Erster Weltkrieg: Das Grauen

Vor 100 Jahren starben im Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern vor Verdun, an der Somme und in Flandern hunderttausende Soldaten. Auch Männer aus den württembergischen Oberämtern Göppingen und Geislingen erlebten das Grauen an der Westfront, viele ließen dort ihr Leben.

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  • „La Defense de Verdun“: Französische Bildpostkarte mit den schauerlichen Überresten des Grabenkriegs – Schädel, Knochen, Kleidung und Kriegsgerät.Fotos: Kreisarchiv Göppingen 1/4
    „La Defense de Verdun“: Französische Bildpostkarte mit den schauerlichen Überresten des Grabenkriegs – Schädel, Knochen, Kleidung und Kriegsgerät.Fotos: Kreisarchiv Göppingen Foto: 
  • „Exotische“ Kriegsgefangene als Postkartenmotiv – „Schottländer und Senegalschützen“ in deutscher Gefangenschaft während der Kämpfe bei Ypern in Flandern. 2/4
    „Exotische“ Kriegsgefangene als Postkartenmotiv – „Schottländer und Senegalschützen“ in deutscher Gefangenschaft während der Kämpfe bei Ypern in Flandern. Foto: 
  • Titelblatt des Kriegserinnerungs-Buches der 126er: Dieses  württembergische Infanterieregiment  kämpfte 1916 monatelang vor Verdun und ab Oktober noch an der Somme. 3/4
    Titelblatt des Kriegserinnerungs-Buches der 126er: Dieses  württembergische Infanterieregiment  kämpfte 1916 monatelang vor Verdun und ab Oktober noch an der Somme. Foto: 
  • Kolonne gefangener Engländer bei Guillemont, ein hart umkämpfter Ort an der Somme.Foto: Kreisarchiv Göppingen 4/4
    Kolonne gefangener Engländer bei Guillemont, ein hart umkämpfter Ort an der Somme.Foto: Kreisarchiv Göppingen Foto: 
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Schützengräben in apokalyptischen Mondlandschaften, ohrenbetäubender Geschützdonner, bestialischer Leichengeruch, Leben zwischen Schlamm und Ungeziefer in Hitze und Kälte, brutalste Verwundungen, höchste psychische und physische Belastung, hunderttausendfaches Sterben. Die Schlachten von Verdun und an der Somme im Jahr 1916 sind Fixpunkte des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg und stehen als Symbole für den extrem verlustreichen wie grausam-sinnlosen „Abnutzungskampf“ an der Westfront.

Abertausende Deutsche, Franzosen, Engländer und Angehörige anderer Nationen wurden dort von Maschinengewehren niedergemäht, von Granaten zerfetzt, von Giftgas erstickt, in den Stellungen verschüttet oder mit dem Bajonett erstochen – meist für nur geringfügige Geländegewinne. Kaum vorstellbar sind ebenso die Leiden der französischen und belgischen Zivilbevölkerung.

Seit dem 21. Februar 1916 tobte die Schlacht von Verdun, am 19. Dezember des Jahres endete sie mit über 300 000 Toten und über 400 000 Verwundeten, ohne wesentliche Änderung der Frontverhältnisse. Insgesamt hatten beide Konfliktparteien auf einer Fläche von 26 Quadratkilometern über 1 350 000 Tonnen Stahl verschossen. Auch an der Somme gab es vom 1. Juli bis zum 18. November 1916 keinen militärischen Sieger, dafür über eine Million getöteter, vermisster oder verwundeter Soldaten. Für die Überlebenden blieben neben körperlichen Schäden häufig traumatische Erinnerungen an kaum fassbare Ereignisse, wie sie der Maler Otto Dix in schonungslosen Gemälden verarbeitete, und die immer wieder mit Vorstellungen der Hölle assoziiert wurden. Die riesigen Soldatenfriedhöfe in Frankreich und Belgien sowie spezielle Gedenkorte mahnen bis heute zu Frieden und Versöhnung in Europa. Als Teil des deutschen Heeres waren die Soldaten des Württembergischen Armee-Korps 1916 vorwiegend an der Westfront eingesetzt, unter ihnen Männer aus den Oberämtern Göppingen und Geislingen. Zumeist gehörten sie den Regimentern der Divisionen 26 und 27 an. In der Heimat erinnern bis heute die „Eisernen Bücher“ und die Kriegerdenkmäler an ihre Kriegsteilnahme und ihr Sterben. Auch die als Zweitüberlieferung im Kreisarchiv verwahrten Sterberegister der Kreisgemeinden liefern Hinweise über die Einsatz- und Todesorte der württembergischen Soldaten und damit über ihre Rolle im Kriegsverlauf. Die Zugehörigkeit eines Gefallenen zu einem Regiment wird dabei in den Registern stets angegeben, meist auch die Todesursache und manchmal der Bestattungsort, falls die Leiche nicht in die Heimat überführt werden konnte.

