Eine Mission vor der Wiedervereinigung

Sie wurden sehnlich erwartet. Vor 25 Jahren reisten ÖTV-Gewerkschafter in die DDR, um potenzielle Mitglieder auf die neue Zeit vorzubereiten. Es herrschte große Unsicherheit, erinnert sich Hans Hohlbauch.

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  • So jubelten die Menschen beim Fall der Berliner Mauer 1989. Auf die DDR-Bürger kamen dann schwierige Zeiten zu. Der Gewerkschafter und Arbeitsamts-Fachmann Hans Hohlbauch leistete auf seinen Feldern Starthilfe. 1/2
    So jubelten die Menschen beim Fall der Berliner Mauer 1989. Auf die DDR-Bürger kamen dann schwierige Zeiten zu. Der Gewerkschafter und Arbeitsamts-Fachmann Hans Hohlbauch leistete auf seinen Feldern Starthilfe. Foto: 
  • Klärte besorgte DDR-Beschäftigte über Grundrechte und Tarifverträge auf: Hans Hohlbauch aus Gammelshausen. 2/2
    Klärte besorgte DDR-Beschäftigte über Grundrechte und Tarifverträge auf: Hans Hohlbauch aus Gammelshausen. Foto: 
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Die Zeit drängte. Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV), die später in Verdi aufging, wollte sich in Ostdeutschland positionieren. Es war schon Juni, in wenigen Wochen würde die Wirtschafts- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten kommen und im Oktober die Wiedervereinigung. In Sachsen, dem Partnerland von Baden-Württemberg, wollte die hiesige Landes-ÖTV Mitglieder gewinnen. Und dazu erst einmal aufklären, was im vereinten Deutschland auf sie zukommt. "Warten wir nicht, gehen wir rüber, informieren wir die Leute", so war die Stimmung, berichtet Hans Hohlbauch aus Gammelshausen, der im landesweiten Vorstand der ÖTV saß.

Für Hohlbauch fing es schon denkwürdig an. Die Bahnreise - "ein Riesenerlebnis". Mit dem Schnellzug brauchte er elf Stunden bis Dresden. An der Grenze wurde nur noch lax kontrolliert: "Sitzen Leute aus der BRD im Abteil?" Es gab aber noch den Lokwechsel in Hof und den schier endlosen Aufenthalt am Grenzbahnhof Gutenfürst auf DDR-Seite. Auf Brücken schlich der Express mit 20 Stundenkilometer über marode DDR-Gleise. Der Bahnhof in Dresden - heruntergekommen, voll mit Ruß. Die Luft voller Braunkohle, obwohl es Juni war - wegen der Warmwasserzubereitung allerorten.

Kaum angekommen, musste Hohlbauch ran. Die ÖTV-Kollegin vor Ort brachte ihn zur Kantine der Städtischen Verkehrsbetriebe, wo schon 300 bis 400 Leute auf sie warteten. "Gerammelt voll", sagt Hohlbauch, "die Leute wollten wissen, wie es für sie weitergeht." Ob sie übernommen werden, ob es Arbeitsplatzsicherheit gibt, was bei Arbeitslosigkeit passiert. Das ganze soziale System der Bundesrepublik wurde erfragt.

Panische Angst vor der Zukunft

Hohlbauch und ein Kollege von der Bundesbank, Hans Schaug, waren darauf gefasst. "Wir hatten entsprechende Tarifverträge dabei und das Grundgesetz. Das war ein gefragtes Werk. Es gab ein unheimliches Interesse daran, wie die BRD aufgebaut ist."

Am nächsten Tag das gleiche Bild. Diesmal informierten sie Kollegen: es gab ja in der DDR auch eine Gewerkschaft, den FDGB, der allerdings alles andere als frei gewesen war. "Der stand vor der Auflösung", erzählt Hohlbauch, "die Hälfte der Leute waren schon weg." Und die Verbliebenen hatten panische Angst vor der Zukunft. Die Wessis informierten erstmal über die Vereinigungsfreiheit, das Grundgesetz war auch hier der Renner, und machten ihnen Mut: "Wer nicht für die Stasi gearbeitet hat, hat auch eine Chance, von Westgewerkschaften übernommen zu werden."

Über die "so genannte Autobahn - nur eine Seite war befahrbar" ging es nach Löbau, wo Hohlbauch ein flaues Gefühl in der Magengegend bekam. Grund: Sie standen vor einer Offiziersschule der Nationalen Volksarmee (NVA). Als Ungedienter hatte Hohlbauch nie Berührung mit dem Militär, und die NVA hielt er für eine wichtige Bastion der DDR. Aber dann waren alle sehr nett. Schon am Wachhäusle wurde die ÖTV-Delegation freudig begrüßt und in den "Hörsaal" gebracht, wo überwiegend Uniformierte, auch junge Leute, "wahnsinnig Angst" um ihre Zukunft hatten. Auch ihnen sagten die Gewerkschafter: "Wer nicht vorbelastet ist, hat eine Chance." Und was den Sold betraf, so gab es Tarifverträge für die Bundeswehr. Vom Chef der Kaserne erfuhren die Besucher beim Mittagessen im Offizierskasino, dass es in den höheren Rängen schon Selbstmorde gegeben habe.

Mit einer Pressekonferenz, angeführt vom baden-württembergischen ÖTV-Chef Hans-Jürgen Arndt, gaben die Schwaben ihre Mission öffentlich kund, bevor sie wieder abreisten. Hohlbauch hatte den Eindruck, dass sie den Bedrückten einige Angst nehmen konnten. Für die ÖTV war's ein Erfolg. "Wir haben wahnsinnig viele Mitglieder bekommen, aber es sind dann auch viele wieder gegangen." Ganz wichtig war ihm eines: "Wir gingen nicht rüber als Besser-Wessis, wir haben uns bescheiden aufgeführt, wie es sich für Gewerkschafter gehört."

Hohlbauch ist dann später Aufbauhelfer bei der Arbeitsverwaltung im Osten gewesen. Als Bezirkspersonalratsvorsitzender des hiesigen Landesarbeitsamts, zuständig für 10.000 Beschäftigte, half er im neuen Landesarbeitsamt Sachsen, einen Bezirkspersonalrat zu etablieren. Er hat speziell den Personalrat des Arbeitsamts Pirna betreut. "Die waren so was von dankbar."

Die Welt ist klein. 1. Bezirksleiter der ÖTV in Sachsen wurde der aus Ebersbach stammende Manfred Kanzleiter. Bekannt ist er in Stuttgart, wo er 27 Jahre SPD-Gemeinderat war, davon sieben Jahre Fraktionschef.

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