Gingens neues Heimatbuch wird vorgestellt

Beim Festabend am Freitag in der Hohensteinhalle werden Kreisarchäologe Reinhard Rademacher und Historikerin Gabriele von Trauchburg Gingens neues Heimatbuch vorstellen. Die Arbeiten dauerten zwei Jahre.

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  • Gabriele von Trauchburg mit dem Manuskript des Gingener Heimatbuchs. Mit 400 Seiten ist es ein dickes Werk geworden. 1/2
    Gabriele von Trauchburg mit dem Manuskript des Gingener Heimatbuchs. Mit 400 Seiten ist es ein dickes Werk geworden. Foto: 
  • Die Historikerin kennt sich auch in der jüngeren Geschichte hervorragend aus. Dieses Gebäude war einst die Hitlerjugend gedacht - ab 1950 kamen hier aber Heimatvertriebene unter. Mittlerweile ist das Gebäude an der Lessingstraße baufällig. 2/2
    Die Historikerin kennt sich auch in der jüngeren Geschichte hervorragend aus. Dieses Gebäude war einst die Hitlerjugend gedacht - ab 1950 kamen hier aber Heimatvertriebene unter. Mittlerweile ist das Gebäude an der Lessingstraße baufällig. Foto: 
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Die Historikerin Gabriele von Trauchburg lehnt sich im Liegestuhl auf ihrem Balkon in Gingen zurück und blinzelt in die Sonne. Es ist der erste Nachmittag in diesem Jahr, der zum Draußensitzen einlädt, und das neue Heimatbuch ist fertig. 1100 Jahre Gingen sind das Thema, das sie und der Kreisarchäologe Reinhard Rademacher darin abhandeln. Zwei Jahre Arbeit hat sie das gekostet, 400 Seiten im Großformat sind daraus geworden. Morgen stellen sie ihr Buch beim Festabend zum Ortsjubiläum vor. Aber jetzt hat sich die Gingenerin erst einmal frei genommen. "Auf diesen Augenblick habe ich mich schon lange gefreut", sagt sie und lacht. "Ich habe zum Schreiben drinnen gesessen bei meinen Büchern und mir immer vorgestellt: Irgendwann darf ich da auch wieder raus."

Die Arbeit haben sich die beiden Autoren aufgeteilt. Rademacher schrieb darüber, wie auf der Hochebene des Grünenbergs bereits vor 6000 Jahren Menschen lebten. Das Filstal wurde vor 4000 Jahren erstmals besiedelt. Aus keltischer Zeit (750 vor Christus bis 85 nach Christus) stammt eine Viereck-Schanze zwischen Gingen und Süßen und aus der Römerzeit (85 bis 480 nach Christus) das erste Schriftstück: Claudia Messorina hatte dem Gott Merkur zwei Weihesteine gestiftet. Gabriele von Trauchburg wiederum, die in Augsburg in Geschichte und Politik promoviert hat, stellte die Entwicklung Gingens seit dem Jahr 915 dar, als Königin Kunigunde das Dorf mit 13 Höfen dem Kloster Lorsch überschreiben ließ. Damals tauchte Gingen zum ersten Mal in einer Urkunde auf.

Um den weiteren Lauf der Geschichte bis (fast) auf den heutigen Tag nachzeichnen zu können, hat von Trauchburg in vielen Quellen geforscht. Die Zeit bis zum Jahr 1800 seien im Stadtarchiv Ulm sehr gut dokumentiert, erklärt sie; da Gingen zunächst dem Kloster Lorsch gehörte, das wiederum dem Erzbistum Mainz unterstand, sei die Suche aber nicht ganz einfach gewesen. Die zweite wichtige Quelle war das Gingener Gemeindearchiv, die dritte das Kirchenarchiv. Darauf folgten das Staatsarchiv Ludwigsburg, das Hauptstaatsarchiv München und schließlich das Staatsarchiv Würzburg, weil da die Urkunden liegen, die das Kloster Lorsch betreffen.

Dreimal Schriftverkehr mit dem Papst

Nur die Vatikanischen Archive in Rom hat die Forscherin nicht aufgesucht. Sie weiß aber, dass Gingen mindestens dreimal Schriftverkehr mit dem Papst hatte. Im Jahr 1100 beschwerten sich Mönche des Klosters Lorsch über eine Abrechnung, die allzu sehr zum Vorteil der Gingener ausgefallen sein muss. Im Jahr 1147 wurde Gingen Reichsdorf, der Tausch mit der Kirche musste bestätigt werden. Und dann stritten sich der Erzbischof von Mainz und die Reichsstadt Ulm noch um die Pfründe in Gingen. Der Papst stellte eine Expertise aus und Ulm verlor den Rechtsstreit.

Geschichten aus der Geschichte - aus der Historikerin sprudeln sie nur so heraus. Große Ereignisse macht sie nach Möglichkeit an Dokumenten vor Ort fest. Als 1524 in der Kirche das monumentale "Weltengericht" vollendet wurde, brodelte im nahen Geislingen schon die Reformation. Folgerichtig ließ der Maler Martin Schaffner (den von Trauchburg erst jüngst als Urheber nachweisen konnte) die Heiden einen Höllenlärm vollführen - Gingen war noch gut katholisch. Kurz darauf hielt die Reformation Einzug. Von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts galt Gingen sogar als rein evangelisch.

Die Forscherin kennt sich aus in Gingen. Das macht es ihr auch etwas leichter, die jüngere Vergangenheit auszuleuchten. So konnte sie ihre Bekannten fragen, wer von den Nazis "abgeholt" worden ist und für immer verschwand. Zwei Jahre vor Kriegsbeginn gab es bereits Pläne für ein großes HJ-Heim in der Lessingstraße, gleich neben den Sportplätzen - mit Luftschutzbunker und gasdichten Türen. Bis 1939 wurde aber nur das Kellergeschoss fertig, hat von Trauchburg herausgefunden. Dann stoppte der Bau, weil der Beton an der Front gebraucht wurde. Und in der Turnhalle gab es während des Kriegs einen Schauprozess, nach dem eine fanatisierte Masse die Angeklagten durch die Straßen Gingens hetzte.

Auf der Baustelle bei den Sportplätzen ging es in der Nachkriegszeit weiter. Die Gemeinde baute für die vielen Heimatvertriebenen, die Gingen zugewiesen war, ein Zwölf-Familien-Haus. Es wurde 1950 einweiht, inzwischen ist es abbruchreif. Und was macht eine Wissenschaftlerin, wenn sie die Arbeit an einem Buch abgeschlossen hat? Gabriele von Trauchburg lacht. "Jetzt kommt das Schlimmste. Jetzt muss ich mein Material aufräumen und neu sortieren. Vielleicht schreibe ich noch Essays über das eine oder andere Thema."

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