Bei Verdun wurde erbittert um jede Festung, jedes Haus, jeden Granattrichter gekämpft, ohne dass sich eine Seite dauerhaft durchsetzen konnte. Nur die Zahl der Toten an der Front und in den Lazaretten stieg, auch aus Württemberg. Ihre Sterbeorte sind häufig markante Punkte im dortigen Schlachtverlauf, wie die harten Gefechte um das Fort Douaumont und dessen Umland. Unter den Göppinger Gefallenen vor Verdun befand sich beispielsweise der 36-jährige Leutnant Max Netter, ein jüdischer Familienvater aus der Christophstraße, der am 11. April „ im Walde von Bethincourt“ starb. Zur Entlastung der bei Verdun bedrängten Franzosen begann unter englischer Führung nach einem siebentägigen Artilleriebeschuss der deutschen Stellungen am 1. Juli 1916 eine Großoffensive an der Somme. Württembergs Divisionen 26 und 27 standen lange Zeit inmitten des Kampfgeschehens.

In einer 1917 publizierten Gedenkschrift zur Division 27 hob der Schriftsteller Heinrich Lilienfein pathetisch den Anteil der schwäbischen Soldaten am Abwehrkampf hervor: „Für Tausende und Abertausende ist damals ,die Somme’ zum Inbegriff einer Stätte geworden, die mit ihren Schrecken hinter den Ausmalungen der Hölle nicht zurücksteht. (…) Morval, Guillemont, Racourt, Combles, Fregicourt, Le Priez-Ferme – soviel Namen, soviel leuchtende Denkmale, die deutscher Mannesmut sich aufgerichtet hat, und an denen uns Schwaben kein geringer Anteil zu kommt.“ Am 5. Juli starb hierbei abermals ein Soldat aus der jüdischen Gemeinde Göppingens: dem 19-jährigen Eugen Rothschild hatte eine Granate den linken Unterschenkel zertrümmert, die Amputation im Feldlazarett Frémicourt, östlich von Thiepval, überlebte der junge Landsturmmann nicht. Der 23-jährige Werner Landerer (1893-1984) aus Göppingen nahm als Artillerieoffizier an den Kämpfen um Combles teil: „Den Ritt wieder nach vorn im Grölen des Trommelfeuers in finsterer Nacht, von herumhängenden Fernsprechdrähten gestört, werde ich nicht vergessen. Heil angelangt, fand ich die Batterie zutiefst betroffen, viele hatten Tränen in den Augen. Der Chef lag tot über eine Karte gebeugt in einem kleinen Unterstand am flachen Hang unmittelbar vor der Feuerstellung, offen zu ihr hin. Ein Granatsplitter im Kopf hatte seinen sofortigen Tod herbeigeführt. Unentwegtes Feuer bei Tag und Nacht aus allen Kalibern lag wochenlang auf unseren Stellungen, die keine zusammenhängenden Gräben mehr aufwiesen, nur noch aus Granatlöchern verteidigt wurden.“

