Groß an inneren Werten

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Hagebutten sind seine Welt: Patrick Latzko aus Eckwälden führt einen Familienbetrieb mit Hägenmark und Honig in der fünften Generation.  Foto: 

Erntezeit ist vorbei. Seit Mitte August hat Familie Latzko mit 15 Erntehelfern Hagebutten von den Sträuchern gezupft. Jetzt liegt die Ausbeute in der Kühlkammer, einiges wird auch getrocknet. Kleine rote Früchte, die heute mehr denn je wertgeschätzt werden. Diesen Montag haben die Latzkos erstmals wieder rohes Hägenmark gefertigt. Hunderte Kilo, kalt gepresst, wie man sagt. Aber eigentlich ist es ein Passieren, das Fruchfleisch wandert durch ein Sieb. In zwei, drei Arbeitsschritten wird es von den Kernen, der Schale und auch den feinen Härchen getrennt. Das so gewonnene rohe Hägenmark ist ein Zwischenprodukt. Kenner nehmen es, um daraus Marmelade einzukochen, nach Omas Rezept oder dem eigenen. Oder sie veredeln damit Plätzchen. Ein Klassiker sind die Spitzbuben. Man nimmt es auch für Wildsoßen, sagt Patrick Latzko. Ab sofort bringen er und seine Eltern es wieder auf Wochenmärkte im Raum Stuttgart. Kiloweise geht das rohe Hägenmark über den Stand. Ein Pfund ist die kleinste  Menge, sagt Patrick Latzko.

Kann man vom Hägenmark leben? Das werden die Latzkos immer wieder gefragt. Sie beweisen das seit fünf Generationen. Wobei: Sie haben auch eine Imkerei. Das ist die perfekte Kombination. Die Hägenmark-Saison geht von August bis Februar, dann folgt die Saison der Bienenvölker.

Das Alleinstellungsmerkmal des Betriebs: Die Latzkos haben eigene Plantagen von vier Hektar, die der Großvater Eugen Liebler begründet hat. Die Sträucher sind jetzt 50, 60 Jahre alt und tragen noch immer. Bei guter Pflege, versteht sich.  Wie lange sie noch tragen – Patrick Latzko weiß es nicht. „Es gibt keinen Erfahrungswert.“

Der 30-Jährige hat vor einem Jahr den Betrieb übernommen. Er ist die fünfte Generation. „Ich wollte nie was anderes werden“, sagt er. Er hat zwar eine Raum­ausstatter-Lehre gemacht, aber nur zur Absicherung. „Man weiß nie, was kommt.“  Er ist mit den Hagebutten aufgewachsen, nach der Schule war er immer bei Opa und Oma zwischen Wohnstube und Betrieb. Irgendwann wurde ihm bewusst, dass die Familie etwas Außergewöhnliches macht.

Auf das Pulver gekommen

Genauso außergewöhnlich wie die Hagebutte selbst. Jeder kennt sie. Aber nicht jeder weiß, dass es eine wahre Vitaminbombe ist.  Sie hat 1000 Milligramm Vitamin C  pro 100 Gramm Frucht – für hiesige Verhältnisse gigantisch. Nur die Acerola-Kirsche (1250 Milligramm) und die exotische Camu Camu in Australien (2000 Milligramm) haben mehr. Die Zitrone? Nur 50 Milligramm. Die Kiwi ist mit maximal 300 Milligramm abgeschlagen. Die schwarze Johannisbeere bringt es auf 175.

Die Hagebutte hat es also in sich. Aber Latzko hat sich nicht träumen lassen, welches Potenzial noch in ihr schlummert. Als er mit 19 in den elterlichen Betrieb einstieg, lebten sie von Hägenmark und Honig. Sie machten dann auch Marmelade aus  Erdbeeren, Himbeeren, Sauerkirsche und Co. Dann die Überraschung: Im Hagebutten-Pulver steckt Galaktolipid, ein entzündungshemmender Stoff. „Da ist wohl ein Däne drauf gekommen“, sagt Patrick Latzko. Die Eckwäldener erfuhren das durch einen Kunden. Der lag ihnen in den Ohren, dass sie Pulver mahlen sollten, das sei ein einfaches Mittel gegen Gelenk­entzündungen. Die Latzkos überlegten sich das, es war eine Investition, und landeten damit einen Volltreffer. Nicht mal werben müssten sie für das Pulver, sagt Patrick Latzko. „Die Leute kennen sich, es spricht sich herum, dass es möglicherweise Wunder wirkt.“ Er staunt: „Da sagen Leute OPs ab.“

