Für eine grünere Landwirtschaft

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Zu neuen Ufern: Tagung zur Zukunft der Landwirtschaft in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Vorne Jobst Kraus, Nachhaltigkeitsbeauftragter des BUND-Landesverbandes.  Foto: 

Zufrieden ist niemand. Die Agrarpolitik der EU verfehle das Ziel, die Umwelt zu schützen. Sie sichere auch nicht die Existenz der Bauern. Beispiel Bayern. 6000 Betriebe hätten dort aufgegeben, 1000 seien auf Bioproduktion umgestiegen. So sahen das die Teilnehmer einer Tagung an der Evangelischen Akademie Bad Boll, die  sich in die Diskussion um die Agrarpolitik nach 2020 einbringen will. Weitere Kritikpunkte: Es gebe eine Ungleichheit der Verteilung. 20 Prozent der Bauern schöpften 80 Prozent der Zuschüsse ab. Zuschüsse gehen für die Pacht drauf, klagte ein Landwirt. Es gibt Zuschüsse für die Umwelt, die niemand will. Oder die nicht ankommen. Ein Landwirt aus Bad Boll bekam die Zuschüsse für Jungviehweide und artenreiches Grünland nicht, die er beantragte.

Die Politik – wo wird sie gemacht? Brüssel zeige auf die Mitgliedstaaten, Berlin zeige auf die Bundesländer. „Jeder schiebt die Verantwortung weiter“, klagt Dr. Rainer Oppermann, Leiter eines Instituts für Agrarökologie und Biodiversität. Aber Brüssel macht etwas Neues. Mit Online-Abstimmungen hat sich die EU an Landwirte und die Bevölkerung gewandt. Über 300 000 Leute hätten teilgenommen, weiß Heike Hespe vom Landwirtschaftsministerium, allein die Hälfte aus Deutschland. Das Ergebnis lautet für Bioland-Präsident Jan Plagge so:  „Europas Bürger wünschen eine grünere Agrarpolitik.“ Sie wollten Schutz der Böden, Schutz des Wassers, Tierwohl.

Was will das Land? Landwirtschaftsminister Peter Hauk spricht sich für mehr Agrarumweltmaßnahmen aus. Dies im Rahmen des Zwei-Säulen-Modells: direkte Zuschüsse für die Produktion, fallbezogene für den Schutz der Kulturlandschaft. Die EU müsse die heimische mittelständische Landwirtschaft stärken. Und das heißt für Hauk: „die Regionalität voranbringen“. Heimische Produkte für die Verbraucher. Dafür müsse man das Bewusstsein stärken. Und für die Akzeptanz der Landwirtschaft vor Ort werben. Denn: Ein größerer Kuhstall werde schnell als „Massentierhaltung“ angeprangert. Siehe Beispiel in Eckwälden. Was falsch sei, so Hauk, weil es auf die Haltung ankomme. Wenn der Kuhstall verhindert werde,  die regionale Landwirtschaft weg sei, komme das Rindfleisch eben aus Argentinien. Hauk:  „Ich empfinde das als zutiefst verantwortungslos.“ Ein Bio-Landwirt aus Tübingen erlebt das mit einem Bio-Schweinestall. Eine Bürgerinitiative stelle sich dagegen.

Eine grünere Landwirtschaft: Bioland-Präsident Plagge will Ökonomie und Ökologie wirksam verknüpfen. Sein Modell: 27 Prozent Zuschüsse als Basisprämie, 60 Prozent als Entgelt für Dienstleistung an der Umwelt, am Klima, fürs Tierwohl.

Intensive Landwirtschaft belaste die Umwelt. Prof. Frieder Haakh von der Landeswasserversorgung sprach von einem eskalierenden Nitratproblem. Jedes zweite Kilo ausgebrachter Stickstoff gelange in die Umwelt. Biobetriebe hätten das hingegen ziemlich im Griff. In Baden-Württemberg seien die Nitratwerte gesunken. Aber es gebe Rückstände. Auch viel Pflanzenschutzmittel werde eingesetzt, Tendenz steigend.

„Wir haben genügend Erkenntnisse, es fehlt die Umsetzung.“ Agrarökologe Oppermann kritisiert die Anbaumethoden. Dicke und massenhochwüchsige Kulturen stünden auf den Äckern, für Tiere bleibe keine Nahrung. Bei lichteren Beständen und blühender Untersaat hätte man überschaubare Einbußen von zehn bis 20 Prozent. Blühflächen seien ein guter Ansatz, nur passe das einjährige Zuschussmodell nicht. Grünlandförderprogramme seien zu kompliziert. Kommunen und Kirche könnten als große Verpächter artenreiches Grünland fördern. Pro Landkreis könnte es auch zwei, drei  Ackerwildkräuter-Flächen geben.

Baden-Württemberg als Musterländle einer neuen Agrarwirtschaft – diese Vision stellte Jobst Kraus in den Raum. Er war als Nachhaltigkeitsbeauftragter des BUND Moderator einer Podiumdiskussion an seiner alten Wirkungsstätte. Bioland wünscht sich 50 Prozent ökologischen und agrarökologischen Anbau, mit und ohne Zertifikat. Ein Bauer gibt zu bedenken. Ökolandbau sei teurer.  Ein anderer warnt vor Herbstzeitlose und Jakobskreuzkraut im ökologischen Grünland. Das kriege man in den Griff, sagt Agrarökologe Oppermann. Man müsse früh mähen. Es gebe Erkenntnisse aus Hohenheim.

Unterschriften Das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist ein Thema in Bad Boll. Schon Ende 2015 hat der örtliche  Nabu 124 Unterschriften für eine „pestizidfreie Gemeinde“ gesammelt und dem Bürgermeister überreicht. Bei einem Gespräch hätten Bad Boller Landwirte erklärt, sie könnten nicht auf Glyphosat verzichten und würden gegebenenfalls Pachtflächen der Gemeinde aufgeben. So berichtet es Nabu-Sprecherin Irmtraud Niemann-Khaliefi.

Aktion Dieses Jahr beteiligte sich der Nabu Bad Boll an einer EU-weiten Aktion gegen Glyphosat. 82 Unterschriften habe man gesammelt. Europaweit seien es mehr als eine Million gewesen.

Empörung Bei der aktuellen Tagung in Bad Boll ärgerte sich ein Landwirt, dass Minister Hauk die weitere Zulassung von Glyphosat als „Punktsieg“ feiere.

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