Gruibingen will für Adolf Zanker einen Stolperstein setzen

Gruibingen will Stolpersteine setzen für zwei Jehovas Zeugen, die wegen ihres Glaubens vom NS-Regime getötet wurden. Eine Veröffentlichung von Christian Buchholz hat den Stein ins Rollen gebracht.

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Der frühere Schuldekan Christian Buchholz aus Dürnau, erinnert in seinem Buch "Gottes Geist im Filstal" an das Schicksal von Adolf Zanker, der als Zeuge Jehovas den Kriegsdienst verweigert hat und hingerichtet wurde.  Foto: 

"Du sollst nicht töten" - Weil er Gottes Wort gehorchte, musste der Landwirt Adolf Zanker aus Gruibingen sterben. 1943 begann sein Leidensweg. "Sie holten ihn vom Feld weg", erzählt seine Enkelin Anita Beretovac. "Darüber hat man sich in Gruibingen aufgeregt."

Zanker war ein engagierter Zeuge Jehovas, er holte Bibelliteratur aus der Schweiz. In seinem Haus fanden die Versammlungen statt. Es war eine kleine Gruppe, heißt es im Gruibinger Heimatbuch, und sie bildete sich erst ab 1925. Aber sie war rührig. Der damalige Pfarrer Walter Frieß urteilte: "Die Anziehungskraft der Sekten ist nicht unbedeutend." So hat es Christian Buchholz aus Dürnau, früherer Schuldekan, für sein Buch "Gottes Geist im Filstal" recherchiert.

Kriegsdienst verweigert

Er berichtet: Zanker folgte der Einberufung ins Elsass und verweigerte dort den Kriegsdienst. Der NS-Staat machte ihm den Prozess wegen "Wehrkraftzersetzung". Untersuchungshaft in Torgau, Anklage vor dem Reichskriegsgericht, Todesurteil. Als seine Frau ihn im Gefängnis in Halle/Saale besucht, wurde er in Fesseln vorgeführt, erzählt seine Enkelin. "Die Aufseher dachten, seine Frau würde ihm jetzt ins Gewissen reden, weil er sie allein ließe." Zanker ging gefasst in den Tod, im festen Glauben an eine Auferstehung und ein Wiedersehen. "Weine nicht", schrieb er seiner "innigst geliebten Anna" in den letzten Stunden seines Lebens, "sondern blicke zu Eurem himmlischen Vater empor".

Diese Hinrichtung oder "sozusagen Ermordung", wie die Enkelin sagt, war ein Alptraum für seine Familie. Zankers Frau nahm dieses Schicksal an. "Sie war eine starke Frau, sie hat nie gejammert", erzählt die Enkelin. Sie musste ihre Kinder allein durchbringen und nahm noch andere auf, denen es schlechter ging. Das war damals Alltag für die Zeugen Jehovas. Sie halfen sich gegenseitig, weil sie alle verfolgt wurden. "Hitler wollte sie ausrotten" - so weiß es Anita Beretovac. Die Gestapo kam immer wieder in ihre Häuser. Auch zu Adolf Zanker, als er noch ein freier Mann war. "Da hat meine Oma mal Bibelliteratur, die auf dem Küchentisch lag, mit ihrem Schurz unauffällig verdeckt", lächelt Beretovac. Dazu muss man wissen: Schon der Besitz war strafbar. Bei Beerdigungen von Zeugen Jehovas war Polizei auf dem Friedhof. "Man wurde einem schweren Verhör unterzogen, wenn man ein Vaterunser am Grab gebetet hat." Zanker bekam kein Grab. Die Angehörigen erfuhren nicht, wo und wie er begraben wurde.

Vater auf grausame Weise verloren

Zankers Tochter Berta, damals elf, leidet bis heute daran, dass sie ihren Vater auf grausame Weise verlor. Schon vor seiner Hinrichtung hatte sie sich geweigert, in der Schule den Hitlergruß zu zeigen. Hinterher erst recht. "Die Lehrerin hat sie geschlagen. Eine böse Handarbeitslehrerin drohte ihr, sie in ein Erziehungsheim zu bringen. Pfarrer Frieß hat sich eingesetzt, dass sie nicht wegkommt", erzählt Anita Beretovac. In der Schule sei ihre Mutter eine Außenseiterin gewesen. Im Ort sei die stille Mehrheit auf seiten der Familie gewesen.

