Erinnerungen ans „Schüle“

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Reverenz an einen Vorgänger: Pfarrer Tobias Schart als Theophil Blumhardt.  Foto: 

Ich bitte zügig Platz zu nehmen sowie um Ruhe, es kommt hoher Besuch und der ist schon sehr alt“, sorgt Dorothee Kraus-Prause als Moderatorin für einen reibungslosen Ablauf des Historischen Abends. Es gibt aber auch viel zu erzählen, 125 Jahre Theophil-Blumhardt-Kindergarten, das ist schon eine Hausnummer. Dann kommt er, der ehemalige Ortspfarrer. Wegen seiner Weitsicht, seiner Liebe und Fürsorge zu Kindern platzt der Raum aus allen Nähten.

Pfarrer Tobias Schart ist in die Rolle des Theophil Blumhardt geschlüpft. Ohne Rauschebart, aber in angemessener Kleidung nebst Zylinder, erzählt der Gemeindepfarrer von früher. „Alleingelassen von den Eltern, die hart arbeiten mussten, irrten die Kinder umher, da musste ich einfach helfen.“

Animiert, anno 1892 das stets liebevoll genannte „Schüle“ zu gründen, habe ihn der elsässische Pfarrer Johann Friedrich Oberlin (1740-1826). In der Frühpädagogik gelte dieser als Vordenker von Friedrich Fröbel und als einer der Väter des Kindergartens. „Das war genau hier, doch ohoo, heut’ sieht alles anders aus, fein ausgebaut und glänzend“, zelebriert der Gönner mit Schultes Hans-Rudi Bührle die symbolische Schlüsselübergabe. Auch der Musikverein spielt eine Rolle. „Früher haben sie  im Schüle geprobt“, berichtet Theophil Blumhardt und heute, da konnte Tobias Schart hören, dass sie auch in kleiner Besetzung für guten Klang sorgen. Schlag auf Schlag geht es in der historischen „Talkrunde“ weiter, mit den „Tanten“ Ursula Reich, Brigitte Zofer, Traude Geyer. Immer wieder muss Dorothee Kraus-Prause sacht bremsen, was zur Folge hatte, dass „Tante Ulla“ halbernst feststellt: „Da ist ja mindestens dreiviertel gekürzt“.

Dennoch erfahren die Gäste von der Frau, die nicht nur in puncto Sprache und Spätzle das genaue Gegenteil von Schwester Regine war: „Als erstes habe ich Pult, Stock und Glocke entsorgt und dafür Freiräume und Angebote zu Entfaltung eingeführt“. Zudem habe sie dank Fröbel gelernt, „Kinder zu erziehen ist nicht unsere Aufgabe, sondern die der Eltern“. „Tante Traudl“ berichtet von der Vorschulerziehung und der Riesen-Holzeisenbahn zum Draufsitzen, die doch tatsächlich in der Walpurgisnacht geklaut wurde. Brigitte Zofer alias Tante Lude zollt Theophil Blumhardt Respekt: „Er hat diese Idee mitgebracht und auch umgesetzt. In Bayern sind sie in der Zeit noch in die Anstalt gegangen“. Via Brief, vorgelesen von Conny Aichele, meldet sich Irmgard Häberlin zu Wort. „Nach unseren Besuchen bei Kunstausstellungen, konnten die Kinder ihre Wildheit aufs Papier bringen“, schreibt die ehemalige Leiterin.

„War das wirklich alles so toll, wie die Tanten eben erzählt haben?“, fragt sich Erich Aichele, hat die Lacher auf seiner Seite. Mitgebracht hat das einstige „Kiga-Kind“ mit Gedächtnislücken Emilie Rötzer sowie Manfred Frank. Letztere erinnern sich an die Geste mit dem Zeigefinger am Mund, was auf schwäbisch „Schlüssele macha“ und übersetzt „still sein“ heißt. Zu Wort kamen Nachbarn wie Familie Bausch, die zum Kinderlärm meinten: „Das hat einfach dazugehört, heute fehlt uns der Umtrieb, weil sich alles hinten abspielt.“

Stifter 1907 stiftete das Ehepaar Theophil und Frieda Blumhardt die Kleinkinderschule der bürgerlichen Gemeinde Boll. Der jeweilige Pfarrer wurde mit der Leitung beauftragt.

Übergriff Hart auf hart kam es 1941/42. Die Gemeinde Boll kündigte den Vertrag mit dem Mutterhaus der evangelischen Kinderschwestern. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt solle die Kinderschule übernehmen. So hat es Ortsarchivar Eckhard Christof recherchiert.

Widerstand  Der damalige Pfarrer Helmut Braun nahm das nicht hin, schaltete die Erben Blumhardts sowie Rechtsanwälte ein. Der Wille der Stifter, die Kinderschule im Geist Christi geführt zu sehen und die festgeschriebene Mitwirkung des Ortspfarrers zwangen die Gemeinde, die Kündigung zurückzunehmen.

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