Handwerk auf Schrumpfkurs?

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Funken ohne Feuer? Die aktuelle Statistik der Handwerkskammer Stuttgart sorgt für Aufregung im Landkreis. Unser Bild zeigt einen Gas- Wasser-Installateur bei Schweißarbeiten.  Foto: 

Die Zahlen, welche die Handwerkskammer in der Region Stuttgart jüngst veröffentlicht hat, lassen in Göppingen aufhorchen. Zwar ist laut der Mitteilung die Zahl der Handwerksbetriebe in der Region insgesamt rückläufig. Den größten Rückgang in Höhe von 3 Prozent gibt es demnach aber im Kreis Göppingen. Stuttgart kann dagegen auf ein leichtes Plus von 0,3 Prozent verweisen. Beklagt wird von der Handwerkskammer vor allem die nachlassende Bereitschaft von „Gesellen, Meistern und Führungskräften, sich selbständig machen zu wollen“. Ist Göppingen also ein besonders schlechtes Pflaster für Handwerker?

Nicht unbedingt glücklich ist Kreishandwerksmeister Jürgen Schmid mit der Pressemitteilung aus Stuttgart. Er hat sich die Mühe gemacht, die Zahlen ganz genau anzuschauen und neu einzuordnen. Sein Fazit fällt etwas anders aus: „Im Prinzip bewegen wir uns auf dem Status Quo“, sagt Schmid. Er verweist auch auf Ein-Mann-Betriebe, die so schnell geschlossen wie eröffnet, aber nicht wirklich substantiell für das Handwerk und seine Beschäftigten seien.

Ein Problem hat das Handwerk laut Schmid aber sehr wohl in Zukunft: Die oftmals ungelöste Nachfolgefrage trotz sehr guter Aussichten. Verantwortlich macht er dafür auch den „politisch völlig falschen Weg“, der den anhaltenden Trend zur allgemeinen Akademisierung fördere und das gesellschaftliche Renommee des Handwerks untergrabe. Und er benennt ein weiteres Problem: Die Finanzierung durch Banken sei mitunter die letzte unüberwindbare Hürde. „Wenn alles passt, es motivierte Gründer oder erfolgreiche Übernahmeverhandlungen gibt, kommt oft Basel III, Basel IV in die Quere“.

Um dagegen auf die Attraktivität des Handwerks und die unterschätzten Berufsperspektiven hinzuweisen, gibt es immer wieder Veranstaltungen, vielerlei Ansätze und Kooperationen. Sowohl die Göppinger Wirtschaftsförderin Christine Kumpf als auch Kreishandwerksmeister Schmid verweisen auf gemeinsame Veranstaltungen mehrerer Partner, bei denen etwa Fragen der Übernahme und Gründung behandelt und Perspektiven aufgezeigt würden. Schmid: „Ohne Handwerk geht nichts, das muss uns klar sein.“

Alexander Fromm, Wirtschaftsförderer des Landkreises, bewertet Göppingen nicht als schlechtes Pflaster für Handwerker. Er sieht den Kreis nach wie vor gut aufgestellt hinsichtlich der Handwerkerdichte. „Wo viel ist, kann viel verloren gehen“, sagt er und macht dies anhand einiger Vergleichszahlen deutlich. Im relativ kleinen Landkreis Göppingen gebe es prozentual gesehen mehr Handwerksbetriebe als in den anderen Kreisen der Region. Auf 79,4 Bürger käme hier ein solcher. In Stuttgart sei die Relation eine ganz andere. Dort würde auf 110 Einwohner ein Betrieb kommen, in Esslingen – das die beste Relation nach Göppingen aufweist – seien es immerhin noch 89 Menschen.

Zudem habe es im Bereich der Industrie im Landkreis ein starkes Wachstum gegeben. Dies hätten einige genutzt, um in die Industrie zu wechseln. Dort würden selbst für ungelernte Arbeiten gute Gehälter gezahlt. Die vermeintliche Sicherheit eines solchen Arbeitsplatzes würden viele einer Selbständigkeit als Handwerker vorziehen, auch wenn die Situation bei einem Konjunktur­einbruch ganz anders aussehen könne.

Fromms Vermutung, dass sich einige – im Kreis Göppingen stark vertretenen – ausländischen Handwerker als Dienstleister bei der IHK registrierten und daher nicht mehr als Handwerker bei der HWK auftauchten, kann Gernot Imgart von der IHK nicht bestätigen. Imgart verweist dagegen ebenso wie die Handwerkskammer auf konjunkturelle Phänomene. „Krisenzeiten sind Gründerzeiten“, so der stellvertretende Geschäftsführer der IHK Göppingen. Dagegen sei in wirtschaftlich guten Zeiten die Neigung zum Gang in die Selbständigkeit gering. Dies spiegle sich auch im IHK Gründungsmonitor wider. Der IHK-Gründungsexperte erklärt, es gebe einen Fachkräftemangel nicht nur in der Industrie sondern auch beim Thema Selbständigkeit. Dies sei allerdings keine spezifisch auf das Handwerk bezogene Erkenntnis, betont Imgart.

Kommentar: Mit Vorsicht zu genießen

Statistiken können einem die Augen öffnen, sie können einem aber auch den Blick auf das Wesentliche verstellen. Der von der Handwerkskammer manifestierte regionweit höchste Rückgang an Handwerksbetrieben  im Landkreis dürfte eher in die zweite Kategorie fallen. Die Rahmenbedingungen sind hierzulande nicht schlechter als anderswo, nimmt man mal die Landeshauptstadt Stuttgart aus. Deren Sogwirkung kann ein kleiner Landkreis sowieso nicht toppen. Ansonsten braucht sich Göppingen nicht zu verstecken.  Kreishandwerkskammer und Wirtschaftsförderung werben schon lange in vielerlei Kooperationen für die Attraktivität des Handwerks und auch die Städte und Gemeinden tun das Ihre, den Handwerksbetrieben das Leben und Überleben zu erleichtern.   Mit wie viel Vorsicht die Statistik zu sehen ist, verdeutlichen die Vergleichszahlen des Wirtschaftsförderers Alexander Fromm. Sie belegen, dass die Handwerksdichte in Göppingen sogar höher ist als in anderen Landkreisen, ja sogar als in Stuttgart. Alles in schönster Ordnung also? Mitnichten. In der Tat kämpft das Handwerk mit vielen Problemen, sei es die Nachfolgeregelung, die schwierige Finanzierung durch die Banken oder eben auch die nachlassende Bereitschaft,  sich selbstständig zu machen. Diese Schwierigkeiten sind aber überall gleich. Leider.

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