Ehepaar schreibt gegen Schwarzmalerei an

Unbekannte Autoren eines Flugblatts befürchten durch den Zuzug von anerkannten Flüchtlingen und deutschen Geringverdienern den Niedergang ihres Viertels. Dem Widerspricht ein Ehepaar aus dem Gebiet.

|
In ein solches Doppelhaus sollen Ende 2018 anerkannte Flüchtlinge und Einheimische mit geringem Einkommen einziehen. Ebersbach will das Gebäude im Nordwesten der Stadt errichten.  Foto: 

Integration kann nur gelingen, wenn man aufeinander zugeht“, finden Anja und Thomas Borowski. Das Ehepaar ist vor sechs Jahren von Esslingen nach Ebersbach gezogen und wohnt seitdem gerne in ihrer Eigentumswohnung „Im Fuchsrain“. Doch welchen Ton einige ihrer Nachbarn gegen die geplante Unterbringung von anerkannten Asylbewerbern in Neubauten anschlagen, finden die beiden überhaupt nicht gut. Als Reaktion auf ein Flugblatt, das in ihrem Viertel verteilt wurde, haben Anja und Thomas Borowski einen öffentlichen Brief verfasst, in dem sie die Gegner des Bauvorhabens zur Mäßigung aufrufen und um Verständnis im Umgang mit Fremden werben.

Die Verfasser des offenen Briefs finden die Befürchtungen der Flugblatt-Schreiber übertrieben. „Wenn Ihr jetzt wegen zwei oder vier neuen Häusern von einem ,eigenen sozialen Viertel’ sprecht, das zwangsläufig Probleme mit sich bringt, halten wir das für falsch“, schreibt das Paar. Eine ablehnende Haltung gegenüber Fremden helfe nicht bei deren Integration.

Die gelinge am besten in einer freundlichen Atmosphäre, glauben die Bankkauffrau und der Rentner. Bei den Menschen, die in die neuen Häuser einziehen sollen, handele sich um sozial Benachteiligte. „Wohin soll das führen, wenn wir sie mit dieser Ablehnung empfangen?“, fragen sich Anja und Thomas Borowski.

Willkommen scheinen anerkannte Flüchtlinge und deutsche Geringverdiener bei den anonymen Verfassern des Flugblatts nicht zu sein. Sie befürchten, dass die geplante Unterbringung solcher Menschen in ihrem Wohngebiet das Umfeld negativ beeinflusst: „Das können unter anderem soziale Spannungen innerhalb der Einrichtungen und über die Einrichtungen hinaus sein, eine Verschärfung der Park- und Verkehrssituation sowie Einflüsse auf den Nahbereich von Kindergarten und Altersheim.“

Kritik üben die Autoren des Flugblatts zudem an der Stadt und dem Gemeinderat. Letzterer habe das Gebiet schon zu Bauland umgewidmet und es als überflüssig erachtet, zuvor die Anwohner über das Vorhaben und dessen Ausmaß zu informieren. Die Stadt wiederum verstoße mit einem Vorhaben dieser Größe gegen die Interessen der Menschen, die schon in dem Viertel wohnen.

Den Unmut von Anwohnern hat die Stadt mit einer Stellungnahme Mitte August zu besänftigen versucht. In dem Schreiben stellte sie zum einen dar, dass sich Ebersbach nicht vor der Aufgabe drücken kann, billigen Wohnraum zu schaffen. Zum anderen erklärte die Stadt, das zunächst nur ein Doppelhaus gebaut werden soll, in dem höchstens 16 Menschen wohnen werden. Der Bau von weiteren Gebäuden solle nach Bedarf erfolgen. Insbesondere der letzte Abschnitt, auf dem fünf Doppelhäuser Platz finden können, stehe in den Sternen und hänge von den örtlichen Kleintierzüchtern ab. Deren Vereinsheim steht auf dem Bauland.

All diese Erklärungen scheinen die Gemüter jedoch nicht zu beruhigen. „Inzwischen wird auf der Straße von 144 kriminellen Schwarzen geredet, die demnächst durch unsere Straßen ziehen“, schreiben Anja und Thomas Borowski in ihrem offenen Brief. Der 58-Jährige will zudem erfahren haben, dass Unterschriften gegen das Bauvorhaben gesammelt werden. Nach Angaben von Hauptamtsleiter Günter Pfeiffer sind einige Gemeinderäten zudem aufgefordert worden, Fragen von Anwohnern zu beantworten.

Das soll im Oktober öffentlich geschehen. „Um den Dialog mit der Bürgerschaft noch intensiver führen zu können, findet am Mittwoch, 11. Oktober, eine Vor-Ort-Informationsveranstaltung statt“, teilt Pfeiffer mit. Dem Amtsleiter zufolge wollen sich Vertreter der Verwaltung und Gemeinderäte um 18 Uhr im Dachsweg mit Anwohnern treffen, das Baugebiet in Augenschein nehmen und danach im Vereinsheim der Kleintierzüchter weiter das Gespräch mit Einwohnern suchen.

Grundlage Eine Mehrheit von 20 Gemeinderäten hat am 25. Juli der Änderung des Bebauungsplans für das Gebiet zugestimmt. Die Entscheidung ebnete den Weg dafür, dass die Stadt bis zu neun Doppelhäuser für Menschen mit geringem Einkommen am Dachsweg bauen kann. Vier Bürgervertreter stimmten gegen die Änderung des Bebauungsplans, einer enthielt sich.

Anspruch Die Stadt will auf dem Gelände am Dachsweg „Wohnraum für alle“ schaffen. Spruchreif ist bisher lediglich der Bau eines Doppelhauses mit vier Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen. Das Gebäude soll bis Ende nächsten Jahres errichtet werden.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Regio Rad im Kreis Göppingen: Ein Netz aus Leihrad-Stationen

Im Frühjahr soll das Rad- und Pedelec-Verleihsystem RegioRad Stuttgart starten. Nur eine Stadt im Kreis ist sicher an Bord, aber viele zeigen Interesse. weiter lesen