazu hätte es Massen an Beton gebraucht!“

„Mich interessiert es, was auch unter Ebersbach so passiert“, begründet Adelheid Schadl ihre Teilnahme am Rundgang. Allerdings habe sie schon von ihren Eltern erfahren, dass Ebersbach immer wieder mit Hochwasser zu kämpfen gehabt habe und daher der Kirchberg als geschützter Bereich besonders begehrt war.

Auf dem Weg ins sonst für die Allgemeinheit nicht zugängliche Archiv des Rathauses geben Marianne und Bruno Hackspacher zu, dass dort, wo sie herkommen, Keller unbekannt sind. Beide kamen vor einiger Zeit aus Brasilien nach Deutschland, wo Marianne Hackspacher herstammt. Ihren Mann Bruno lernte sie in Rio de Janeiro kennen, wo sie lange lebten. Aus familiären Gründen seien sie nun nach Ebersbach „ausgewandert“.

Da kommen die Wege in den Ebersbacher Untergrund einem Abenteuer gleich. Wenn auch die Treppe ins Archiv des 2009 bezogenen neuen Rathauses vergleichsweise bequem ist – im Gegensatz zu den ausgetretenen Steinstufen der historischen Gewölbe. Die waren weitgehend ungenutzt, während im Archiv Regale dicht an dicht stehen und Schätze bergen: „Das Archiv ist das Gedächtnis der Stadt!“ Ein Teil einer liturgischen Handschrift, entstanden so um 1170, sei das älteste erhaltene Schriftstück, erklärt Uwe Geiger. Auf Pergament verfasst sei es irgendwann als Einband genutzt und erst bei der Restaurierung dieses alten Buches gefunden worden.

Besonders stolz ist die Stadt auf die erhaltenen Inventare, in denen die Familien einst ihr gesamtes Hab und Gut auflisteten. Vom Ortsteil Roßwälden seien die erstellten Inventare seit 1651 durchgehend erhalten: „Das ist ein ganz großer Schatz!“, freut sich der Archivar. Von Ebersbach liegen sie erst von 1811 an vor. Dafür kann das Stadtarchiv auf die Gerichtsprotokolle bis 1627 zurückgreifen. Sie zu lesen ist allerdings eine mühsame Arbeit. Zwar ist die Handschrift fein, fast wie gemalt. Die Aufzeichnungen sind aber nur für Kundige der alten, deutschen Schrift lesbar.

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