Die männerlose Grundschule

An der Zeller Schule ist das Lehrerkollegium ab Herbst rein weiblich. Der einzige Mann geht. Die Rektorin bemüht sich um einen Schulsozialarbeiter, damit die Jungs eine männliche Anlaufstelle im Haus haben.

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Schüler und Lehrerinnen sind auf diesem Bild vereint - der einzige Lehrer an der Grundschule Zell geht zum Ende des Schuljahres. Diese Entwicklung will keiner, aber die Männer zieht es nicht mehr in den Lehrerberuf.  Foto: 

Der Lehrer an der Grundschule - es gibt ihn kaum noch, klagt die Zeller Rektorin Friederike Stock. Das sei überall so. Sie verliert jetzt den einzigen Mann im Kollegium, der noch aus den Zeiten der Werkrealschule stammt und an die zentralen Orte der jetzigen Gemeinschaftsschule zurückkehrt, nach Albershausen und Schlierbach. Zell ist seit vorigem Herbst nur noch Grundschule - was die Attraktivität für Kollegen nicht hebe.

Was damit fehlt: Männer, an denen sich Jungs orientieren können. Männliche Vorbilder. Wo sich das im Schulalltag zeigt: "Beim Sport habe ich am meisten so das Gefühl, dass sie eine männliche Lehrkraft brauchen", sagt die Rektorin. Kein Problem sei hingegen der Männermangel bei der Sexualerziehung. Man hole sich Personal von außen. "Das ist wirklich ganz geschickt."

Im Alltag helfen könnte ein Schulsozialarbeiter - das ist der Rollentausch andersherum. Schulsozialarbeit war lange eine weibliche Domäne, jetzt gibt es auch Männer in diesem Beruf. Albershausen habe da gerade eine 50-Prozent-Kraft eingestellt, daran wolle man sich anhängen, sagt Friedrike Stock.

Die Albert-Schweitzer-Schule in Göppingen hat den Schulsozialarbeiter schon seit Jahren. Genauer gesagt: ein Mann im "Top-Team" mit einer Kollegin. "Wir haben uns damals um einen Mann gezielt bemüht", sagt Rektor Axel Zäch. Denn auch an dieser größten der früheren Göppinger Grund- und Hauptschulen, heute eine Gemeinschaftsschule, sind die Lehrer Mangelware. Zäch zeigt das an den Klassenlehrern auf. In der Grundschule gibt es da "nur" Lehrerinnen, erst in Klasse 8 taucht ein Lehrer auf und in Klasse zehn noch einer. Wobei es schon noch den Fachlehrer und den Sportlehrer gibt. Letzteren braucht man, weil Sport möglichst ab Klasse 5 getrennt unterrichtet wird. Immer klappe die Männerbesetzung nicht, so Zäch, aber meistens.

Wenn Zäch schaut, wie die Kinder heute aufwachsen, sagt er: "Da fehlt der männliche Teil ganz gewaltig." Im Kindergarten hätten sie Erzieherinnen, zuhause die Mutter, in der Grundschule Lehrerinnen. Der Bad Boller Rektor Thomas Schnell spitzt das noch zu: "Wenn Kinder ganz großes Pech haben, fehlen die männlichen Vorbilder bis zur Lehre." An seiner Schule sind es elf Lehrer und 50 Lehrerinnen. Er beobachtet, dass Jungs manchmal eine andere Art haben, Konflikte auszutragen. Da sei eine Kollegin in heller Aufregung, weil zwei Buben gerauft haben wie junge Hunde, es gab Schürfwunden. Für die Jungs sei das damit beendet, sie seien sich schon wieder einig - während die Lehrerin nicht weiß, was sie machen soll. Buben hätten in der Regel auch einen stärkeren Bewegungsdrang als Mädchen. "Die Frage ist: wie geht eine Frau damit um?" Sodann sei es gut, wenn ein Lehrer ins Schullandheim mitfahre. Was nicht immer gelinge. "Wir können unsere Lehrer nicht ständig ins Schullandheim schicken".

Schnell kennt das Missverhältnis, seit er Lehrer ist. Er kennt es auch als Ausbilder für den Lehrer-Nachwuchs. Eine Handvoll Männer in den Kursen, mehr seien es in zehn und 15 Jahren nie gewesen. Und heute seien zwei Männer bei 19 Teilnehmern schon viel. Zäch hat an der Albert-Schweitzer-Schule schon "seit ewigen Zeiten" keinen Referendar mehr gehabt. Und die neuen Lehrer-Zugänge an der Bad Boller Schule sind alle Frauen.

Woran es liegt? Zäch rätselt. Vor 35 Jahren seien sie ein Haufen Jungs gewesen, die Lehrer werden wollten. Im Fach Sport verhältnismäßig viel. Schnell mutmaßt, die Wirtschaft locke heute die Männer mit Verdienst und Aufstiegschancen. Wobei ein Lehrer nicht schlecht verdiene. Ähnlich sieht es Friederike Stock: "Ich denke, der Lehrerberuf ist nicht mehr so attraktiv."

Tendenz steigend

Statistik Eine Statistik von Lehrkräften nach Geschlechtern führt das staatliche Schulamt Göppingen nicht. Ein Anhaltspunkt: Vor sechs Jahren stellten die Lehrerinnen landesweit an den damaligen Grund- und Hauptschulen 77 Prozent, an den Gymnasien die Hälfte der Lehrerschaft. Damals hieß es: Tendenz steigend.

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