Anita Beretovac ist mit dieser Wunde aufgewachsen, die sich nicht schließen will - auch für sie nicht. Eine Wunde, die aber auch Kraft gibt. Die 60-Jährige ist Enkelin eines Märtyrers, eines Blutzeugen, und ist stolz, dass ihr Großvater "so hingestanden ist". Für die Zeugen Jehovas sind die Männer, die für den Glauben in den Tod gingen, Vorbilder. Verfolgung ist für diese Gemeinschaft eine Grunderfahrung, in einigen Ländern sogar heute noch brutale Wirklichkeit. "Wir wissen", sagt Beretovac, "wenn wieder so eine Zeit käme, dass wir trotz unserer Angst stark bleiben müssen."

Entschädigung? Wiedergutmachung? Wie man es auch nennen mag - die Hinterbliebenen von Adolf Zanker haben nie etwas bekommen. Nicht 1948, weil sie damals genug zum Leben hatten. Das Todesurteil wurde zwar aufgehoben, aber irgendwie auch nicht. In den späten 90er-Jahren dann noch so was. Es sollte Entschädigung geben, aber der Antrag von Berta Schmid geborene Zanker wurde abgelehnt. "Mit dem Argument", sagt ihre Tochter fassungslos, "den Antrag hätte das Opfer, der Getötete selbst, stellen müssen."

Späte Anerkennung

Berta Schmid wollte dann auch keinen Stolperstein vor ihrem Haus. Den hätte sie vor Jahren bekommen können, erzählt ihre Tochter. "Aber das hätte nach ihrem Gefühl wieder auf sie gezeigt. Wie früher, wo sie angefeindet wurde." Sehr gefreut habe sie aber, dass Christian Buchholz ihren Vater in seinem Buch gewürdigt hat.

Anita Beretovac hat daraufhin bei der Gemeinde angeklopft, ob ein Zeichen des Gedenkens möglich wäre. Sie dachte dabei an den Friedhof. Recht ist ihr, was der Gemeinderat einstimmig vorschlägt: Ein Stolperstein vor dem Rathaus. Für sie eine späte Anerkennung des Unrechts. Man wolle, so der Schultes, auch einen Stolperstein setzen für einen zweiten Blutzeugen, von dem Buchholz schreibt: Georg Halder aus Gruibingen, Onkel von Adolf Zanker. Der lebte in Augsburg, als ihn die Nazis holten.

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Kommentare

29.03.2016 11:59 Uhr

Bericht zum Stolperstein für Adolf Zanker

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für den tollen Artikel über meinen Großvater, Adolf Zanker. Auch für meinen Vater, Helmut Zanker, Sohn von Adolf Zanker und Bruder von Berta Zanker war dies eine sehr schwere Zeit. Mein Vater ist inzwischen 74 Jahre alt und erinnert sich noch gut an alles, auch wenn er inzwischen in Offenbach am Main lebt mit seiner Familie. Einen Vater kann niemand ersetzen und es ist eine große Ungerechtigkeit, was damals passiert ist. Leider wurde mein Vater in dem Artikel nicht erwähnt, was mich etwas verwundert.

Mit freundlichen Grüßen

Anja-Carina Davis-Zanker, geb. Zanker

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29.03.2016 11:00 Uhr

Bericht zum Stolperstein für Adolf Zanker

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für den tollen Bericht über Adolf Zanker, meinen Großvater. Auch für meinen Vater, Helmut Zanker, Sohn von Adolf Zanker und Bruder von Berta Zanker war dies eine schlimme Zeit. Er ist jetzt 73 Jahre alt und kann sich noch gut an diese schlimme Zeit erinnern. Einen Vater kann niemand mehr ersetzen und es war alles eine große Ungerechtigkeit, was damals passiert ist. Leider wurde mein Vater nicht im Artikel erwähnt, was mich etwas verwundert hat.

Mit freundlichen Grüßen

Anja-Carina Davis-Zanker, geb. Zanker

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