Den Mini-Grundschulen will keiner ans Leder

Was wird aus den Mini-Grundschulen im Kreis Göppingen? Und was aus den  Werkrealschulen? Die Antwort könnte unterschiedlicher kaum sein.

|
Die Grundschüler im Kreis können sicher sein, dass ihre Schule trotz weniger Anmeldungen weiterlebt.  Foto: 

Die Schulen sperren jetzt wieder ihre Tore auf. Und die Bildungslandschaft im Landkreis Göppingen hat sich erneut verändert. Von den Gymnasien abgesehen, haben die Schulen in der sogenannten zweiten Säule eine Zeitenwende durchgemacht. Das wurde jetzt bei der Pressekonferenz des Staatlichen Schulamts Göppingen deutlich.

Quintessenz: Das formale Etikett, das draußen auf dem Schild steht, spielt kaum noch eine Rolle. Beispiel Haupt- und Werkrealschulen: Sie sind fast von der Bildfläche verschwunden. Nur noch jeder zwanzigste Fünftklässler wechselt auf eine solche Schule. Nicht einmal 100 sind es im ganzen Landkreis.

Dabei sollte aber niemand auf den Irrtum verfallen, dass es keine Werkreal- oder Hauptschüler mehr gibt, erklärt Schulamtschef Jörg Hofrichter. Viele Jugendliche machen auch künftig den Hauptschulabschluss, besuchen aber Realschulen oder Gemeinschaftsschulen. Deshalb seien  die nackten Zahlen auch irreführend.

Bei den Grundschulen sind die Daten eindeutig. Mini-Einheiten  sind hier keine Seltenheit. Insgesamt 14 Grundschulen im Landkreis unterschreiten inzwischen die magische Zahl von 16 Erstklässlern – im Raum Geislingen sind dies die Schulen in Wiesensteig, Mühlhausen, Reichenbach im Täle, Bad Überkingen und Eybach. In manchen Schulen wie in Mühlhausen oder in Hohenstaufen sind die Anmeldungen sogar einstellig.

Dennoch kommt niemand auf die Idee, dort den Stecker zu ziehen. Das stellt Jörg Hofrichter klar: „Die Eltern erwarten von uns, dass wir das Versprechen halten: Kurze Beine, kurze Wege.“ Die Grundschule vor Ort sei vielen Eltern wichtig, auch wenn sie sich bewusst sind, dass die Klassen möglicherweise zwei Jahrgänge umfassen und manches Angebot nicht mehr möglich ist: beispielsweise Ganztagsbetreuung. Erst, wenn die Zwergschulen allzu klein werden, komme es zu Erosionserscheinungen, die existenzgefährdend sind. Ein solcher Fall sei ihm im Landkreis Göppingen derzeit aber nicht bekannt, so der Schulamtsleiter.

Bei den Werkrealschulen geht hingegen das Sterben weiter: Lediglich die Lindenschule in Geislingen (31 Fünftklässler), die Walther-Hensel-Schule in Göppingen (22 Fünftklässler), die Silcherschule in Eislingen (18) sowie die Schurwaldschule in Rechberghausen (17)  haben noch nennenswerte Anmeldungen. Alle anderen stehen vor dem Aus oder sind bereits verschwunden. Den Erfolg etwa der Geislinger Lindenschule erklärt sich Schulamtschef Hofrichter folgendermaßen: „Es gibt Eltern, die suchen das klassische Konzept der Haupt- und Werkrealschule, weil sie sagen, dass ihr Kind so die spezielle Förderung erhält, die es dort gibt. Die Lindenschule bietet dies.“

Die Realschulen rangieren mit fast 800 Fünftklässlern im Landkreis Göppingen fast gleichauf mit den Gymnasien und sind ungefährdet. Allerdings bieten die Realschulen neuerdings ein viel breiteres Spektrum: Hier können die Kinder auch den Hauptschulabschluss machen.

16 Prozent der Fünftklässler im Schulamtsbezirk besuchen eine Gemeinschaftsschule, die sich per se die individuelle Förderung  auf die Fahnen geschrieben haben – und mit der entsprechenden Flexibilität anbieten müssen. Hofrichter findet die Vielfalt gut: „Warum sollen wir eine Sekundarstufe von der Stange anbieten?“, fragt er. Bei den Gymnasien habe sich in den vergangenen 40 Jahren auch noch niemand darüber beschwert, dass sie ein individuelles Profil entwickeln. „Da findet es jeder toll.“ Jetzt werde eben an allen Sekundarschulstandorten Unterricht auf verschiedenen Niveaustufen und differenzierter Unterricht angeboten.

Hofrichter verhehlt nicht, dass die regionale Schulentwicklung in vielen Städten und Gemeinden zu scharfen Konflikten geführt hat, vor allem bei der Neuschaffung von Gemeinschaftsschulen und beim Aus für Haupt- und Werkrealschulen. „Da gibt es aber kein richtig oder falsch“, findet der Schulamtschef. Der Umbruchprozess sei auch nicht abgeschlossen.

Dass die Geislinger Gemeinschaftsschule am Tegelberg Platzprobleme habe, sei ein ganz spezifisches Geislinger Problem, betont Hofrichter, „ein Standortproblem“: „Wenn ich eine Schule dorthin plane, muss ich mir darüber im Klaren sein.“ An dem Problem arbeite man „ganz intensiv“, aber Bedarf für eine zweite Gemeinschaftsschule in Geislingen sehe er nicht.

Die Befürchtung, dass die Grundschulempfehlungen nur noch Makulatur sind, habe sich indes nicht bestätigt: „Die Eltern gehen sehr verantwortungsvoll mit den Empfehlungen um“, sagt Hofrichter. Keinesfalls würden die Gymnasien gestürmt. Diese Schulart habe im Landkreis sogar weniger neue Kinder als dafür eine Empfehlung erhalten haben. Zu dem habe beigetragen, dass die Lehrer mit den Eltern mittlerweile viel intensiver und früher über Leistungen und Entwicklungen der Kinder, sprechen.

Auch auf anderen Feldern hat sich viel getan: Ganztagsangebote sind mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Der inklusive Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung werde zum Normalfall.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Den Weihnachtsbaum auf dem Auto richtig sichern

Viele Menschen bringen ihren Weihnachtsbaum mit dem Auto nach Hause. Auch bei kurzen Wegen kommt es auf die richtige Sicherung an, mahnt die Polizei. weiter lesen