Heiningen einst Schäferdorf

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    Prämierung von Schafen in heutiger Zeit: Im alten Württemberg und so auch in Heiningen war das ein Wirtschaftszweig. Foto: 
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    Einträge in alten Büchern: In Heiningen blühte die Schafzucht. Foto: 
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Noch in keinem anderen Archiv habe ich so ein Dokument gefunden“, freut sich Carola ­Eberhard. Vor ihr liegt eine akribisch geführte Auflistung aller Heininger, die zwischen 1841 und 1893 Schafe besaßen. Dieses „Protokoll der Schafbesitzer“ führt nicht nur den Namen, sondern auch die Anzahl der Schafe auf, den Tag der Visitation durch den Oberamtstierarzt und auch den Ort und das Amt, in das die Schafe geliefert wurden. Und da fallen zwei Einträge besonders auf. 1877 ging eine Fuhre nach Straßburg, ein Jahr später, am 29. Juni, gar in die französische Hauptstadt. Der Besitzer der Schafe war aus Metz gekommen. Leider verschweigt das Dokument, wie die Geschäftskontakte ins damals deutsche Elsass und nach Paris zustande gekommen waren. Der Archivarin ist noch etwas aufgefallen: Die Notizen in dem in Pappe gebundenen Buch waren anfangs in Schönschrift geschrieben worden. Zum Schluss hin wird die Schrift immer schludriger. Auf jeden Fall beweist das ungewöhnliche Dokument, „dass es in Heiningen sehr viele Schafe gab“.

Überhaupt spielten Schafe in Württemberg immer eine große Rolle. Im 18. Jahrhundert waren deshalb Schäfer im Auftrag des Herzogs nach Frankreich und Spanien gereist und hatten dort Schafe geholt, die mit dem für Krankheiten anfälligen württembergischen Zaupelschaf gekreuzt wurden und so eine robuste Rasse schafften. Zudem war die Wolle der Merinoschafe die feinste und begehrteste ihrer Zeit. Manfred Rheinhardt hat in seinem Buch „Das Goldene Vlies. Als die Merinoschafe nach Württemberg kamen“ diese ungewöhnliche Reise nachgezeichnet. Zunächst mussten Schäfer gefunden werden, die sich auf das Wagnis einließen. Denn sie sollten aus Zentralspanien und Südfrankreich die Edelschafe nach Württemberg treiben. Weil die Schäfer Buch führen mussten über die rund 12 000 Gulden, die ihnen anvertraut worden waren, lässt sich ihr Reiseweg detailliert nachverfolgen.

Über Burgund, Nimes und Montpellier reisten sie nach Perpignan, wo sie sich trennten. Josef Clapier suchte französische Tiere, Georg Friedrich Gallus reiste nach Segovia. Nur ganz besonders gute Tiere der spanischen Schafzüchter suchte der erfahrene Schäfer. Denn sie mussten fit sein. Hatten sie doch einen 2000 Kilometer langen Weg auf die Schwäbische Alb vor sich. Durchschnittlich 24 Kilometer am Tag legten Mensch und Tier zurück. In Perpignan vereinigten sich die beiden Gruppen wieder und trafen Mitte Juli in Avignon ein. Am 12. August war Genf erreicht, dann ging es weiter nach Biel. Überall standen staunende Menschen am Wegesrand.

Am 2. September 1786 betrat die Expedition bei Tuttlingen württembergischen Boden, zehn Tage später waren sie in Münsingen an ihrem Ziel. Die Schäfer hatten die unglaubliche Strecke von 4500 Kilometern zu Fuß zurückgelegt. Der Herzog konnte zufrieden sein. Von den 110 gekauften Schafen waren 104 angekommen. Die Böcke wurden auf die Schafzuchten des Landes verteilt. König Wilhelm I. von Württemberg genehmigte dann im 19. Jahrhundert Wollmärkte. Die Textilindustrie nahm rasanten Aufschwung – nicht zuletzt dank des Wagemuts einiger Württemberger Schäfer.

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