Mehr noch: Auch in den Kernen verbirgt sich ein Produkt. Man kann  ein Öl daraus gewinnen, in dem Linolsäure steckt. Die sei gut  gegen rissige und spröde Haut, ein Pflegemittel der Natur. Kernöl pressen die Latzkos schon lange. Jetzt haben sie auch einen Spezialisten an der Hand, der das Hagebuttenkernöl in einer Creme zum Tragen bringe.

Selber veredeln geht auch. Latzko sagte sich: Es gibt ja Essig mit vielen Geschmacksnoten. Warum nicht einen Hagebutten-Essig? Gesagt, getan. Und Hagebutten-Pesto erfand er gleich dazu. Damit ist er schon auf dem Markt. „Das  kommt gut an“, sagt er zufrieden.

Zu viert sind sie im Familienbetrieb. Die Eltern arbeiten noch voll mit, die Schwester halbtags. „Wir sind  gut ausgelastet“, sagt Patrick Latzko. Fünf bis zehn Märkte wollen pro Woche bedient sein, das reicht von Bad Urach bis Ludwigsburg. Allein drei Markttage sind es in Stuttgart. Am Göppinger Wochenmarkt sind sie nicht selbst, da geben sie ihre Produkte einer Bäuerin aus Eckwälden mit. Viel Ware wird verschickt, auch im Onlinehandel. Das muss verpackt werden. Biomärkte werden beliefert. Einen Hofladen führen sie auch. Und weil ein Selbstvermarkter auf Draht sein muss, hat Latzko einen Automaten mit Produkten.

Weitere Plantagen

Weitergehen muss es auch bei den Plantagen. Die vier Hektar, die schon der Großvater angelegt hat, reichen längst nicht mehr. Auf sechseinhalb will Latzko Schritt für Schritt kommen, und langfristig auf die zehn bis 15, die er zur Eigenversorgung braucht. Der gewaltig gewachsene Betrieb muss viel zukaufen. Das kommt dann gleich aus Osteuropa. In Deutschland gibt es ja keine Plantagen. Andere ordern Ware sogar aus China und Südamerika. Latzko muss auch schauen, wie er Erntehelfer bekommt. Noch hat er sie. Einheimische Kräfte, sagt er.  Aber: „Es wird immer schwieriger.“ Weil es kein Zuckerschlecken ist, im Sommer mit Handschuhen und langärmelig in den dornigen Sträuchern zu stehen.

Mehr Plantagen, mehr Erntehelfer – beides ist nicht einfach. Ein Hagebuttenstrauch trägt nach vier Jahren erste Früchte, nach zehn bis 15 Jahren voll. Günstig ist es, die Erntezeit zu strecken, damit Helfer kontinuierlich über sechs Wochen durchschaffen können. Das heißt: Anbau auch von späten Sorten. Und wie Latzko auf zehn und 15 Hektar kommt, weiß er noch nicht. Die Bauern brauchen ihre Flächen selber. Auf der Alb wären sie weit weg. Aber der 30-Jährige ist zuversichtlich: „Wir sind dran.“

Heirat 1925 haben sich in Eckwälden Hägenmark und Imkerei gefunden, schmunzelt Patrick Latzko. Seine Urgroßmutter stammte aus einer Hägenmark-Familie aus Auendorf, sein Urgroßvater hatte Bienen.

Vollerwerb In der nächsten Generation wurde daraus ein Voll­erwerb. Der Firmeneintrag von Hertha und Eugen Liebler datiert aus dem Jahr 1968. Der Betrieb hat sich ständig weiterentwickelt. Seit 2007 ist der Anbau biozertifiziert.

Einblick Am 3. Oktober bietet Liebler-Latzko in der Dorfstraße 43/1 einen Tag der Offenen Tür von 12 bis 17 Uhr. Führungen jede  Stunde.

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