Auf der Walz: Eine Wanderschaft voller Entbehrungen

Die Walz bereichert die handwerklichen Fertigkeiten eines Zimmermanns und formt seinen Charakter. Der 24-Jährige Geselle Tobias Maier hat sich vor kurzem in Albershausen dazu aufgemacht.

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Zimmermänner reichen Tobias Maier sein Gepäck nach oben. Das Übersteigen eines Ortsschilds zu Beginn der Wanderschaft ist eines von vielen Ritualen auf der Walz.  Foto: 

Gut gelaunt sitzt Tobias Maier auf dem zweigeteilten Ortsschild. Ein dicker, roter, von unten nach oben verlaufender Balken zeigt an: Hier endet Albershausen. Gleich wird sich der 24-Jährige in die Arme einer Handvoll Gesellen fallen lassen, die schon länger auf der Walz sind.

Es sind erfahrene Zimmermänner in traditioneller Kluft, abgeschabt und ausgebleicht und längst nicht so neu, wie jene, in der Tobias Maier die nächsten drei Jahre und einen Tag unterwegs sein wird. Alle sind sie irgendwo in Deutschland über ein Ortsschild geklettert, haben in unmittelbarer Nähe ein Loch gebuddelt, eine Schnapsflasche sowie ganz persönliche Dinge dort versteckt. Einen Kreis gebildet, sich in den Arm genommen und verabschiedet.

Nach fast sechs Stunden am Ortsschild begann auch für Tobias Maier die Reise, er zog los in die Welt, ohne sich noch einmal umzudrehen. Exakt 1096 Tage – falls er vorher nicht aufgibt, darf er nicht zurück kommen – muss er als Freiheitsbruder des Freiheitsschachtes unterwegs sein. Aber warum tut man sich das heute noch an? Ohne Smartphone, Laptop, ohne Geld in der Tasche und häufig auch ohne Schlafplatz oder Essen umherzuziehen, selbstverständlich in Einhaltung der Bannmeile. „Das heißt, man darf sich seiner Familie bis auf 50 Kilometer nicht nähern“, weiß Daniel Burckhardt, der als erfahrener „Altgeselle“ den Neuen in den ersten drei Monaten begleiten und einlernen wird.

Die Walz, das bedeutet einerseits Freiheit, anderseits aber auch Entbehrungen, harte Gesetze und Rituale wie einen Ring ins Ohr nageln.

Lange hat Tobias Maier darauf hingearbeitet, als Ziele setzt er sich den Meisterbrief sowie die Selbständigkeit. „Dass ich mal auf die Walz gehe, war mir eigentlich schnell klar“, sagt der 24-Jährige, der obendrein eine abgeschlossene Ausbildung als Metzger hat. Animiert von seinem Namensvetter und besten Kumpel Tobias, der seit drei Monaten auf der Walz ist, war sein Vater Hermann Maier sofort Feuer und Flamme dafür. „Das prägt einen das Leben lang. Das hätte ich auch gerne gemacht, doch zu meiner Zeit war das nicht so populär“.

Schwer ums Herz ist es den Frauen in der Familie. Regina Heinecke ist zwar nicht seine leibliche Mutter, macht sich aber trotzdem Sorgen. „Doch er ist glücklich dabei und wird auf allen Ebenen etwas lernen. Das ist gut für die Charakterbildung“, sagt sie mit einem lachenden und weinenden Auge.

Und dann ist da natürlich noch seine Freundin Annabell Rieker, die allerdings schon kurz nach dem Kennenlernen „vorgewarnt“ wurde. „Das wird hart. Aber warum sollte ich ihm im Wege stehen, wenn ich doch weiß, dass dies sein Lebenstraum ist“, zeigt die 20-jährige Industriekauffrau aus Schlat Verständnis und freut sich auf ganz viel altmodische Post. Denn schreiben und ein Anruf von einem fremden Telefon wie dem des Arbeitgebers, sei erlaubt, erklärt Daniel Burckhardt. Aber Gesellen auf der Walz dürften in der Öffentlichkeit nur ihre Kluft tragen – die eine für die nächsten drei Jahre.

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