Hinter den Kulissen: Hoch hinaus in die Welt von Mary Poppins

Einen Blick hinter die Kulissen der Stuttgarter Aufführung von Mary Poppins warfen Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule Süßen. Die Jugendlichen stellten den Darstellern Fragen und erfuhren viel.

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Zwei, vier, sechs … mit geübtem Auge zählt Michael ­Kerll „seine“ Jungen und Mädchen durch. 26 Kinder, passt. Obwohl, Kinder sind sie nicht mehr, aber Jugendliche. Doch gerade im Alter  zwischen 14 und 16 Jahren lockt der Stuttgarter Hauptbahnhof mit Ablenkungen, die es so in Süßen sicher nicht gibt. Denn aus dieser Kleinstadt kommt die Gruppe von Neuntklässlern, die sich nach 2016 zum zweiten Mal als NWZ-Reporter von der Geschwister-Scholl-Realschule für einen Musical-Besuch entschieden haben.

Und so viel gleich vorne weg: Mädchen wie Jungen zeigen sich recht erfahren, was das in dieser Altersklasse eher selten gehörte Musikgenre betrifft. Nach „Rocky“ steht nun Mary Poppins auf dem Stundenplan.

Es ist Mittagszeit und ganz schön was los im Stuttgarter Hauptbahnhof. Baustellen wie Fußweg zur U-Bahn halten sich in Grenzen, Micheal Kerll läuft flotten Schrittes voraus, sein Kollege Helmut Fischer passt als Schlusslicht auf, dass niemand verloren geht. Kaum drin in der U-Bahn, will jemand wissen: „Wo steigen wir aus?“ In Möhringen. Anfangs sind es etwa 9 bis 10 Stationen, dann umsteigen, nach drei weiteren Stopps ist man direkt gegenüber des Stage-Apollo-Theaters.

In der großen Empfangshalle wird nochmals durchgezählt, prima, alle sind da. Dann begrüßt  der Theater-PR-Manager Jürgen Langerfeld mit einigen Kolleginnen die Gruppe. Darunter unter anderem Lena Biedlingmaier. „Ist das nicht …?“ Ja, sie ist es. Eine der zehn Tänzerinnen, die im letzten Jahr im „Vogelhändler“ bei den Stauferfestspielen zu begeistern wusste und heute als „Team Lena“ die Jugendlichen hinter die Kulissen blicken lässt.

„Wie ist das mit den kurzen Hosen? Sollen wir uns schon umziehen?“, möchte ein Junge wissen. So wie er, haben sich an diesem heißen Tag freilich viele in luftige Freizeitklamotten geschmissen. „Ihr sollt euch wohlfühlen, ihr braucht nicht auf eure Kleidung, sondern lieber aufs Schreiben Wert legen“, beantwortet Jürgen Langerfeld fröhlich die Frage. Erleichterndes Grinsen macht sich breit. Scheint ja ein lockerer Tag zu werden. Nichtsdestotrotz, die Aufführung genießen die meisten in langen Hosen. Und die Mädels? Na die haben sich eh schon fein gemacht.

Damit auch jeder etwas versteht, wird die Gruppe halbiert. „Keine Sorge, jeder sieht alles, wir treffen nachher auf die anderen“, klärt Lena auf und macht Station bei den Kostümen, im Make-up- und Perückenraum, auf der Bühne und der Black-Box, jenem schwarzen Raum, in dem sich die Darsteller binnen weniger Sekunden umziehen.

Mittlerweile fragt man sich – sind die wirklich erst 14, 15 oder 16 Jahre alt? Kein Quatschen oder Kichern, niemand schaut aufs Smartphone – nicht mal heimlich, quasi versteckt in der hinteren Reihe. Konzentriert lauschen die Schüler den Ausführungen, wechseln sich beim Mitschreiben ab und stellen Fragen. Kluge Fragen. Und da ist es wie überall. Einer muss den Anfang machen, ab dann läuft’s wie geschmiert.

Der gesunde Wissensdurst zieht sich durch die komplette Backstage-Führung, absoluter Höhepunkt, das Interview mit den beiden Hauptdarstellern. „Jeder hat sich schon zuvor eine Frage überlegt, das vermeidet Dopplungen“, verraten die beiden Pädagogen, von denen – wie vielleicht vermutet – keiner Musik unterrichtet. „Ich mache das schon seit Jahren. Mit den Zehnern gehe ich immer in die Oper, und mit meinen jeweiligen Achtklässlern besuche ich ein Musical, mittlerweile bestimmt schon zum siebten oder achten Mal“, berichtet Deutsch- und Biologielehrer Michael Kerll.