Zeitgleich oder bisweilen etwas zeitversetzt kämpften württembergische Soldaten auch bei Ypern in Flandern, zahlreiche Gefallene aus den Oberämtern Göppingen und Geislingen belegen dies – darunter der 16-jährige Kriegsfreiwillige Emil Karl Braun aus Göppingen, der dort am 2. Juni „von einer Granate zerrissen“ wurde. Einige fanden in belgischer Erde ihre letzte Ruhe, wie der am 27. Juli erschossene 29-jährige Göppinger Bäcker Karl Biedlingmaier, der auf dem Friedhof bei Schloss Warneton (Wallonien, Bezirk Mouscron) beigesetzt wurde. Doch nicht immer war eine angemessene Bestattung möglich, von dem 19-Jährigen Grenadier Franz Josef Ertle aus Geislingen heißt es, er sei „im Kriegsgefecht bei Guillemont [Somme] infolge Verschüttung durch Artilleriegeschoss“ gefallen und „direkt hinter der Kampfstellung beerdigt worden“.

Über kaum ertragbare Verhältnisse an der Westfront schrieb der 24-jährige Lehrer Pankraz Mauerröder aus Jebenhausen am 20. August 1916 an einen Kollegen: „Vor unseren Gräben liegen noch die vielen hunderte von Leichen unbegraben. Da liegen noch Reiter und Pferde von dem letzten englischen Kavallerieangriff, da befindet sich noch ein Flugzeug mit verbrannten Insassen. Und in diese Leichengräben schlagen die Granaten und zerfetzen diese Leichen noch in tausend Stücke, so dass ein unwiderstehlicher Geruch über unsere Gräben streicht. Und wie viele Leichen liegen in unserem Graben, oft nur leicht verscharrt? Wie oftmals hat das schon eine einschlagende Granate offenbart, dass wir auf Leichen schliefen. Von diesem allen fasst uns ein gräulicher Ekel. Dazu bekommen wir acht Tage nichts Warmes zu Essen. Alles in allem: das gibt kranke Leute und etwa 60 Prozent von uns leiden an Durchfall, etwa 20 bis 30 Prozent an Brechdurchfall, wie ich gegenwärtig, so dass ich mich im Revier befinde. (…) Dazu ist die Ansteckungsgefahr ungeheuer groß. Von jeder Leiche breitet sich ein ungeheurer Mückenschwarm aus, setzt sich aufs Brot, auf sämtliche Lebensmittel, raubt uns den Schlaf. Noch nie sahen die Leute so heruntergekommen aus wie gegenwärtig.“

Der massenhafte Tod an der Westfront zog sich durch alle Konfessionen und gesellschaftlichen Schichten, neben Handwerkern, Fabrikarbeitern und Landwirten starben 1916 auch die Göppinger Fabrikantensöhne Herbert Bellino (19 Jahre, bei Ypern) und Oskar Märklin (25 Jahre, bei Thiepval). Die großen Schlachten schlagen sich zahlenmäßig deutlich nieder: Von den 71 im Jahr 1916 direkt gefallenen Geislingern starben je 21 an der Somme und bei Ypern sowie acht bei Verdun.

Bei den Göppinger Soldaten finden sich 1916 ebenfalls viele Tote an der Somme (32), in Ypern (16) und Verdun (13), bei den übrigen Oberamtsgemeinden verhält es sich ähnlich. Das Durchschnittsalter der Toten betrug in der Regel knapp 25 Jahre, die Gefallenen stellten damals im Schnitt etwa ein Drittel der Sterbefälle einer Gemeinde dar, bisweilen auch mehr wie in Rechberghausen (12 von 26).

Im Brief vom 20. August formulierte der junge Lehrer Mauerröder aus Jebenhausen seine letzte Hoffnung auf das Übernatürliche: „Ich komme immer mehr zu der Ansicht, dass Menschenkraft allein nicht ausreicht, um die mit Blindheit geschlagenen Völker wieder sehend zu machen, sehend zu machen für die heiligen Güter des Friedens: Arbeit, Frohsinn, Recht und Wahrheit. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf. Es muss doch Licht werden!“ 18 Tage, nachdem er seinen Brief verfasst hatte, ist er bei Messines, südlich von Ypern, als Vizefeldwebel des Infanterieregiments 125 gefallen.

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