Den Amerikanern gefiel es hier auch

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    Ist im Alten Schulhaus in Dürnau aufgewachsen: Inge Langer, Tochter des damaligen Lehrers Friedrich Mühlhäußer. Foto: 
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    Hier lernten die Dürnauer fürs Leben. Foto: 
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Verkaufen? Abreißen? Sanieren? Diese Frage trieb den Dürnauer Gemeinderat lange um, bevor er  sich im Dezember 2014 für die Erhaltung und die Sanierung des alten Schulhauses aussprach. Jetzt ist die Sanierung des ortsbildprägenden Gebäudes abgeschlossen. Dass das mitten im Ort befindliche Gebäude einst am Ortsrand stand, wissen nur noch ältere Dürnauer.

Zum Beispiel Inge Langer, die im Alten Schulhaus 1938 das Licht der Welt erblickte. Ihr Vater Friedrich Mühlhäußer war im November 1934 als „Hauptlehrer“ nach Dürnau gekommen und bewohnte mit seiner Frau und den drei Kindern das Obergeschoss des Schulhauses. „Hinter dem Schulhaus war alles Brachland und Wiese“, erzählt sie. „Im Erdgeschoss befanden sich drei Räume. Im einem wurden vormittags die Kinder der Klassen 2 bis 7 unterrichtet. Nachmittags  waren dann die Abc-Schützen an der Reihe. Im zweiten Raum fanden der Religions- und der Handarbeitsunterricht statt. Der dritte Raum, war für Utensilien, aber er wurde im Dritten Reich beschlagnahmt und diente einem Göppinger Lebensmittelgeschäft als Lager.“

Wichtiger Brunnen

Inge Langers Vater war lange Zeit der einzige Lehrer. Er unterrichtete alle Fächer außer Religion und Handarbeit. „Die Handarbeitslehrerin kam immer aus Boll her, und Religion wurde von der Pfarrersfrau unterrichtet“, erinnert sich Inge Langer und erzählt mit glänzenden Augen von einem idyllischen Garten und dem tiefen Brunnen vor dem Haus, aus dem in trockenen Sommern ganz Dürnau Wasser holte. „Unsere Wohnung war groß, und das Wohnzimmer mit fünf mal sieben Metern riesig.“

Doch das Familienglück sollte nicht anhalten. Friedrich Mühlhäußer musste in den Krieg ziehen und seine Familie musste sich die Wohnung bald mit fremden Leuten teilen. „Zuerst wurden Evakuierte einquartiert, später Ausgebombte und Flüchtlinge. „Es war ein Kommen und Gehen und im Schnitt wohnten acht bis zwölf Personen in der Wohnung“, erzählt Inge Langer. „Das große Wohnzimmer wurde mit Schränken geteilt und mein Bruder begann die Bühne auszubauen, damit alle ein bisschen mehr Platz hatten. In der Küche benutzten alle unsere Sachen mit. Die Leute hatten ja nichts und meine Mutter sah das ziemlich entspannt.“

Als 1945 die Amerikaner einmarschierten, mussten die Mühlhäußers für drei bis vier Wochen die Wohnung räumen und kamen verteilt bei Bekannten unter. Den Amerikanern gefiel die Wohnung im Alten Schulhaus als Quartier, denn in der Küche gab es eine mit einer Sperrholzplatte abgedeckte Badewanne. „Die haben viel gebadet, die Amis“, lacht Inge Langer heute und erzählt: „Zu mir waren sie sehr nett. Sie schenkten den Kindern Schokolade und Kaugummi.“ Weniger nett sei allerdings gewesen, dass nach ihrem Abzug vieles aus der Wohnung fehlte. „Zum Beispiel die Lederhosen meiner Brüder und meines Vaters und die Märklin-Eisenbahn. Vaters Fotoapparat mussten wir abgeben.“

Nach dem Krieg gab es im Schulhaus zwei Klassen und zwei Lehrer. Da mit den Heimatvertriebenen viele Katholiken ins Dorf gekommen waren, übernahm Stadtpfarrer Wäschle deren Religionsunterricht. „Ich hab manchmal gelauscht“, gesteht Inge Langer, deren Vater 1946 schließlich aus dem Krieg zurückkehrte. 1953 zog die Familie Mühlhäußer in die so genannte „Schulsiedlung“, die rund ums Schulhaus entstanden war.

Proberaum für Gesangverein

Als Lehrer und Schüler 1955 ins neu erbaute Schulhaus umzogen, wurden im Ober- und das Dachgeschoss des Alten Schulhauses vier Wohnungen eingebaut. Das Untergeschoss wurde von einer Schneiderei, der Volks- und Raiffeisenbank, der Post und dem Textilgeschäft Funke genutzt. In einem Raum probten lange Zeit Gesangverein, Kirchen- und Posaunenchor. 1960 eröffnete eine Mangelstube. Es folgte ein Textilhandel und 1987 wieder eine Mangelstube, jetzt von Christa Reinert, die dann auch im Obergeschoss wohnte. 19 Jahre stand das als „Original“ bekannte kleine Energiebündel gut gelaunt hinter dem dampfenden Heißmangelungetüm, bis sie 2006 mit 71 Jahren schweren Herzens aus gesundheitlichen Gründen das Mangeln einstellte und nach Bad Boll zog. Bis 1993 war im Schulhaus auch das Rathausarchiv eingelagert. Zuletzt befand sich in den ehemaligen Klassenräumen ein Second Hand- und ein Sportgeschäft.

Chronik Anno 1711 kaufte die Heiligenstiftung das Haus der Witwe Veronika Rohm in der Wühlegasse für 425 Gulden und richtete darin ein Schulhaus für Dürnau ein. Die Schulaufsicht hatte der Ortspfarrer. 1719 wurde ein neues Schulhaus bei der Kirche gebaut, weil das Haus in der Wühlegasse baufällig war. Später wurde es zum „Gasthaus Traube“, das bis in die 50er-Jahre stand. So hat es Ortshistoriker Manfred Wolfhard recherchiert.

Neubau Das nun sanierte Schulhaus wurde 1870/71 gebaut und diente diesem Zweck bis 1955. Friedrich Mühlhäußer war von 1934 bis 1966 Schulleiter.

Sanierung Morgen ab 11 Uhr wird das Gebäude nach umfassender Sanierung eingeweiht. Es hat fünf Wohnungen und eine Gewerbeeinheit.

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