Weil er in diesem Schuljahr keine achte Klasse habe, fragte er seine ehemaligen Schüler, ob sie Lust hätten. Und ob. Bis auf zwei Mitschüler wollten alle mit. Freundlich, höflich – die Klasse fällt, im Vergleich zu anderen Schülern – positiv auf. Profis eben. Nicht nur Mathematiklehrer Helmut Fischer staunt, auch die beiden sympathischen Hauptdarsteller Christopher Bolam (spielt Schornsteinfeger Bert) und Maria-Danae Bansen (Zweitbesetzung Mary Poppins) zeigen sich von  der Qualität der Fragen überrascht. „Was sagten Ihre Eltern zu der Wahl Ihres Berufes?“ „Gibt es etwas, was Sie an der Rolle stört?“ „Wie war der erste Auftritt?“ Angefangen von etwaigen Vorbildern, Gefühlsregungen, Müdigkeit oder Pannen wie „den Text vergessen“ bis zur Probendauer oder wie lange der kürzeste Klamottenwechsel dauerte, die Neugierde war groß.

Waren Interview, die Begutachtung der vielen Requisiten und die ausgefeilte Bühnentechnik schon sehr interessant, war freilich das Highlight – neben dem Musical selbst – die „nicht auf dem Plan stehende Tanzstunde“. Jürgen Langerfeld hatte es als „Gastgeber“ möglich gemacht, dass die Klasse gemeinsam mit Heather Cariono, ihres Zeichens „Assistant Dance Captain“, einige Sequenzen der im Stück schwersten Choreografie einstudieren konnte. „Das ist ja toll, das gab’s noch nie“, freuten sich alle und auch die Schüchternsten aus den hinteren Reihen hatten jede Menge Spaß.

Nicht nur gucken und staunen, mit allen Sinnen und Muskeln mitmachen, war beim wohl bekanntesten Lied: „Superkalifragilistikexpialigetisch“ angesagt. Gar nicht so einfach, auf Kommando gemeinsam in die Höhe zu hüpfen. Was für eine Gaudi, als die einen schon fast an der Decke hängen und die anderen noch in der Hocke zu überlegen scheinen, wie komme ich ganz nach oben? Aber, die Mädchen und Jungen machten das wirklich prima. Fast alle verloren zeitgleich buchstäblich den Boden unter den Füßen.

Nach Ende der sehr umfangreichen Backstage-Führung, meldete sich bei allen der Hunger, Pizza war angesagt. Der gelungene Abschluss des ereignisreichen Tages war dann natürlich  die Aufführung des Musicals: der Saal war voll mit Kindern, Jugendlichen und Senioren. Schon in der Pause wuselte und gackerte es von weiteren Klassen, das Musical scheint bei vielen Schülern der Renner zu sein.

„Gibt es einen Maces?“, war denn auch die erste Frage, als der Pulk der Musical-Fans den Stuttgarter Hauptbahnhof erreichte. Michael Kerll kennt die Frage, ein Hamburger bei McDonalds gehöre am Ende quasi zum Programm. Dann, im Regionalzug nach Hause sind manche eingenickt, einige tauschen sich aus und andere wiederum checken ihre Nachrichten am Handy.

Begeistert vom erlebnisreichen Tag, meint Leon zum Stück selbst: „War ganz okay“ und sein Kumpel Tobias ergänzt: „Das Ende war besser als der Anfang“. Für Jungs diesen Alters ein fettes Lob. Wo sich allerdings fast alle einig sind: Bei Rocky  gab es mehr Action. Diesbezüglich sind die beiden Lehrer aber sicher froh, dass selbige bei den Schülern ausblieb und alle wieder gesund nach Hause kehrten.

Buch Das Musical Mary Poppins basiert auf der 1934 erschienenen Kinderbuchreihe der australischen Schriftstellerin Pamela Lyndon Travers (1899-1996) sowie der gleichnamigen Disney-Verfilmung des britisch-US-amerikanischen Regisseurs Robert Stevenson (1905-1986). Mary Poppins ist ein Musical-Fantasyfilm aus dem Jahr 1964. Die beiden Hauptrollen spielten Julie Andrews (1935) als magisches Kindermädchen, Dick Van Dyke (1925) verkörperte ihren guten Freund Bert, den Schornsteinfeger. Mit fünf Oscars prämiert, wurden die Komponisten-Brüder Richard M. und Robert B. Sherman 1965 ebenso wie Julie Andrews mit dem Preis ausgezeichnet. Für letztere Schauspielerin begann damit ihr Weltkarriere.

Musical Seit Ende Oktober 2016 und voraussichtlich noch bis Januar 2018, begeistert die poetische Geschichte um das außergewöhnliche Hausmädchen Mary Poppins und der Londoner Familie Banks im Apollo-Stage-Theater Stuttgart. Mit ohrwurmverdächtigen Liedern inklusive präziser Orchesterbegleitung, exzellenten Tanznummern sowie einem ausgesprochen kreativen Bühnenbild. Nicht zu vergessen, die frisch aufspielenden tanzenden Sänger, beziehungsweise singenden Tänzer, allen voran die beiden Kinderdarsteller.

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