Der schwäbischste aller Sizilianer

Wenn Giuseppe Scorciapino am Donnerstag mit 65 Jahren in Rente geht, blickt er auf ein Berufsleben zurück, das es heute in dieser Form nicht mehr gibt: über 50 Jahre lang arbeitete er für ein und dieselbe Firma.

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In Schlierbach das Paradies gefunden. Seit 51 Jahren steht Giuseppe Scorciapino bei der Firma Stama in den Werkshallen. Der Sizilianer, der zum Schwaben wurde, hat in einem halben Jahrhundert nie die Firma gewechselt. Jetzt geht er in den Ruhestand. Foto: Staufenpress

Für Giuseppe Scorciapino fängt das Arbeitsleben bereits im Alter von 12 Jahren an: bei einem Hufschmied in seinem sizilianischen Heimatdorf. Zu dieser Zeit lebt und arbeitet sein Vater bereits als italienischer Gastarbeiter in Schlierbach. 1962 holt der Vater die gesamte Familie ins Schwabenland mit dem Ziel, ein paar Jahre zu bleiben und Geld zu verdienen. Für den damals 14-jährigen "Pippo" ist daraus ein lebenslanges Bleiben geworden. Mit Frau und Kindern lebt er immer noch in Schlierbach. "Ich habe mein Glück hier gefunden. Schlierbach ist mein Paradies", erzählt der sympathische Sizilianer, über den seine Frau Gabriele sagt: "Er ist schwäbischer als jeder Schwabe". Wenn man die Arbeitsbilanz dieses Mannes betrachtet, muss man ihr sofort recht geben: mehr Fleiß geht nicht. Das Besondere an seinem Berufsleben ist außerdem, dass er in 50 Jahren nicht einmal die Firma gewechselt hat. Mehr Treue geht auch nicht. "Mir hat es bei Stama immer gut gefallen. Meine Vorgesetzten sind zufrieden mit mir und mit den Kollegen komme ich gut aus", fasst Scorciapino sein halbes Jahrhundert Berufstätigkeit kurz und knapp zusammen. "Man muss dankbar sein. Ich war nie arbeitslos, das schätze ich sehr."

Kein Zweifel: Dieser Mensch ist bescheiden, fleißig und zufrieden mit dem, was er erreicht hat. Eine gute Arbeit, ein eigenes Haus, eine glückliche Familie, sein Garten - mehr braucht der italienische Schwabe nicht zum Glücklichsein. "Alles, was ich habe, habe ich mir mit meiner Frau erarbeitet. Ich bin dem deutschen Staat noch nie auf der Tasche gelegen", darauf legt er Wert. Und darauf kann er stolz sein. Wer mit 14 Jahren in einem fremden Land als ungelernte Hilfskraft in einem Unternehmen anfängt, hat nicht die besten Karten in der Hand. Zeit für eine Ausbildung bleibt nicht. Er muss und will Geld verdienen. Dazu ist die italienische Familie schließlich nach Deutschland gekommen. Die Sprache lernt er nebenbei. Deutsch-Kurse und Sprachförderung für Ausländer gibt es zu dieser Zeit noch nicht. 1976 heiratet er eine Schlierbacherin, baut ein Haus und gründet eine Familie. 1985 kehren seine Eltern und seine Schwestern nach Sizilien zurück. "Pippo" bleibt und lebt und arbeitet weiter in Schlierbach.

In all den Jahren hat er sich immer für die Firma eingesetzt, samstags gearbeitet und Überstunden gemacht. Mit Fortbildungen und Seminaren vertieft er seine Fachkenntnisse. Früher waren neun bis zehn Stunden normal für ihn. Die körperlich schwere Arbeit hat er nie gescheut.

Heute sind es weniger Stunden, aber der Druck und Stress ist größer. Das empfindet er schon eher als Belastung. "Früher war die Kameradschaft unter den Kollegen besser. Heute kämpft jeder für sich alleine", so seine Beobachtungen der letzten Jahre. Die Arbeitswelt habe sich stark verändert. Ein Arbeitsleben wie das Scorciapinos ist heute nicht mehr möglich. Seine Geschichte ist ein Zeitdokument.

Wenn Giuseppe Scorciapino am 7. März nach über 50 Berufsjahren in Rente geht, fängt ein neuer und ungewohnter Lebensabschnitt für ihn an. "Das wird nicht einfach sein. Ich kann noch nicht sagen, wie das wird", gibt er ehrlich zu. Große Pläne hat er nicht. "Ich wünsche mir, wenn der liebe Gott es will, dass ich noch ein paar Jahre gesund und zufrieden genießen kann." "Kommen Sie doch einmal vorbei. Bei uns ist immer Tag der offenen Tür", gibt er zum Abschied mit auf den Weg. Das ist eindeutig die italienische Seite des sizilianischen Schwaben.

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