In der Stiftskirche ist der Wurm drin

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Da ist der Wurm drin: In der Bad Boller Stiftskirche wird alles Holz und dazu noch privates Mobiliar seit gestern vom „gewöhnlichen Nagekäfer“, dem Holzwurm, befreit. Foto: Jürgen Schäfer  Foto: 

Dass der Holzwurm in der altehrwürdigen Bad Boller Cyriakuskirche nagt, weiß man schon länger. „Man hat die Wurmhäufle gesehen“, sagt Christoph Banhart, der sich als Kirchengemeinderat ehrenamtlich um die Schädlingsbekämpfung kümmert. Die Population des Käfers, der als Larve Holz frisst, hat sich über   Jahrzehnte aufgebaut, sagt Banhart. Das Kirchengestühl ist 110 Jahre alt, irgendwann muss es angefangen haben. „Noch sind die Schäden nicht gravierend.“

 Eine neuerliche Plage für die evangelische Kirchengemeinde. „Kaum, dass der Hausschwamm bekämpft ist, der unter dem Gestühl sein Unwesen getrieben hat, steht für uns eine neue Herausforderung an“, klagt Pfarrer Tobias Schart. Voriges Jahr wurde ein Gutachten eingeholt, das die Begasung mit einem Biozid empfahl: Larve, Käfer und Eier werden abgetötet. Die Alternativen wären Hitze oder Chemie gewesen, sagt Banhart.  Die Begasung gilt als schonend. Sie greife das Holz nicht an, und es blieben keine für den Menschen bedenkliche Spuren zurück. „Das Gas entweicht vollständig wieder.“ Allerdings sei die Methode nicht nachhaltig. Der Käfer kann wiederkommen. Aber es bräuchte Jahrzehnte, bis man die Prozedur wiederholen müsste, meint Banhart. Und die Kirchengemeinde wappnet sich: Krypta und Sakristeikeller werden belüftet, damit die Feuchtigkeit rausgeht, bei der sich der Käfer und auch ein Pilz, der oft damit einhergeht, wohlfühlen.

Zu schützen gibt es eine Menge: das Kirchengestühl,  Treppe und Geländer, Decke und Votivtafeln, sagt Banhart. Im Turm hockt der Käfer auch, bohrt sich dort aber nur in rohes Holz. Dort bildet eine Art Gerüst mit Zwischenebenen den Aufgang zum Turm.

Gestern gegen 10 Uhr: Am Eingang der Kirche ist Folie drapiert. Schläuche und Kabel für die Mess­technik führen hinein. Die Kirchenfenster sind längst abgedichtet, die Holzdecke ebenfalls. Sogar die Nahwärmeleitung vom benachbarten Alten Schulhaus ist zu. Gut für die Kirchengemeinde: Die Abdichtung endet über der Holzdecke, das Dachgestühl bleibt frei. „Das ist nicht befallen“, sagt Banhart. Sonst hätte man die Kirche einhüllen müssen.

Countdown läuft. Begasungstechniker Uwe Rascher geht mit einem Kollegen nochmal rein in die Kirche. Dann wird der Eingang dichtgemacht. Für den Holzwurm fällt der Vorhang.

Für die Spezialfirma aus Franken ist das Routine. Woche für Woche haben sie Einsätze in ganz Deutschland und darüber hinaus, auch in Italien und der Schweiz. Die Verantwortung ist  immer gleich groß. Bei der Abdichtung, bei der Gaskonzentration. Die muss über 72 Stunden hochgehalten werden. Und dann kommt der Kehraus, der die gleiche Sorgfalt erfordert. Das Gas muss „kontrolliert abgelüftet“ werden. Das geht auch wieder über Tage. Mit Abbau dauert die ganze Prozedur bis Mittwoch, sagt Rascher. Er haftet dann mit seiner Unterschrift unter das Messprotokoll, dass alles ordnungsgemäß gelaufen ist.

Banhart hat noch einen Mehrwert  aufgetan.  Er bot der Bevölkerung über die Kirchengemeinde an, holzwurmbefallene Möbel zur Begasung in die Kirche zu bringen. Gegen eine Spende. Das wurde genutzt. „Es ist einiges da“, freut sich Banhart. Ein Sammelsurium an Holzstücken ist im Seitenschiff zusammengekommen. Schrank, Buffet, Stuhl, Wagenrad, Gartenbank und Spinnrad geben sich für einige Tage ein Stelldichein.

Insektizid Sulfuryldifluorid heißt das Insektizid, das in der Bad Boller Stiftskirche angewandt wird. Es ist auch für Menschen giftig. 

Kosten Die Kirchengemeinde rechnet mit 25 000 Euro für die Begasung, die Belüftung der Keller und das eingeholte Gutachten.

Spezialisten Nur wenige Betriebe haben eine Zulassung für diese Methode. Ein Begasungstechniker muss seine Lizenz alle fünf Jahre erneuern.

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