Den Fiskus im Nacken

|
Geschäftsführer Helmut Geister und sein Sohn Fabian, der auch im Unternehmen mitarbeitet, zeigen moderne Kassen. In ihrer Firma in Uhingen brummt derzeit das Geschäft. Foto: Giacinto Carlucci  Foto: 

Die Zeit läuft: Bis zum 31. Dezember müssen Unternehmer fiskalfähige Registrierkassen eingeführt haben. Mit dem neuen Gesetz will die Bundesregierung Steuerbetrug einen Riegel vorschieben ­– vor allem im Einzelhandel und in der Gastronomie, wo viel Bargeld fließt. Diese  Branchen sehen sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, Schwarzarbeit, niedrige Löhne und Wirtschaften am Fiskus vorbei als Geschäftsmodell zu praktizieren. Die unterschlagenen Umsätze richteten einen Schaden von etwa zehn Milliarden Euro im Jahr an, sagt Helmut Geister, Geschäftsführer des gleichnamigen Kassen-Systemhauses in Uhingen.

Der Chef des Marktführers in der Region weiß, wovon er redet. Regelmäßig sitzt er mit Selbstständigen am Tisch, denen Steuerprüfer und -fahnder auf die Schliche gekommen sind und denen wegen einer nicht vorhandenen oder mangelhaften Buch- beziehungsweise Kassenführung eine empfindliche Steuernachzahlung droht, weil der Umsatz zugeschätzt wird. „Das werden ganz schnell große Zahlen. Das tut richtig weh“, unterstreicht der Geschäftsführer und fügt hinzu: „Die Zahl der Betriebsprüfungen hat extrem zugenommen.“

Daher will er Händler und Gastronomen „aufrütteln“, im günstigsten Fall etwa 950 Euro in eine fiskaltaugliche Kasse zu investieren. Geister appelliert seit geraumer Zeit an seine Kunden, nicht erst zu reagieren, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Zudem arbeitet er eng mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), Steuerberatern und der Industrie- und Handelskammer (IHK) zusammen und hält im ganzen Land Vorträge zum Thema Registrierkassen. Die Säle seien voll, sagt Geister, und viele rüsteten nun kurz vor Ablauf der sechsjährigen Übergangsfrist ihre Kassen auf oder kauften neue. Dementsprechend brummt bei Geister das Geschäft. „Wir sind voll mit Aufträgen“, sagt der Chef, dessen Unternehmen in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden ist. Die 15 Mitarbeiter am Standort Uhingen schieben Überstunden.  „Wir haben in diesem Jahr extrem viel Umsatz“, meint Geister, „aber eigentlich müsste es noch viel mehr sein“. Damit will er sagen, dass längst nicht alle Gastronomen ihre Kassen umstellten.

Susanne Weißkopf, stellvertretende Vorsitzende des Dehoga im Kreis Göppingen, sieht das anders: „Wir sind an dem Thema schwer dran und informieren unsere Mitglieder. Die Kurse und Seminare sind voll, die Leute wollen das auch richtig machen“, ist ihr Eindruck. Die Gastronomin aus Uhingen ärgert sich, „dass wir so an den Pranger gestellt werden. Wir haben nichts zu verbergen. Wer ordentlich arbeitet, hat auch nichts zu befürchten“. Schwarze Schafe gebe es überall, aber ihrer Ansicht nach werde die Gastronomie „vorverurteilt, als wenn wir die absoluten Steuersünder sind. Wir sind keine Schwerverbrecher“, sagt Weißkopf. Die Gastronomen hätten „das Gesetz angenommen“, auch wenn die Umstellung „ein Riesenaufwand“ sei. Zudem koste so eine Registrierkasse etwa 3000 Euro. „Das muss erst einmal verdient werden.“

Gernot Imgart, der stellvertretende Geschäftsführer der IHK in Göppingen, stößt in dasselbe Horn: Auch er spürte bei einer Infoveranstaltung „ein gewisses Misstrauen und eine Unzufriedenheit“ unter Händlern und Gastronomen, „weil grundsätzlich unterstellt wird, dass man betrügt“. Diese neue Kasse sei „ein erhebliches Investment“, der stationäre Handel müsse im Gegensatz zu seinen Internet-Konkurrenten eine weitere Belastung wegstecken. Auch Imgart sieht es als nicht gerechtfertigt an, wegen „einzelner schwarzer Schafe“ ganze Branchen in ein schlechtes Licht zu rücken.

Einig sind sich Helmut Geister und Gernot Imgart, dass ein Kuriosum die ganze Debatte erschwert: In Deutschland gibt es nämlich keine Pflicht, eine Registrierkasse zu verwenden. Wer eine „offene Ladenkasse“ führt, also sein Geld in der Schublade ablegt, bewegt sich im absolut rechtssicheren Raum. Doch Imgart warnt: Händler oder Gastronomen, die eine solche Kasse führen, müssten akribisch Buch führen. Helmut Geister findet klare Worte: „Deutschland ist in punkto Kassensysteme hintendran. Ich wäre so froh, wenn es eine klare Linie gäbe – so wie in Italien.“

Ab dem 1. Januar 2017 müssen Registrierkassen jeden Vorgang einzeln elektronisch aufzeichnen. Diese Aufzeichnungen muss das Finanzamt jederzeit auslesen können. Die Daten müssen unveränderbar sein, sämtliche Buchungen muss das Unternehmen den Betriebsprüfern digital zur Verfügung stellen können. Jede nachträgliche Veränderung muss dokumentiert werden. Die Betriebe haben die Möglichkeit, eine neue Software auf ihrer bisherigen Kasse zu installieren oder eine neue zu kaufen.

Ab 1. Januar 2020 Die Kassenrichtlinie, die die Bundesregierung im Jahr 2010 beschlossen hat, wird zum 1. Januar 2017 verbindlich. Doch es gibt bereits ein neues Gesetz über die Einführung manipulationssicherer Kassensysteme. Dieses gilt ab 1. Januar 2020 beziehungsweise ab 1. Januar 2023 für Unternehmen, deren aktuelle Registrierkassen nicht mit dieser technischen Sicherheitseinrichtung aufrüst­bar sind.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Klinik: Krauter-Pläne stoßen weiter auf Skepsis

Im Beisein von Landrat Edgar Wolff berät der Göppinger Gemeinderat am Donnerstag über Pläne, die Klinik am Eichert zu sanieren und weiterzunutzen. weiter lesen