Dietrich Burchard sieht sich als „linken Realo“

Dietrich Burchard aus Lerchenberg steigt für die Grünen in den Ring. Dem Zimmermann sind die Themen Familie und Handwerk wichtig und er macht sich Sorgen um die Chancen der Jugend.

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Dietrich Burchard kandidiert für die Grünen bei der Bundestagswahl. Der 51-jährige Zimmermann aus dem Göppinger Stadtteil Lerchenberg steht in seiner umgebauten Scheune und sagt: „Holz ist freundlich. Holz macht was mit den Leuten.“  Foto: 

Gäbe es ein Bilderbuch der Grünen-Klischees, dann würde diese Geschichte ganz sicher drin vorkommen. Vor mehr als 30 Jahren befand der junge Dietrich Burchard, dass es doch eine unglaubliche Energieverschwendung sei, wegen einer einzigen Person ein ganzes Zimmer zu beheizen. Das zog er zwei oder drei Jahre lang durch. Bis ihn seine damalige Freundin an einem ungemütlichen Novembertag vor die Wahl stellte: Sie geht oder die Heizung nimmt ihre Arbeit wieder auf. Burchard entschied sich für letzteres – „und heute sind wir seit fast 30 Jahren glücklich verheiratet“, sagt der mittlerweile 51-Jährige und lacht.

Heizen tut der Zimmermann seitdem regelmäßig, er sieht mittlerweile ohnehin vieles etwas lockerer: „Spaß gehört auch zum Leben“, meint er. Dennoch sind ihm grüne Themen weiterhin wichtig – deshalb tritt er auch als Kandidat im Wahlkreis Göppingen zur Bundestagswahl an.

Burchard sitzt in seiner umgebauten Scheune, viel Licht und Holz verleihen dem weitläufigen Raum ein besonderes Ambiente. Das Gebäude ist Büro und Rückzugsort zugleich, eine Holzbrücke unter dem First führt zu einem Fenster, das einen großartigen Blick auf die liebliche Lerchenberger Landschaft unterm Hohenstaufen freigibt. „Holz ist freundlich. Holz macht was mit den Leuten“, sagt der 51-Jährige.

Der Zimmermann, Hochbautechniker und Baubiologe ist Handwerker mit Leib und Seele, stellvertretender Obermeister der Innung Filstal. „Ihre Stimme für das Handwerk“ ist denn auch Burchards Wahlkampf-Slogan. Er glaubt: „Jeder weiß, das Handwerk ist wichtig, vor allem in strukturschwachen Gebieten.“

Die Politik suggeriere, sie habe immer ein offenes Ohr für Handwerker. „Einzig, es kommt nicht an“, klagt Burchard. So gebe es mittlerweile viel zu viel bürokratischen Aufwand, „der für einen kleinen Betrieb kaum noch zu leisten ist“. Das betreffe nicht nur den Staat, sondern auch Sozialkassen oder die Berufsgenossenschaft. „Da bin ich mir auch zu 100 Prozent einig mit meinen Kollegen“, berichtet der Zimmermann. Und da seien auch viele CDU-Wähler drunter.

Ein weiteres Thema, das dem Lerchenberger am Herzen liegt, ist Familie, Kinder und Jugend. Jedes siebte Kind in Deutschland müsse von staatlicher Unterstützung leben. „Das muss aber alles aufwendig beantragt werden“, bemängelt Burchard. „Es wird suggeriert, dass Kinder Almosenempfänger sind, das ist ein No-Go für mich.“ Er fragt: „Wie sind denn die Bemühungen, die Jugendlichen abzuholen in unser gemeinschaftliches Staatswesen?“ Er glaubt, wenn die Gesellschaft hier mehr Energie und finanzielle Mittel hineinstecken würde, wäre auch die Integration kein Thema mehr.

„Ein Riesenthema ist Bildungs- und Chancengleichheit“, bekräftigt Burchard. „Das sortiert sich doch immer mehr nach dem Geldbeutel der Eltern.“ Er warnt: „So zementieren wir eine Spaltung der Gesellschaft, die in letzter Konsequenz für Unfrieden sorgen wird.“ Das Recht auf lebenslange Weiterbildung ist denn auch ein Wunsch von Burchard und er findet: „Den Mindestlohn halte ich für zu niedrig derzeit.“ Für ihn ist klar: „Wir werden nicht umhinkommen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen  oder uns etwas ähnliches einfallen zu lassen.“

Mit seinen Standpunkten outet sich der Handwerker als eher links orientiert. Also die Gretchenfrage. „Was sind Sie, Herr Burchard? Ein Fundi? Ein Realo?“ Er muss nicht lange nachdenken. „Ein linker Realo“, antwortet er und schiebt lachend nach: „In Baden-Württemberg ist man automatisch Realo.“ Der Fundi, also der grüne Fundamentalist, hat für ihn „sehr viel Idealistisches und sehr viel Reglementierendes“. Aber: „Das ist nicht meins.“

Dann räumt der Bundestagskandidat aber doch noch ein: „Was mich zum Fundi macht: Die Gemeinschaft hat riesige Chancen – da haben wir ein unbegrenztes Potenzial.“ Das sei auch das Thema, das bei jungen Menschen ankomme: Zukunftschancen. Jugendliche wollten sich ihre Zukunft weder verbauen noch verbauen lassen. „Da hat Grün jedenfalls was im Angebot“, findet Burchard.

Auf der Landesliste seiner Partei rangiert der Lerchenberger auf Platz 20. Nicht sehr weit vorne, aber auch nicht komplett aussichtslos: „Ein Wert zwischen der letzten Landtagswahl und der letzten Bundestagswahl würde mir reichen.“ Theoretisch könnte er ja auch das Direktmandat im Wahlkreis Göppingen holen. „Au ja“, sagt Dietrich Burchardt. „Ich würde das gerne – aber ob das die Wähler auch wollen?“

Dietrich Burchard ist Jahrgang 1965, geboren in Stuttgart und in einer „Aktivistenfamilie“ in Göppingen aufgewachsen, wie er selbst sagt. Sein Vater Gerd Burchard war Mitglied der ersten Fraktion der Grün-Alternativen Liste (GAL) im Göppinger Gemeinderat. Seine Mutter gründete den ersten Göppinger Bioladen.

Der 51-Jährige ist seit 1988 verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Im Göppinger Stadtteil Lerchenberg wohnt und arbeitet er, ist Geschäftsführer der Holzhaus Zimmerei, die er 1994 mit Freunden gründete. Im Ehrenamt ist Burchard stellvertretender Obermeister der Zimmerer-Innung Filstal, Mitglied im Kreisvorstand der Grünen und im Wirtschaftsausschuss der Stadt Göppingen.

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