Ein Fall mit tragischer Wucht

Im Prozess um die Frau, die im vergangenen Herbst ihre Tochter tötete und den Sohn schwer verletzte, hat am Donnerstag der psychiatrische Gutachter ausgesagt. Er hält die 36-Jährige für vermindert schuldfähig.

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Richter Gerd Gugenhan wird am 27. Juli das Urteil in dem Totschlagprozess sprechen.  Foto: 

Weit mehr als 1000 Gutachten hat der Gerichtspsychiater Dr. Peter Winckler in den vergangenen 20 Jahren erstellt. Doch der Prozess um die Frau, die im Oktober 2014 nahe Aichen ihre elfjährige Tochter tödlich sowie den zwei Jahren alten Sohn schwer verletzte und anschließend erfolglos versuchte, sich selbst zu töten, ließ auch den erfahrenen Gutachter nicht unberührt. Selten habe er einen Fall erlebt, "bei dem einen die Tragik mit einer solchen Wucht anspringt".

Eines stand für den Tübinger Psychiater eindeutig fest: Das Gericht hat es mit einer psychisch kranken Frau zu tun. Auch dass am Ende der Tat der Suizid stehen sollte, steht für Winckler außer Frage. Er geht vom typischen Fall einer "inkompletten Mitnahmetötung" aus . Die Mutter habe aus "fehlgeleiteten, aber altruistischen Motiven" gehandelt. Sie wollte laut Winckler mit den Kindern "in den Himmel gehen", um den Verfolgungen, die nur in ihren Wahnvorstellungen existierten, zu entkommen

Schwieriger gestaltet sich die Frage, inwieweit die Angeklagte strafrechtlich für ihre Tat verantwortlich ist. Für Winckler liegt der Fall im Grenzbereich zwischen verminderter Schuldfähigkeit und einem völligen Verlust der Handlungssteuerung. Um diesen Sachverhalt zu beurteilen, ist die psychiatrische Diagnose mitentscheidend.

Für Winckler ist die Diagnose Depression mit "wahnhafter Überlagerung" die wahrscheinlichere. Die Frage der Schuldfähigkeit sei damit jedoch noch nicht vollständig geklärt. Die Angeklagte sei ohne Zweifel vermindert schuldfähig, betonte Winckler. Eine völlige Schuldunfähigkeit halte er jedoch für eher unwahrscheinlich. Eine Schlüsselfrage sei dabei, ob die Angeklagte im Vorfeld der Tat Stimmen hörte, die ihr befahlen, sich selbst zu töten. Es gibt lediglich einen Hinweis darauf, dass sie solche "imperativen Simmen" wahrnahm: Einer Freundin soll sie noch am Tag vor der Tat davon berichtet haben. Der Gutachter hält es jedoch für gut möglich, dass die Zeugin die Art der Stimmen "falsch verstanden" habe. Vermutlich habe es sich dabei nicht um akustische Halluzinationen, sondern "laut gewordene" innere Gedanken gehandelt.

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Angeklagte ihre Steuerungsfähigkeit behalten habe - wenn auch eingeschränkt - sei in den Stunden vor der Tat zu finden. Noch am Nachmittag vor der Tötung war die Frau von ihrem Vater bis vor die Türen der Psychiatrie gefahren worden, hatte sich aber geweigert, sich aufnehmen zu lassen. Sie hatte Angst, dass man ihr die Kinder wegnehme, wenn sie sich stationär behandeln lässt. Winckler: "Das sind nicht die Gedanken eines Menschen, der unter dem Einfluss imperativer Stimmen steht."

Unabhängig von der Schuldfähigkeit bestehe kein Zweifel daran, dass die Angeklagte weiterhin psychisch krank sei und intensiv stationär behandelt werden müsse, so Winckler weiter. "Eine Strafvollzugsanstalt kann das nicht leisten." Um die Beschuldigte in einem psychiatrischen Krankenhaus anstatt in einer Haftanstalt unterzubringen muss laut Paragraph 63 des Strafgesetzbuchs weitere Gefahr von ihr ausgehen. Die Frau sei "keine gefährliche Gewalttäterin". Doch durch die Hartnäckigkeit der Wahnvorstellungen und ihre anhaltende Instabilität sei es möglich, dass es zu "ähnlich gelagerten Fällen" der Mitnahmetötung kommen könne.

Weiterer Prozessverlauf

Die Beweisaufnahme im Prozess ist nun abgeschlossen. Am Mittwoch, 15. Juli, werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers halten (Beginn: 8.30 Uhr im Raum 126 des Ulmer Landgerichts). Das Urteil wird am Montag, 27. Juli, bekannt gegeben. Eine spätere Urteilsverkündung ist nicht möglich: Zwischen den Plädoyers und der Verurteilung dürfen höchstens zehn Werktage liegen.

SWP

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