Entlassungen bei Strassacker

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Gerüchte machen schon länger die Runde. Dass die wirtschaftliche Lage der Süßener Kunstgießerei Strassacker alles andere als rosig ist, war nicht zuletzt aufgrund des massiven Einbruchs der Gewerbesteuer der Stadt Süßen zu erahnen. Gestern haben sich die Befürchtungen vieler Mitarbeiter bewahrheitet. Das Traditionsunternehmen mit derzeit rund 450 Mitarbeitern plant, seine Belegschaft einschneidend zu reduzieren. Geschäftsführerin Edith Strassacker spricht von rund 120 Arbeitsplätzen, die bis Ende dieses Jahres abgebaut werden sollen.

Für die Beschäftigten sei die Nachricht ein herber Schlag. „Die Kollegen sind entsetzt“, beschreibt der Betriebsratsvorsitzende Surhan Kuscuoglu die Stimmung im Betrieb. „Wir hängen an unserer Belegschaft und haben lange gekämpft“, erklärte  Geschäftsführerin Strassacker gestern auf Nachfrage. Der Schritt sei aber unumgänglich, um das Unternehmen dauerhaft wirtschaftlich aufzustellen. Ziel sei es aber, am Standort Süßen in möglichst hohem Umfang Beschäftigung zu sichern.

Strassacker sieht sich mit einem grundlegenden Wandel der wichtigsten Märkte konfrontiert. Durch alternative Bestattungsformen und immer kleinere oder keine Gräber sei im Bereich Grabmalgestaltung der Umsatz merklich zurückgegangen. „Wir sind zwar sehr gut gewappnet und gestalten diesen Wandel mit“, sagt Edith Strassacker. Jedoch sei es für das handwerklich geprägte Unternehmen mit einem hohen Lohnkostenanteil von deutlich mehr als 50 Prozent immer schon schwierig gewesen, die hohen Arbeitskosten zu erwirtschaften. Deshalb müsse die Kostenstruktur den geänderten Bedingungen angepasst werden.

Die Unternehmensleitung will die Kunstgießerei neu aufstellen und hat am Montag dem Betriebsrat und der IG-Metall ein Restrukturierungskonzept vorgelegt. Demnach will sich Strassacker künftig auf seine Kernkompetenz konzentrieren. Entwicklungspotenzial werde im sakralen Markt – auch im Ausland – gesehen sowie im Kunstbereich mit Auftragsarbeiten sowie internationalen Kunstprojekten und dem Kunstvertrieb der Edition Strassacker.

Betroffen von dem Arbeitsplatzabbau sei vor allem die Produktion und Bereiche, wo Serien gefertigt werden. „Wir werden einige Tätigkeiten ins In- oder Ausland verlagern“, erklärt Edith Strassacker. Nach Informationen des Betriebsrates werde eine Abteilung komplett geschlossen, andere Bereiche zusammengelegt. Bei den Arbeitnehmervertretern herrscht Verärgerung, weil der geplante Stellenabbau hauptsächlich die Produktion betreffe. Surhan Kuscuoglu sieht auch Defizite in der Führungsetage: „Wir haben die Geschäftsleitung mehrmals aufgefordert, dort aufzuräumen.“

Der Betriebsrat kreidet der Firmenführung Fehlentscheidungen in der Vergangenheit an, die zu der Misere geführt hätten. Strassacker steckte bereits 2008 in Schwierigkeiten. „Das damals gesetzte Ziel, umzustrukturieren, wurde aus den Augen verloren“, sagt Kuscuoglu. „Hätte man das damals umgesetzt, wäre es vielleicht nicht so schlimm gekommen“, fügt er hinzu. Das Geschäft mit Saudi Arabien habe der Firma Luft verschafft, „uns gleichzeitig aber auch daran gehindert, die Umstrukturierung anzugehen“, räumt Edith Strassacker ein. Strassacker lieferte Bronzerahmen für Portale der Al-Haram-Moschee in Mekka. Der Sondereffekt, sprich Umsatzzuwachs durch die Geschäfte im Nahen Osten seien inzwischen verpufft.

Kommentar: Herber Schlag für Süßen

Hiobsbotschaften aus der Arbeitswelt, sie waren in jüngster Zeit eher selten geworden im Filstal. Zum Glück. Umso mehr trifft in dieser wirtschaftlich guten Zeit die Botschaft aus Süßen ins Mark. Die Kunstgießerei Strassacker will mehr als ein Viertel der Stellen abbauen.

Das ist ein gewaltiger Einschnitt in dem vor fast 100 Jahren gegründeten Traditionsunternehmen mit rund 450 Mitarbeitern, das sich national und international einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat. In der Vergangenheit schien Strassacker auch den Wandel in der Bestattungskultur und dem damit verbundenen Umsatzrückgang durch neue und innovative Konzepte standhalten zu können. Auch Großaufträge aus dem Nahen Osten wie die Beteiligung am Erweiterungsbau der Al-Haram-Moschee in Mekka gaben  dem Mittelständler Auftrieb – aber nur vorübergehend.

Offenbar hält der Umsatz mit den Kosten nicht mehr stand und das Unternehmen zieht die Notbremse. Es geht ans Eingemachte. Teile der Produktion sollen verlagert werden, Arbeitsplätze wegfallen. Auch wenn die Unternehmensleitung versichert, den Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich gestalten zu wollen: Für die Betroffenen ist der Verlust ihres Arbeitsplatzes eine Katastrophe. Zumal die Jobs in dieser spezialisierten Branche sicher nicht auf der Straße liegen.

Historie Die Firma wurde 1919 von Ernst Strassacker als „Kunstgewerbliche Werkstätten und Bronzegießerei“ gegründet.

Arbeitsfelder Die sakrale Kunst ist das zentrale Geschäftsfeld des Unternehmens. Skulpturen und die Gestaltung öffentlicher Plätze und Räume gehören ebenso zum Leistungsspektrum des Unternehmens wie Auftragsarbeiten für nationale und internationale Architekturprojekte.

Leitung Seit 2001 leitet Edith Strassacker das Süßener Unternehmen.

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