Einblicke in das Leben mit Handicap

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Der blinde Geiger Jörg Seibold und Ralf Friton bei ihrer musikalischen Darbietung zum Uhinger Nachtcafé. Gäste waren auch die contergangeschädigten Schwestern Reni und Rita Lipp. Foto: Staufenpress  Foto: 

Das erste „Kleine Uhinger Nachtcafé“, welches im Rahmen der Toleranz-Wochen stattfand, war ein großer Erfolg. Neben dem blinden Geiger Jörg Seibold waren die contergangeschädigten Zwillingsschwestern Reni und Rita Lipp zu Gast.

„Was bedeutet eigentlich der Begriff Behinderung?“, fragte Moderatorin Martina Bartos. „Wie viele Menschen mit Handicap habe ich in meinem Bekanntenkreis, was ist Barrierefreiheit und wie schnell kann es gehen, dass aus einem normalen Leben ein Leben mit Behinderung wird?“

Für die Eltern der contergan­-geschädigten Zwillinge wurde damals schnell klar, dass sie ihren Mädchen ein normales Leben ermöglichen möchten. Vor 50 Jahren war der Stand der Medizin ein anderer. Reni und Rita Lipp berichteten, das sie als Kind viel Zeit im Krankenhaus verbrachten und viele Operationen über sich ergehen lassen mussten. Der behandelnde Professor trug seinen Teil dazu bei, dass die Zwillinge heute so fest im Leben stehen. Schmunzelnd erzählt Reni Lipp, dass sie den Professor teilweise als Vater gesehen haben und er die Mädchen zur Selbständigkeit erziehen wollte. Wer die beiden Frauen heute sieht, spürt, dass das gelungen ist. Viel Arbeit und körperliche Anstrengung steckt dahinter. „Was für uns normal ist, mussten die Zwillinge erst erlernen“, so Martina Bartos. Was das bedeutet, kann man nur erahnen, denn die Lipp-Schwestern haben verkürzte Beine und Arme. Schon das Trinken aus dem Wasserglas kann zu einer Herausforderung werden.

Den Umgang mit Menschen mit Behinderungen musste die Gesellschaft erst erlernen. Was heute die Inklusion vorgibt, war damals unter anderem für Schulen eine große Herausforderung. So mussten die Zwillinge in die Förderschule. In Ravensburg lernten sie beide Bürokauffrau, danach trennten sich ihre Wege. Barrierefreiheit ist heute in fast allen Unternehmen und öffentlichen Gebäuden selbstverständlich, vor fast 40 Jahren – als die Zwillinge ins Arbeitsleben traten – noch keineswegs.

Ganz andere Herausforderungen musste der von Geburt an blinde Geiger Jörg Seibold meistern. Mit sieben kam er ins Internat in die Nikolauspflege. Neben Geige spielt Seibold noch Gitarre und Bratsche er hat sich alles selbst beigebracht, denn er kann nicht wie sein Pfleger, mit dem er als „The Sixteens“ unterwegs ist, Noten lesen. Sein Hirn muss viele Dinge kompensieren. Eindrucksvoll zeigt Seibold seinen täglichen Arbeitsweg auf:  Allein die Straße zu überqueren ist teilweise nicht möglich, er ist immer auf Hilfe angewiesen. Dennoch tritt er selbstbewusst auf und hadert keine Sekunde mit seinem Schicksal.

Ebenso die Zwillinge. Sie haben ihr Leben fest im Griff, fahren Auto, gehen aus und ganz nebenher malt Reni noch mit dem Mund. Regelmäßig besuchen die beiden Schulen und Kindergärten und versuchen so Ängste und Vorurteile abzubauen. Wenn sie unterwegs sind und Hilfe bräuchten, gehen sie auf andere Menschen zu. Bisher haben alle keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Musikalisch rundete Jörg Seibold und Ralf Friton den Abend ab, das Publikum klatschte begeistert mit. Vieles wird die Besucher nachhaltig beschäftigen und vielleicht hilft es auch, über manches Zipperlein hinwegzusehen.

Inklusion Einig war sich die Diskussionsrunde, dass Inklusion grundsätzlich gut sei, aber die Ausbildung der Lernbegleiter und Lehrer angepasst werden muss. Auch müsse man gemeinsam überlegen, welche zusätzlichen Lernmittel angeschafft werden müssten. Dies könne nicht die Politik entscheiden, sondern müsse vor Ort geklärt werden.

Umgang Ralf Friton brachte es auf den Punkt: „Normalos sind ganz schön behindert im Umgang mit Menschen mit Behinderung“. Wir brauchen mehr Toleranz und gegenseitige Hilfe, bekräftigt Rita Lipp. Ihre Schwester wünscht sich mehr gemischte Wohngemeinschaften.

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