Abschaltung des analogen Fernsehsignal erwischte einige Kunden kalt

Die Abschaltung des analogen Fernsehsignals am 1. Juni überforderte Fachhändler und Kunden.

|

„Eigentlich dachte ich, das wird recht unkompliziert“, seufzt Mathias Marzini, „Aber wir gehen förmlich unter in Arbeit, das Telefon klingelt nonstop.“ Der Inhaber des Göppinger Elektrofachgeschäftes „EP:Marzini“ spricht von den Folgen der stückchenweisen Abschaltung der analogen TV-Sender in Baden-Württemberg. Ab Juli wird im gesamten Verbreitungsgebiet des Kabelnetzbetreibers Unitymedia kein analoges Fernsehen mehr zu empfangen sein, nur noch digital. Im Kreis Göppingen ist schon seit 1. Juni Schluss mit Analog-TV. Die Veränderung brachte eine Menge Verwirrung mit sich.

Fachhändler Marzini betont, es habe eine deutliche Vorankündigung gegeben: „Auf den betroffenen Fernsehgeräten erschien vier Wochen vor der Umstellung ein Laufband, das den Besitzern unmissverständlich sagte: Achtung, Sie empfangen analog und sind von der Umstellung betroffen. Bitte wenden Sie sich an Ihren Fachhändler.“ Darauf hätten im Mai leider nur vereinzelt Kunden reagiert.

Was Anfang Juni passierte, habe der erfahrene Elektrospezialist in 30 Jahren Berufsleben noch nie erlebt. Die Kunden würden ihm den Laden einrennen. Sie kauften digital-kompatible Fernsehgeräte, oder digitale Kabelreceiver, mit denen alte Geräte aufgerüstet werden könnten. „Momentan verkaufen wir pro Tag 30 bis 40 Receiver und 20 Fernseher. Unser Lager ist total leer. Die Umstellung hat uns kalt erwischt“, gibt Marzini zu.

Er verstehe aber nicht, wieso so viele die Hinweise nicht ernst genommen haben. Im Grunde seien die Endverbraucher selber schuld. Marzini schätzt, viele hätten die Informationen wohl ignoriert, weil sie sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht betroffen fühlten.

Dementsprechend sei der Aufschrei groß gewesen und die Wartelisten jetzt lang: Bis Ende Juni sei die Firma mit Aufträgen ausgebucht und man habe Hilfskräfte einstellen müssen. „Manche Kunden kommen zu uns in den Laden und wollen sogar mehr zahlen, um vorgezogen zu werden“, erzählt der Geschäftsinhaber. Er erklärt, grundsätzlich sei die Umstellung kein Problem, allerdings daure das Anschließen seine Zeit.

Vor allem Ältere betroffen

„Außerdem muss der Benutzer mit der Bedienung des Receivers klarkommen, sofern er sich keinen neuen Fernseher kaufen will. Gerade bei manchen älteren Kunden gibt es da Schwierigkeiten.“ Die Betroffenen seien laut dem Elektrohändler tatsächlich hauptsächlich ältere Menschen, oder aber Leute, deren Zweit- oder Drittfernseher im Gästezimmer nun nicht mehr funktioniert.

Marzini sieht auch den positiven Aspekt der Situation: „Unsere Kunden wissen, dass wir uns um ihre Angelegenheiten kümmern. Ich glaube viele denken jetzt um und merken, dass sich der Einkauf von Elektrogeräten beim Fachhandel doch bezahlt macht.“ Selbst die jüngere Generation, so sein Eindruck, komme immer mehr hin zum lokalen Fach-Einzelhandel und weg vom Online-Einkauf. „Wenn jemand mit seinem Billig-TV von Mediamarkt oder Aldi zu uns kommt, können wir leider auch nicht helfen, da müssen sich die Leute an die Verkäufer der jeweiligen Läden wenden.“ Marzini ist dennoch erstaunt über die Hysterie: „Man denkt immer, Kinder können nicht ohne ihre Smartphones. Aber wenn man Erwachsenen und alten Leuten ihren Fernseher wegnimmt, flippen die aus.“

Auch Thomas Bunth, Prokurist des Euronics XXL Albmarktes in Geislingen, wird den 1. Juni nicht so schnell vergessen: An diesem Tag wurden die analogen TV-Signale im südlichen Baden-Württemberg abgeschaltet und machten den Weg frei für digitales Fernsehen. Trotz umfangreicher Ankündigung in den Medien erwischte die Umstellung manchen Kabelkunden völlig überraschend. Flimmerte die Mattscheibe seines analogen Fernsehgerätes tags zuvor noch in bunten Farben, ging am 1. Juni nichts mehr. Wie Thomas Bunth berichtet, stürmten daraufhin viele in die Fachgeschäfte und manch einer ärgerte sich lautstark.

Aber nicht das Albwerk oder ähnliche Institutionen sind für die Abschaltung der analogen Programme verantwortlich, sondern der Kabelnetzbetreiber Unitymedia, erklärt Bunth. Das Ziel ist, dem rasenden Voranschreiten der Digitalisierung gerecht zu werden. Der Kundenwunsch nach mehr digitalen Programmen und immer schnellerem Internet braucht neue Kapazitäten im Kabelnetz.

Um den Fernseher wieder betreiben zu können, werden nun digitale Receiver benötigt. Manch einer entschied sich auch gleich für einen neuen Flachbildschirm, um die neue Bildqualität auch perfekt genießen zu können. „So etwas habe ich in meinen 25 Berufsjahren beim Albmarkt noch nicht erlebt“, sagt Bunth. Receiver und Farbfernseher seien weggegangen wie warme Wecken. Die Lager seien bei allen Fachhändlern in der Region ruckzuck leer gewesen. Ein Lieferengpass war unausweichlich und für einige Kunden war zwangsweise ein Pfingstfest ohne Fernsehunterhaltung angesagt. Fachhändler und Techniker seien jedoch nahezu rund um die Uhr im Einsatz, um Fernseher und Receiver auszuliefern und Hilfestellung beim Anschließen der elektronischen Gerätschaften zu geben. Glücklicherweise sei ein Ende des Chaos abzusehen, sodass bald alle Kabelkunden über digitale TV-Signale Fernsehen in bester Qualität genießen können.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Behörde muss sich wegen Baustelle auf B 297 der Kritik stellen

Ab Montag ist die B 297 zwischen Göppingen und Rechberghausen komplett gesperrt. Mit den Umleitungsstrecken ist nicht jeder einverstanden. weiter lesen