Die Nähe bleibt auch nach dem Tod

Das Prozedere ist aufwendig, aber die Bestattunsform unter einem „Tree of Life“ im nahe des eigenen Heims scheint Anklang zu finden im Kreis.

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  • Runhild Walter glaubt, die Bestattung mit einem Baum ist das Richtige für ihren Mann. Der arbeitete zeitlebens gern im Garten. 1/2
    Runhild Walter glaubt, die Bestattung mit einem Baum ist das Richtige für ihren Mann. Der arbeitete zeitlebens gern im Garten. Foto: 
  • Hans-Peter Klein wählte eine Kupferfelsenbirne als Lebensbaum für seine Frau. 2/2
    Hans-Peter Klein wählte eine Kupferfelsenbirne als Lebensbaum für seine Frau. Foto: 
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Hans-Peter Klein und seine Frau Daniela haben sich Gedanken gemacht, wie sie einmal bestattet werden möchten. „Irgendwann, am Frühstückstisch sprachen wir über das, was wir wollen, wenn wir einmal nicht mehr sind“, erinnert sich der 66-Jährige. Anfang dieses Jahres ist seine Frau Daniela an den Spätfolgen einer Lungenembolie gestorben.

Etwa sechs Monate davor lasen sie zum ersten Mal über die Möglichkeit einer Baumbestattung im eigenen Garten. „Das ist für uns das Richtige“, verrät Hans-Peter Klein, was an diesem Morgen besprochen wurde. Für den Albershausener kam nur ein besonderer Baum in Frage: „Wir haben uns für eine Kupferfelsenbirne entschieden, denn sie trägt ein jahreszeitliches Kleid.“ Der Korinthenbaum, wie er auch genannt wird, werde wegen seiner weißen Blüten, den kleinen Früchten, an denen sich die Vögel erfreuen, und seiner kupferroten Blätter sehr geschätzt.

Mit wir meint Hans-Peter Klein seine beiden Töchter, mit denen er alles durchgesprochen hat: „Für die Selbstbestimmung der Familie und nicht von außen zugetragen“. Er war zufrieden mit der Trauerfeier und  einer Rednerin, die Sven Hafner vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen aus Uhingen empfohlen hatte.

In Begleitung zweier Freunde fuhr Klein nach der Einäscherung im Februar nach Holland. Die Urne wird entweder vom Krematorium aus oder über den Urnentransfer des Bestatters ins Ausland überführt. Die Zeremonie fand in einem abgegrenzten Bereich einer Baumschule in der Nähe Amsterdams statt.

Dort wurde die Urne im Beisein eines Notars geöffnet. Der Ehemann schüttete vorsichtig die Asche seiner verstorbenen Frau in ein Gefäß und vermischte sie bedächtig mit den Händen. „Mir war das wichtig, dass ich das mache“, betont Hans-Peter Klein. Anschließend wurde der Deckel der Urne mit einer Siegelplakette an den von ihm zuvor ausgesuchten Baum gehängt. „So ist die Zugehörigkeit gesichert“, erklärt der 66-Jährige.

Mitte Oktober brachte Bestatter Sven Hafner dem Witwer den Baum. „Das ist er“, war sich die jüngste Tochter sicher, als sie aus dem Wintergarten in den kleinen und gepflegten Garten trat. Und ihr Vater gab ihr Recht, auch ihm schien dieser Platz bestens geeignet zu sein. „Da muss ich was für die Oma bauen“, freute sich Hans-Peter Kleins Enkel Richard und ging sofort ans Werk. Sobald das Wetter besser ist, will er um den „Baum des Lebens“ eine Modelleisenbahn fahren lassen.

Auch Runhild Walter hat sich mit ihren drei Kindern für diee Bestattungsform entschieden, von der sie ebenfalls in der Zeitung las. Anfang Dezember letzten Jahres starb ihr Mann, etwa sechs Monate nachdem er die Diagnose ALS bekommen hatte, berichtet die 74-Jährige. Zwar konnte er zuletzt nicht mehr sprechen, doch die Eislingerin erinnerte sich daran, dass „der Friedwald für uns ein Thema war“. Alfred Walter war mit Leib und Seele Gärtner, arbeitete ein Vierteljahrhundert für die Gemeinde Salach und widmete sich privat diesem Hobby. „Der Ginko-Baum hätte ihm bestimmt gefallen“, glaubt seine Frau.

„Das ist ein Weiterwachsen“, sagt Runhild Walter. Sie freut sich, dass sie täglich auf den Ginko-Baum nicht nur blicken, sondern diesen auch pflegen kann.

Prozedur Mit dem „Tree of Life“ oder „Baum des Lebens“ gibt es eine Möglichkeit, Verstorbene nicht auf einem Friedhof zu bestatten. Das Procedere beginnt nach der Einäscherung: Die Urne kommt in eine Baumschule in den Niederlanden. Unter notarieller Aufsicht wird sie geöffnet, die Asche in ein Substrat gegeben, in das wiederum ein Baumsetzling gepflanzt wird. Unter Aufsicht und Pflege wurzelt der „Tree of Live“ und absorbiert innerhalb von etwa sechs bis neun Monaten die gesamte Asche. Danach liefert der Bestatter den herangezogenen Baum sowie alle  Unterlagen an die Angehörigen. Zur Pflanzzeit, also im Frühjahr oder Herbst, kommt der Baum an seinen Bestimmungsort. Nach deutschem Recht gilt der Verstorbene nun als bestattet.

Nachfrage Bestatter Sven Hafner aus Uhingen zufolge haben sich bei ihm über 20 Menschen in den vergangenen eineinhalb Jahren für diese Form der Beisetzung entschieden.

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